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Warum moderne Literatur an Schulen kaum vorkommt
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Leseleid Warum moderne Literatur an Schulen kaum vorkommt

Literatur soll bilden. Aber doch auch Spaß machen und begeistern, oder? Obwohl in den Empfehlungen für Schulen zeitgenössische Werke durchaus eine Rolle spielt, wird dort oft das Immergleiche gelesen.

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Der 14 Jahre alte Schüler Jascha liest in Karlsruhe seine Schullektüre „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt.

Quelle: dpa

Karlsruhe. Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Wolfgang Borchert - wer sich in die Listen vermeintlich aktueller Schullektüre vertieft, glaubt sich um Jahrzehnte zurückversetzt. „Da ist nichts neu hinzugekommen - warum eigentlich nicht?“, wundert sich Peter Spuhler. Der Intendant des Badischen Staatstheaters sitzt im Beirat für kulturelle Bildung, der das Kultusministerium berät. „Warum "Homo Faber", mein Gott! Also nichts gegen das Buch, aber Schüler interessiert das nun wirklich gar nicht.“

Die Themen sind heute nicht mehr die Themen wie vor 40 Jahren, findet Spuhler. Aber einfach Intendanten oder die Kulturschaffenden fragen - das geht nicht. In Deutschland ist die Sache kompliziert. Die Kultusministerien sind für die Prüfungsthemen zuständig. Darüber schwebt die Kultusministerkonferenz KMK, die die Bildungsstandards erarbeitet. „Dabei stützen wir uns auf die Ergebnisse der Literaturwissenschaft. Die Erkenntnisse, die dann einfließen, sind State of the Art in der Germanistik“, erläutert ein Sprecher. „Wir schlagen auch Texte aus der jüngeren und jüngsten Literatur vor. Alle Fachwissenschaftler und Fachdidaktiker werden dazu befragt.“

In deren Empfehlungslisten finden sich in der Tat auch Werke, die - fast - bis in die Gegenwart reichen. „Der Eindruck, dass Schüler dasselbe lesen wie vor 50 Jahren und die Literatur der vergangenen 30 bis 40 Jahre keine Berücksichtigung findet, ist nicht zutreffend“, sagt Martin Brück, der die Lektüreverzeichnisse für die Gymnasien Baden-Württembergs erstellt hat. Aber finden aktuelle Bücher auch tatsächlich den Weg in den Unterricht?

„Nein“, sagte Winfried Bös vom Philologenverband. „Moderne Literatur ist nachgerade ein Tabuthema.“ Bei den Abiturthemen gebe es in diesem Jahr zum ersten Mal seit 30 Jahren ein aktuelles Werk: „Agnes“ von Peter Stamm - allerdings auch schon aus dem Jahr 1998. Ansonsten verharre man bei Werken von vor 1970. Das liege am System: „Wer sucht die Abi-Themen überhaupt aus? Wie werden die Jahr für Jahr geboren?“, fragt Bös. „Ich habe noch nie folgende Frage gehört: Was interessiert die Schüler und was macht ihre Lebenswelt aus?“

An den Haupt- und Realschulen sehe es nicht viel besser aus, so Bös. An „gängiger Literatur“ der Gegenwart für den Grund- und Werkrealschulbereich listet das Regierungspräsidium Stuttgart Bücher von knapp 20 Autoren auf, von Michael Ende bis Martin Walser. Bis auf eine Ausnahme ist keines jünger als 30 Jahre.

„Man setzt eben gerne auf das Altbekannte, weil man dann abgesichert ist“, mutmaßt die Landesvorsitzende des Realschullehrerverbandes, Irmtrud Dethleffs-Niess. Vielleicht sei dies auch ein Beleg, dass die Literaturwissenschaft nicht auf dem neuesten Stand ist. „Es dauert einfach eine Weile, bis ein Buch im Kanon der Weltliteratur ankommt.“ Nach ihrer Erfahrung gehen etliche Deutschlehrer eigene Wege, indem sie etwa zu Jugendbüchern greifen. „Das ist zwar nicht die 'Standardliteratur', aber die Jugendautoren sprechen oft die Sprache der Jugendlichen.“

Unterstützung bekommen sie dabei von der Stiftung Lesen. Sie versorgt Eltern, Kinder und Lehrer mit Leseempfehlungen, entwickelt Unterrichtsmaterialien, die kostenlos im Internet nachzuschlagen sind. Sogar einen Lehrerclub hat die Stiftung ins Leben gerufen, in dem bundesweit inzwischen rund 30 000 Pädagogen Mitglied sind. „Wir wollen erst die Begeisterung fürs Lesen wecken, dann können sich Kinder auch andere Werke vornehmen“, sagt eine Sprecherin.

„Ich wünsche mir sehr eine bessere Zusammenarbeit mit den Schulen, denen wir Tipps geben können“, sagt Intendant Spuhler. „Man kann Jugendliche heute gesellschaftlich begeistern, aber dafür muss man sie mit Themen fesseln, die sie interessieren.“ Das sei allein mit Nachkriegsliteratur aus den 50ern und 60ern aber nicht möglich. Im Gegenteil. „Der Effekt ist verheerend, denn damit bringen Sie die Leute wirklich um die Lust an der Literatur.“

dpa

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