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Stuckrad-Barres Autobiografie "Panikherz" Obsession Oberfläche

Das Comeback des Benjamin von Stuckrad-Barre: „Panikherz“ ist nicht nur eine Autobiografie mit Anfang in Niedersachsen, einer Katharsis nach dem Kokaintaumel und dem Finale in einem mythenumrankten Hotel in Hollywood, sondern ein Ritt durch die Popkultur der Nullerjahre. Da war doch was?

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Zu sehr bei sich: Benjamin von Stuckrad-Barre.

Quelle: dpa

Hannover . Ausgerechnet auf Udo Lindenberg ist Verlass. Nachts, wenn Benjamin von Stuckrad-Barre mal wieder von Drogen aufgeputscht, ideenirre und leer zugleich umhergeistert, ruft er so manches Mal sein Idol an. Er darf das, der Musiker ist inzwischen ein Freund. Und auch „der Udo“ ist nachts meistens wach. „Was machst’n immer so, Stucki-man?“, fragt Lindenberg dann. Fressen, kotzen, koksen, fressen, kotzen, koksen. Das hat Stuckrad-Barre meist gemacht. Das lindenbergsche Genuschel, keine Panik, alles klar, Andrea Doria, es beruhigte den jungen Schriftsteller im Rausch.

Benjamin von Stuckrad-Barre liest aus seinem aktuellen Buch "Panikherz" im Apollo in Linden.

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Lindenberg half – und war Startpunkt für Aufstieg, Verfall und Wiederauferstehen des Popliteraten Stuckrad-Barre. Der Sog des Rockstar-Lebens brachte den Rockstar-Absturz mit Magersucht, Bulimie, Drogenkliniken, Depressionen, Psychiatrien – all das war schon lange über Stuckrad-Barre bekannt, das Aufschreiben aber hat gedauert. Im mythenumrankten Chateau Marmont in Hollywood, von Stars umgeben, fand der Schriftsteller zum Schreiben zurück. Udo sei Dank.

„Panikherz“ ist Stuckrad-Barres Comeback: Mit 41 Jahren legt er eine Autobiografie über die Kindheit als Pastorensohn in der niedersächsischen Provinz vor, über den frühen Ruhm mit dem Roman „Soloalbum“ (1998), das Dasein als Literaturposterboy, über den Erfolgsdruck und das Scheitern an der eigenen Ich-Fixiertheit. Mittlerweile kommt er ohne Drogen und Alkohol zurecht, sagt er. Die 560 Seiten Autobiografie sind auch eine Irrfahrt durch die Pop-Kultur, ein Wiedersehen mit den Helden der Neunziger und Nullerjahre, den Sehnsüchten der Generation Golf (Pullunder! Tennismädchen! Milchschnitte! Oasis! Nutella!).

Pullunder! Tennismädchen! Milchschnitte!

„Stucki“ galt Ende der Neunzigerjahre neben Christian Kracht („Faserland“) als eine Art Jack Kerouac der deutschen Literaturszene, mixte Pop und Literatur, frönte dem Dandytum. Viel geblieben ist von dieser Popstar-Phase der Literatur nicht – Tweets, Posts und Blogeinträge ersetzen den Hipstern heute das popliterarische Gesamtwerk. Kracht hat sich aus dem einstigen Image spätestens mit „Imperium“ herausgeschrieben, Stuckrad-Barre hat mit merkwürdigen Talkshows und seltsamen Projekten in den vergangenen Jahren eher verwirrt. Jetzt weiß man, wie es dazu kommen konnte.

Benjamin von Stuckrad-Barre will ins Licht, das weiß er früh. Die erste Kassette von Udo Lindenberg, die sein Bruder ihm schenkt, führt zu einem Erweckungserlebnis. Da ist er zwölf Jahre alt, fühlt sich gefangen im bildungsbürgerlichen Pfarrhaus in Rotenburg-Wümme. „Öko“, damals noch Schimpfwort und nicht Berliner Lifestyle, heißt für den Jungen: lila Halstücher beim Kirchentag in Hannover, Dosenwerfen für Afrika beim Eine-Welt-Laden, und immer riecht alles irgendwie nach „unterm Arm“. Er wollte Schlagzeug spielen, doch es musste C-Flöte sein. Er schielte neidisch auf die Milchschnittenmitschüler mit Tennis-Müttern, auf den Arztsohn mit dem Walkman und stets ausreichend Ersatzbatterien – alles „Spießer“ in den Augen seiner Eltern. Jahre später ist Stuckrad-Barre Popstar – und sein Vater Pastor in der Jakobi-Gemeinde in Hannover-Kirchrode, die Mutter leitet den Kirchenchor.

