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Kultur Charly Hübners „Winterreise“ im Funkhaus
Nachrichten Kultur Charly Hübners „Winterreise“ im Funkhaus
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00:17 03.10.2018
31. Niedersächsische Musiktage, Mercy Seat – Winterreise, Charly Hübner (Stimme), Kalle Kalima (E-Gitarre), Carlos Bica (Bass), Max Andrzejewski (Schlagzeug), Ensemble Resonanz, Tobias Schwencke (Komposition), 30.09.2018, NDR Landesfunkhaus Niedersachsen, Großer Sendesaal, Hannover 180930-NDR Mercy Seat Quelle: Foto: Helge Krueckeberg
Hannover

Sonderbar: Die Gräber auf dem Friedhof sind Zimmer, und der Friedhof selbst ist ein Wirtshaus. Es ist zu überfüllt, um den einsamen Wanderer aufzunehmen, der hier ermüdet einkehren will. Üblicherweise fällt es kaum auf, wenn der Sänger kurz vor Schluss in sonorem Tonfall von dieser schräg-morbiden Station auf Franz SchubertsWinterreise“ berichtet. Doch diesmal stockt der Sänger. Es ist, als wundere er sich selbst über das, was er da singt. Das Wirtshaus, die Gräber – ist das nicht fast lächerlich dick aufgetragen? Der Sänger versucht ein kurzes Lachen, dann stockt er scheinbar ratlos und schickt ein entschuldigendes Lächeln hinterher, das schon wieder erstickt ist, ehe es die Lippen ganz erreicht hat. Denn mit dem Lächeln kommt auch die Erkenntnis, dass vielleicht gerade diese Lächerlichkeit die Tragik der Situation noch größer macht.

Der Sänger ist der Schauspieler Charly Hübner, der im Fernsehen beim Rostocker Polizeiruf 110 den Kommissar Alexander Bukow spielt und nun zum Abschluss der Niedersächsischen Musiktage im Funkhaus seine Version von Schuberts berühmten Liederzyklus präsentiert hat. Er singt, wie Schauspieler singen, wenn sie gut singen: Beeindruckend sauber und klar, aber ohne die weitgespannten Phrasierungen, mit denen Profisänger die Töne wie natürlich aneinanderreihen können. So klingt auch Schuberts melancholischer Wanderer immer ein bisschen wie der zynische Bettlerkönig Peachum aus der „Dreigroschenoper“.

Dafür kann Hübner den Tönen kleine Gesten wie das abgestorbene Lächeln beigesellen: Mit Blicken, Bewegungen und sprechender Körperhaltung erzählt er die Geschichte hinter der Geschichte, während er die „Winterreise“ singt. Er macht deutlich, wie breit der Pinselstrich ist, mit dem Schubert und sein Textdichter Wilhelm Müller in ihrem Lied das sonderbare „Wirtshaus“ malen. Und doch verliert er nicht den zunehmend düsteren Gesamteindruck des Gemäldes aus den Augen.

Solche feinen Details, mit denen der Schauspieler dem Kunstlied das Künstliche auszutreiben sucht, sind aber nur ein Aspekt dieses bemerkenswerten Liederabends. Statt von einem Pianisten wird Hübner im Funkhaus von den Streichern des Hamburger Ensembles Resonanz begleitet – der Komponist Tobias Schwencke hat die Stücke des Abends für die besondere Besetzung arrangiert. Dazu gehören auch drei Lieder des kanadischen Sängers Nick Cave, die dunkle Schatten auf Schuberts Reisenden werfen. Cave singt in „Wild Roses“ und „Mercy Seat“ von Mord und Hinrichtung, und Hübner nutzt seine Songs, um aus dem melancholischen Wanderer einen vom Gewissen gehetzten Täter zu machen. Das funktioniert erstaunlich gut: Zumindest kann man etwas besser verstehen, warum dem Wanderer beim Anblick eines Friedhofes eine wahnsinnig-schwere Todessehnsucht befällt.

Dass es auch musikalisch passt, liegt vor allen an Kalle Kalima, Max Andrzejewski und Carlos Bica. Die drei Jazzmusiker können mit Gitarre, Schlagzeug und Bass bei Schubert wie bei Cave glühendes Leid zum Klingen bringen und kurz danach so schwebend und leicht spielen, als sei nichts gewesen. Großartig, wie Schlagzeuger Andrzejewski am Ende des Abends mit einem Solo die Wiederholung von „Mery Seat“ einleitet, die diesmal nicht kühl in der „Winterreise“ mündet, sondern mit dem Stromschlag des elektrischen Stuhls. So fühlt es sich zumindest an, wenn dazu im abgedunkelten Saal schlagartig das Licht aufleuchtet.

Beim „Leiermann“, der Schuberts Liederzyklus beschließt, fehlen danach sogar Charly Hübner die Worte. Wie ein Echo klingt die verlorene Melodie nur in einer einsamen Bratsche nach. „Schaurig“ erschien Schubert die eigene Komposition, als er sie erstmals aufführte. Im Funkhaus kann man das teilweise bedrückend deutlich nachvollziehen. Schaden hat im Publikum aber offenbar niemand genommen: Der anschließende Applaus ist euphorisch.

Die Musiktage

Die diesjährige Ausgabe der von der Sparkassenstiftung ausgerichteten Niedersächsischen Musiktage war die letzte von Intendantin Katrin Zagrosek. Es gab 45 Konzerte im ganzen Land, die Auslastung lag bei durchschnittlich 87 Prozent. Im kommenden Jahr übernimmt Zagroseks Nachfolger Anselm Cybinski: Vom 31. August bis zum 29. September 2019 gibt es Konzerte zum Thema Mut.

Von Stefan Arndt

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