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Schriftsteller

Zum 100. Geburtstag beschäftigen sich mehrere Biografen mit Max Frisch

Von Martina Sulner

Immer unterwegs: Vor 100 Jahren wurde Max Frisch geboren. Gleich mehrere Biografen beschäftigen sich mit dem Leben des Schweizers, der 1991 verstarb und zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren gehört. Seine Texte sind auch heute noch bedeutend.
Meist schrieb er mit der Schreibmaschine bei Besuchen - wie hie rin Hannover - aber griff Max Frisch auch zur Feder.

Meist schrieb er mit der Schreibmaschine bei Besuchen - wie hie rin Hannover - aber griff Max Frisch auch zur Feder.

© W. Hauschild

Manche Romananfänge brennen sich in das kollektive literarische Gedächtnis ein. Der Beginn von Max Frischs 1954 erschienenem Roman „Stiller“ ist solch ein Satz: „Ich bin nicht Stiller“, behauptet da jemand – und nach und nach erfährt der Leser von den zahlreichen Versuchen eines Mannes, zu beweisen, dass und warum er nicht der seit Jahren verschollene Bildhauer Ludwig Anatol Stiller sein könne.

Die Frage nach Identität: Das ist ein großes Thema von Max Frisch, der am 15. Mai 1911 – am Sonntag vor 100 Jahren – geboren wurde. Der Schweizer, der einige Jahre als Architekt gearbeitet hat, gehört zu den wichtigen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Romane wie „Homo faber“, „Mein Name sei Gantenbein“, „Stiller“, die autobiografische Erzählung „Montauk“ und Dramen wie „Andorra“ und „Biedermann und die Brandstifter“ waren Erfolge bei Kritikern, Lesern und Theaterbesuchern.

Das Interesse von Literaturwissenschaftlern und -journalisten an dem 1991 gestorbenen Schriftsteller ist groß, davon zeugen etwa die neuen Biografien (siehe untenstehenden Text). Doch hat Frisch heutigen Lesern noch etwas zu sagen?

Zumindest werden seine Texte noch gelesen und seine Dramen noch aufgeführt. An deutschen Bühnen findet man seine Stücke selten. Doch an Schweizer Theatern war er in der Spielzeit 2008/2009, so die aktuelle Erhebung des Deutschen Bühnenvereins, der meistgespielte Autor und „Andorra“ das Stück mit den meisten Zuschauern.

„Andorra“ und „Biedermann und die Brandstifter“ stehen auch auf der Empfehlungsliste des niedersächsischen Kultusministeriums für den Deutschunterricht. An Schulen ist Frisch immerhin so präsent, dass sich die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Praxis Deutsch“, die im Seelzer Friedrich Verlag erscheint, mit ihm beschäftigt. Allerdings erhalten Lehrer hier in erster Linie Anregungen, die über die Beschäftigung mit Frischs berühmten Dramen hinausgehen.

Auch „Montauk“ biete sich als Unterrichtsstoff an, meint etwa Henning Bothe vom hannoverschen Bezirk des Deutschen Germanistenverbands. Dieser autobiografische Text vermittle Schülern Impulse, selber autobiografisch zu schreiben. Für Bothe haben „Homo faber“ und „Montauk“ heute noch Bestand: „wegen ihrer äußerst verknappten Sprache, der interessanten Ichperspektive und weil der Erzähler sich selbst immer wieder der Lüge überführt“.

Frischs Texte sind von der Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg, von der Erfahrung, dass das Kollektiv mehr gilt als der Einzelne, und von dem Auflehnen dagegen geprägt. Doch das Ringen darum, was „wahre“ Identität ist, was der Begriff überhaupt meinen und erfassen kann, bewegt heute noch genauso wie vor einem halben Jahrhundert. Da treffen Frischs Romane den Nerv des heutigen Lesers eindeutig mehr als die parabelhaften Stücke „Andorra“ und „Biedermann“, die recht angestaubt wirken.

Von größerem Reiz sind seine Romane und Tagebuchaufzeichnungen auch wegen des Dauerbrennerthemas Liebe. Der Autor hatte Beziehungen zu zahlreichen Frauen – auch zu Ingeborg Bachmann –, und in seinen Romanen tauchen stets Männer auf, die von einer Frau zur nächsten wandern und zugleich von einem anderen Leben mit wieder einer anderen Frau träumen. Unrast kannte Frisch aber auch in ganz prosaischer Hinsicht: Er war ein großer Reisender. Das greift etwa die Ausstellung im Literaturhaus München auf, wo bis Ende Juni die Ausstellung „Heimweh nach der Fremde“ zu sehen ist. Auch in seiner Reiselust erscheint uns der 1911 geborene Autor als sehr heutig.

Eine Max-Frisch-Ausstellung in Zürich hingegen geht vor allem der Frage nach, wie der Autor Schweizer Leser begleitet und geprägt hat. In seinem Heimatland ist Frisch als einer bekannt, der sich zu politischen Belangen äußerte und in öffentliche Diskussionen eingriff. Zwei Jahre vor seinem Tod machte er noch einmal Furore mit dem Text „Schweiz ohne Armee? Ein Palaver“, in dem er sich vor einer Volksabstimmung zur Abschaffung der Armee zur Rolle des Militärs äußerte.

In der Schweiz ist Frisch zwar nicht unumstritten, aber sein 100. Geburtstag wird von zahlreichen Aktivitäten begleitet – vom Erscheinen einer Sonderbriefmarke bis zu Poetry Slams, die an sein Werk anknüpfen. Der Suhrkamp Verlag, der Frisch verlegt, hat zum 100. Geburtstag einige Sonderausgaben herausgegeben, darunter auch Frischs „Entwürfe zu einem dritten Tagebuch“. Im vergangenen Jahr erschienen die Aufzeichnungen aus dem Nachlass. Die „Entwürfe“ und auch andere Frisch-Titel verkaufen sich in der hannoverschen Buchhandlung Decius recht gut. Bei Leuenhagen & Paris macht sich laut Junior-Chef Dirk Eberitzsch „der 100. Frisch-Geburtstag ein bisschen bemerkbar“. In der Lister Buchhandlung laufen derzeit vor allem die Biografien gut, während „Andorra“ als Schullektüre seit Jahren stark nachgefragt werde.

Der Suhrkamp Verlag, das Berliner Ensemble und der Bund Deutscher Amateurtheater suchen derweil im Jubiläumsjahr die beste Jugendaufführung eines Frisch-Stücks. Und das muss nicht unbedingt „Andorra“ sein.

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