Der Sohn kommt selten vorbei, meist wirbelt er vollgekokst durch die Schweiz, durch Berlin, Hauptsache, weg – und verbringt Heiligabend mit „Happy Meal“ und Dealer statt mit Familie, so ist es in „Panikherz“ zu lesen. Die Familie ist es allerdings auch, die ihn wieder hochzieht, als er pleite und drogenabhängig den Boden erreicht hat. Er schämt sich.

Schon als Teenager träumt sich Stuckrad-Barre weg aus Rotenburg, und Udo Lindenberg dient ihm als Fluchthelfer. Dessen Kosmos aus Hamburg-Romantik, Weltweisheit und Lebemann-Attitüde wird zu seinem Ideal, obwohl Lindenberg schon in den Achtzigerjahren zur Parodie seiner selbst geworden ist.

„Udos Werk und Auftritte empfand ich von Beginn an als Werbung für den Rausch als solchen, Rausch als Spaß und Selbstzweck, Rausch aber auch als Protest, als Haltung“, schreibt Stuckrad-Barre. Er setzt viel daran, Freund zu werden, statt Fan zu bleiben. Und er findet einen Weg. Ihm gelingt das „Reinschlawinern“ in die High Society, sein Schlüssel ist die Popmusik.

Ein Leben auf der Überholspur - immer auf der Suche nach "Licht"

Als er als Abiturient in Göttingen die Punk-Band Bates zur Abi-Feier auf den Schulhof karrt, ist das sein erster großer Erfolg. Er ist jetzt wer. Und setzt an zum Leben auf der Überholspur. Er wird Praktikant bei einer Plattenfirma in Hamburg, Redakteur beim „Rolling Stone“. Doch es genügt Stuckrad-Barre nicht, über die Musikwelt zu schreiben, Platten zu vermarkten. Er will mehr. Mehr Glamour, mehr Licht, er will ein Held sein.

Er sucht stets nach der „undichten Stelle im Organismus“, schlawinert sich so auch den Kontakt zu Harald Schmidt – und wird einer seiner Gag-Schreiber. Nebenbei schreibt der damals 23-Jährige in nur drei Wochen seinen ersten Roman „Soloalbum“, die Mädchen feiern ihn wie einen Popstar. Die erste Kokslinie drapiert Stuckrad-Barre auf einer Oasis-Platte. Er meint: „Ein angemessener Altar für diese Premiere.“

Stuckrad-Barre ist im Licht angekommen. Dabei dauernervös, überbelesen, hyperaktiv, drogenfiebrig. Er will im Scheinwerferlicht gut aussehen, Dünnsein wird zur Obsession, aus Magersucht wird Bulimie. „Panikherz“ ist ein Ritt durch Pop- und Society-Kultur: Er nimmt Drogen mit Rammstein, er langweilt sich mit Bret Easton Ellis in Los Angeles, als beide nüchtern sind. Er begegnet Westernhagen beim Arzt und Courtney Love in der Raucherecke. Thomas Gottschalk, Sven Regener, die Prinzen, Elvis Costello, Rio Reiser – alles gute Bekannte.

Im Elternhaus wird ihm früh seine Fixierung auf Äußerlichkeiten vorgeworfen. Die Oberfläche wird zu seiner Obsession – und zu seinem größten Talent. Es ist seine Stärke, das Banale zu katalogisieren und die Absurditäten des Alltäglichen zu sammeln. Als Chronist der Gegenwart war Stuckrad-Barre immer am besten: als Reporter für die „Welt“, in seinen Büchern „Deutsches Theater“ oder „Auch Deutsche unter den Opfern“. Da ist er gnadenlos und hart mit der „deutschen Knoppersseele“. Auch „Panikherz“ birgt viele Beobachtungen, in denen sich der Normaldeutsche ertappt, vorgeführt fühlt.

Stuckrad-Barre lässt sich von der Oberflächlichkeit zerstören und bleibt doch weiter an der Oberfläche: Das „Namedropping“ dient auch hier immer wieder dem Zweck nach noch mehr „Licht“. Schaut, was ich alles erlebt habe! Ein Generationenporträt ist „Panikherz“ nicht geworden, kann es nicht sein, dafür ist Stuckrad-Barre zu sehr bei sich. Zu viel Oberflächlichkeit ist ungesund – das hatten ja auch schon die Eltern im Pfarrhaus gesagt.
Und, wie geht es Benjamin Stuckrad-Barre jetzt? „Man muss aufpassen“, schreibt er.

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Panikherz“. Kiepenheuer & Witsch. 576 Seiten, 22,99 Euro.

Quelle:

Benjamin von Stuckrad-Barre liest am Donnerstag, 14. April, im Apollo-Kino in Hannover. Die Veranstaltung ist fast ausverkauft. Tickets: HAZ-Ticketshop unter  tickets.haz.de.

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