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Kultur Max-Slevogt-Kunstschau im Landesmuseum
Nachrichten Kultur Max-Slevogt-Kunstschau im Landesmuseum
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16:40 08.10.2018
Mit leichtem Strich – der „Papageienmann“ (1901) von Max Slevogt. Quelle: Landesmuseum Hannover
Hannover

In schwarzer Ritterrüstung sitzt Fernando Cortes mit fordernder Geste dem mexikanischen König Montezuma gegenüber. Vor dem Spanier kniet eine Figur und bietet ihm Früchte dar, reihenweise werfen sich Azteken angesichts des Eroberers, den sie für einen Gott halten, zu Boden. Das Ganze ist mit souveränen Pinselstrichen in strahlendes Licht getaucht, welches nur Cortes und seine düsteren Soldaten nicht erhellt.

So erscheint das Ereignis von 1519 in dem Gemälde „Fernando Cortez vor Kaiser Montezuma von Mexiko“ (1917), das von der Vielseitigkeit seines Schöpfers zeugt. Denn da wird Historienmalerei mit Exotik und Erotik verbunden, da sind Elemente von Theatralik, von Musik und Tanz zu ahnen. Dem historischen Cortes-Bericht „Die Eroberung Mexikos“ hat er zahlreiche Illustrationen gewidmet. Und das Licht kennt man von den impressionistischen Werken dieses Künstlers.

Die Ausstellung zum 150. Geburtstag des Malers Max Slevogt im Landesmuseum führt umfassend wie nie zuvor die Vielfalt des Künstlers vor Augen.

Schließlich ist Max Slevogt (1868-1932) vor allem als Impressionist bekannt geworden, er zählt zum „Dreigestirn des deutschen Impressionismus“. Diese Formel stammt vom Kunsthändler Paul Cassirer, der damit um 1900 neben den schon prominenten Künstlern Max Liebermann und Ernst Corinth auch Max Slevogt erfolgreich vermarktet. Dabei illustriert gerade das Mexiko-Bild, dass dieser Erfolg auch ein Verhängnis war. Denn es zeigt, dass Slevogt weitaus mehr umgetrieben hat als impressionistische „Eindrucksmalerei“.

„Der ganze Slevogt“

Die Vielfalt dieses Künstlers rückt die neue Kunstschau des Landesmuseums in den Blick, das auf 800 Quadratmetern Sonderausstellungsfläche jetzt neben dem Maler auch den weniger bekannten Illustrator zeigt, „den ganzen Slevogt“, wie Thomas Andratschke betont, der Kurator der Slevogt-Schau. Der ganze Slevogt, das ist eine ganze Menge. Denn das Haus, das den weltweiten größten Bestand an Werken des „Dreigestirns“ hat, verfügt nach den Landesmuseen in Mainz und Saarbrücken durch die Schenkung des Slevogt-Freundes und -Sammlers Konrad Wrede auch über den reichsten Bestand an Slevogt-Werken. Immerhin 28 Gemälde sind es, hinzu kommen Zeichnungen mit einem Gesamtvolumen von 2671 Einzelarbeiten.

„Wir zeigen zum 150. Geburtstag des Künstlers 150 Werke und Werkgruppen“, sagt Andratschke, „darunter 40 Leihgaben aus anderen Häusern.“ Zeit seines Lebens habe Slevogt neue Impulse aufgenommen, aber auch frühere fortgeführt. Und neben der Darstellung von Ereignissen oder eben Eindrücken in der Tradition der Impressionisten habe den Künstler stets auch die „Kopfkunst“ bewegt, Gemälde und Zeichnungen nach historischen, mythologischen, literarischen und musikalischen Motiven.

Die Ausstellung bietet daher nicht nur eine chronologische Abfolge, sondern nimmt, ganz wie der Künstler, viele Fäden wiederholt auf. Erotik und Exotik ist da aus der Münchner Studienzeit wie aus den Berliner Jahren zu sehen, etwa mit dem „Frauenraub“ (1905), den Andratschke neben dem gleichfalls populären „Papageienmann“ (1901) zeigt, oder in den späteren Bildern Interieurs mit Tänzerinnen. Ihnen stellt Andratschke die Landschaftsbilder gegenüber, darunter auch die beliebten Weinbergsmotive von Slevogts Landsitz Neukastel. Gegenüber vom inszenierten „Frauenraub“ ist eine von Slevogts Lieblingsinszenierungen zu erleben: Das Gemälde „Champagnerarie“ (1907), mit dem der Künstler nicht nur Mozarts „Don Giovanni“, sondern auch dem Bariton Francisco d’Andrade huldigt, mit dem er seit Jugendjahren befreundet war. In mehreren Vitrinen sind überdies teils dickleibige Editionen seiner Zeichnungen zu bewundern, Illustrationen zu Mozarts „Zauberflöte“ etwa, Zeichnungen zu „Tausendundeiner Nacht“ oder Theatrales von „Macbeth“ bis zu „Faust II“, dem Slevogt allein 438 Blätter gewidmet hat.

Seiner Zeit voraus

Seiner Zeit voraus war der um 1914 zunächst kriegsbegeisterte Künstler zweifellos mit seiner Mappe „Gesichte“, die das Grauen des Krieges in monströsen Kopfgeburten und surrealen Hirngespinsten zeigt. Da lässt Slevogt einen Soldaten mit dem abgetrennten eigenen Bein wie mit einem Gewehr anlegen, da trommelt ein anderer mit bloßen Armstümpfen zum Angriff, da wird der Krieg als bizarrer „Selbstmordautomat“ gezeigt.

Dass dieser künstlerische Reichtum erst jetzt offenbar wird, liegt auch daran, dass der SlevogtNachlass erst 2014 ans Landesmuseum Mainz übergegangen ist und noch ausgewertet wird. Bis daraus neue Einsichten erwachsen, dürfte diese Ausstellung den wohl umfassendsten Einstieg in eine Gesamtschau bieten.

Das Restaurant im Landesmuseum soll überdies zur Ausstellung dazu einladen, das künstlerische Erlebnis mit einem kulinarischen Ausstieg abzurunden: mit einem mit einem „Slevogt-Menü“, gestaltet nach einer seiner Menükarten – denn auch die hat der Künstler gern illustriert.

„Max Slevogt. Eine Retrospektive zum 150. Geburtstag“. Vom bis zum im Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee. Zur Ausstellung erscheint unter demselben Titel ein lesenswerter und reich bebilderter Katalog (Michael-Imhof-Verlag, 400 Seiten, 39,95 Euro).

Eine Bildergalerie unter haz.de/slevogt

 

Von Daniel Alexander Schacht

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