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Schlüsselwerk von Richard Yates auf Deutsch verfügbar
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Schriftsteller der Seelennot Schlüsselwerk von Richard Yates auf Deutsch verfügbar

Mit „Eine gute Schule“ ist jetzt das Schlüsselwerk von Richard Yates auf Deutsch verfügbar – das stärkste Selbstbekenntnis des Autors von „Zeiten des Aufruhrs“ - und damit der Weg frei für eine weitere Renaissance.

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„Die rollende Bombe” – so sollen seine Studenten Yates genannt haben, der seinen Mazda mit den Knien lenkte, die Zigarette in der einen, den Sauerstoffschlauch in der anderen Hand.

Quelle: DVA

Berlin. „Dann erhob und drehte er sich so rasch und nervös, dass sie entdeckte, was er zu verbergen hatte: Vorn an seiner Hose war eine große, bebende Ausbeulung. Und sie war peinlich berührt, aber auch genant erfreut.“ Bis zu dieser Entdeckung zwischen Edith und William, der 16- und dem 17-Jährigen, haben beide förmliche Höflichkeiten ausgetauscht über seine Arbeit für die Schülerzeitung. Doch die bloße Ahnung der Figuren von den sublimen Botschaften jenseits der gesprochenen Worte ist für die Leser längst Gewissheit. Intimität und Wohlanständigkeit, Machtbewusstsein und Bigotterie, Hoffnung  und absehbares Scheitern – so viele Facetten weiß Richard Yates in wenigen Sätzen anzureißen. Und so nahe bringt er seinen Lesern damit seine Figuren.

So nah wie in dem Roman „Eine gute Schule“ ist man auch dem jahrelang fast vergessenen Schriftsteller selbst noch nicht gekommen. Denn jener William Grove ist das Alter Ego von Richard Yates. Der 1992 gestorbene Autor wird inzwischen mit US-Schriftstellergrößen wie Jerome  David Salinger oder John Updike verglichen – wegen der Virtuosität, mit der er die inneren Kämpfe, Sehnsüchte und Widersprüche seiner Figuren schildert. Und wie die Erzählungen des schüchternen William über die Schülerpostille seine Chancen bei dem Mädchen allenfalls vorübergehend steigern, so ist auch seinem Autor trotz allen schriftstellerischen Vermögens in der Wirklichkeit wenig Glück beschieden.

Wie das Schreiben eine Figur – vielleicht außer bei der Annäherung ans andere Geschlecht – voranbringt, schildert er gleichwohl in diesem Entwicklungsroman über Jugendliche zwischen Pubertät und Weltkriegsfronteinsatz – an einer Schule, auf die er selbst mit Wohlwollen zurückblickt. „Sie half mir durch die schlimmsten Momente meiner Adoleszenz“, schreibt er im Nachwort, „und sie hat mich die Grundzüge meines Gewerbes gelehrt.“

Wer mehr über den Autor als von diesem selbst erfahren will, kann seit diesem Herbst außer zu „Eine gute Schule“ auch zum „Fatalen Glauben an das Glück“ greifen, in dem Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, Yates als Schriftsteller würdigt, dem es geglückt sei, „die ,schrecklichen Fallen‘ autobiografischer Prosa zu vermeiden: Selbstmitleid und Selbsterhöhung“.

Tatsächlich ist es eben weder Koketterie noch Arroganz oder Snobismus, wenn Yates die Schriftstellerei ganz handfest als „Gewerbe“ bezeichnet. Begonnen hat er nach der Rückkehr von der Weltkriegsfront als Agenturreporter. Doch da hatte er längst das Zeug zu viel mehr als bloß journalistischem Handwerk. Denn Yates, ein Scheidungskind mit früh verstorbenem Vater und überspannter Mutter, ist gleichsam in der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit aufgewachsen. Armut, Alkoholismus und Tabaksucht waren früh seine Begleiter. Offenbar ist eine schwere Kindheit keine schlechte Schule für einen Schriftsteller der Seelennot. Doch durchschlagen musste er sich unter anderem als Lehrer für „Creative Writing“ – in Boston beispielsweise, wo er bei seinen Studenten überdies für seinen riskanten Fahrstil in seinem uralten Mazda bekannt war.

Zwar ist der 1926 in New York geborene Yates von so prominenten Autoren  wie Stewart O’Nan, Joyce Carol Oates, Cormac McCarthy oder Richard Ford als Geheimtipp oder sogar Vorbild gehandelt worden. Doch er selbst erlangte erst Prominenz, als „Revolutionary Road“ mit Kate Winslet und Leonardo di Caprio verfilmt wurde. Hier kam der Film im Jahr 2009 unter dem deutschen Buchtitel „Zeiten des Aufruhrs“ in die Kinos. In diesem Roman lotet Richard Yates erstmals die Kluft zwischen dem hohen Anspruch und dem tiefen Fall seiner Landsleute nach der Ära des Kommunistenfressers Joseph McCarthy aus.

„Revolutionary Road“ war übrigens 1975 der erste und lange Zeit einzige Titel, der von Yates auf Deutsch verfügbar war. Und das bizarrerweise zunächst im DDR-Verlag Volk und Welt und erst 2002 bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA). Dort sind inzwischen noch sechs weitere Titel erschienen. Seine Romane „Cold Spring Harbor“ und „Young Hearts Crying“ harren noch immer der Übersetzung. Bleibt nur zu hoffen, dass außer „Eine gute Schule“ auch das Buch von Rainer Moritz dazu beiträgt, dass auch diese letzten Werke von Richard Yates bald in deutscher Übersetzung erscheinen.

Richard Yates: „Eine gute Schule.“ Deutsch von Eike Schönfeld. DVA, 240 Seiten, 19,99 Euro; Rainer Moritz: „Der fatale Glaube an das Glück. Richard Yates – sein Leben, sein Werk.“ DVA, 202 Seiten, 19,99 Euro.

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HAZ-Redakteur/in Daniel Alexander Schacht

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