Hollenstedt. Julia Krücken hat es aus dem Keller geschafft. Die 37-Jährige sitzt auf einem weißen Designer-Stuhl in einem riesigen Raum mit roten Wänden, der früher einmal der Tanzsaal von Hollenstedt (Kreis Harburg), einer 3000-Seelen-Gemeinde südlich von Hamburg, war. Heute arbeitet Krücken hier. Das war nicht immer so. Vor rund vier Jahren gründete sie zusammen mit ihrem Mann Stefan den Ankerherz Verlag - damals noch im Keller ihres früheren Hauses.
Ankerherz zählt zu den unabhängigen Verlagen. Anders als die Großen der Branche gibt das Ehepaar Krücken nur Bücher heraus, die sie auch selbst interessieren. Fast alle der inzwischen neun Ankerherz-Buchtitel erzählen Geschichten aus dem wahren Leben. Fast alle haben etwas mit den Weiten des Meeres und riskanten Schifffahrten zu tun. "Wir schätzen einfach die Romantik des guten alten Buchs", sagt Julia Krücken. "Und der Romantikfaktor ist bei Seemannsgeschichten besonders hoch."
Bundesweit gibt es nach Angaben der Kurt-Wolff-Stiftung (KWS), die sich für die Förderung unabhängiger Verlage einsetzt, knapp 2000 kleine und unabhängige Verlage. Im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Dachverband für Verleger in Deutschland, machen sie rund zwei Drittel aller Mitgliedsverlage aus. Dennoch haben die kleinen Unternehmen mit ihren kreativen Namen wie "kookbooks", "konkursbuch" oder "Verbrecher Verlag" ein Problem: Dem breiten Publikum sind sie kaum bekannt.
"Besonders am Anfang war das frustrierend", erinnert sich Julia Krücken. Immer wieder hätten Kunden angerufen, um Bücher direkt bei ihr zu bestellen, nachdem der Buchhändler ihnen gesagt hatte, dass die Titel angeblich nicht lieferbar seien. "Unsinn", erklärte Krücken dann immer. "Die Händler hatten da einfach keinen Bock zu."
Auch Horst Temmen vom Verlag Edition Temmen in Bremen hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Der Buchhandel ist mittlerweile in großen Teilen sehr stark am Mainstream orientiert", sagt der 60-Jährige, der seit 25 Jahren seinen eigenen Verlag leitet. Wenn diese Logik weiter anhielte, würden immer mehr kleine und unabhängige Titel aus den Regalen verschwinden, befürchtet Temmen. In diesem Jahr rechnet der Verleger deshalb mit Umsatzeinbußen von rund zehn Prozent.
Die KWS, der oberste Förderer der kleinen Verlage, hat das Problem erkannt. Natürlich gehe es der gesamten Branche schlecht, erklärt KWS-Vorsitzender Stefan Weidle. "Das Buch hat seine Rolle als Leitmedium verloren." Im Buchhandel seien aber vor allem die kleinen Verlage systematisch benachteiligt. Weidle fordert deshalb eine staatliche Förderung speziell für unabhängige Buchhandlungen. "Ich denke da an eine Art Prämiensystem, ähnlich der Förderung von Programmkinos."
Die Bücher von Ankerherz verkaufen sich auch ohne Fördermittel in hoher Stückzahl. Allein das erste Buch "Orkanfahrt", das die Geschichten von 25 Kapitänen erzählt, hat inzwischen eine Auflage von 30 000 Exemplaren erreicht - was selbst für große Verlage ein sehr guter Wert ist.
Zu den Großen möchte Krücken dennoch nicht gehören: "Wir können viel schneller unsere Themen umsetzen und haben keine langen Entscheidungswege wie die bekannten Verlage", sagt Krücken. Natürlich sei dadurch auch das Risiko höher auf die Nase zu fallen - ohne Risiko mache Verlegen aber auch keinen Spaß.
lni
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