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Kultur Theatermacher Milo Rau im Gespräch
Nachrichten Kultur Theatermacher Milo Rau im Gespräch
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14:30 19.10.2018
Milo Rau Quelle: Deprez
Hannover

Am Dienstag werden im Sprengel Museum die 21. Hannah-Arendt-Tage eröffnet. Die Eröffnungsrede hält der Regisseur Milo Rau, ein Experte für Protest –nicht nur auf der Bühne.

Bei den diesjährigen „ Hannah Arendt Tagen“ in Hannover steht das Thema „Protest!“ im Mittelpunkt. Sie halten den Eröffnungsvortrag und sprechen über „Die Kunst des Widerstands“. Sind Sie ein Experte für Protest?

Ja, das scheint so. Als Beispiel möchte ich vom „Kongo-Tribunal“ berichten. In dieser Produktion habe ich gefragt, was man eigentlich tun kann, damit eine Alternativphantasie zum Zustand der Dinge entsteht. Es geht um den Bürgerkrieg im Ostkongo mit seinen geschätzt bis zu zehn Millionen von Toten. Es gab Tausende von Massenverbrechen, aber nie einen Prozess. Da haben wir dann dieses Tribunal gegründet und die Taten auf der Bühne mit den wirklich Beteiligten verhandelt. Denn was es nicht in der Wirklichkeit gibt, das muss es in der Kunst geben.

Worum ging es dabei genau: um Gerechtigkeit oder um eine Utopie?

Hannah Arendt hat genau dazu etwas sehr schönes gesagt. Für das Böse braucht man keine Phantasie, aber für das Gute braucht man durchaus Phantasie. Dass man sich Alternativen vorstellt und ausmalt und vielleicht auch in einem bestimmten Rahmen realisiert – das ist das, was Kunst kann. Das kann ein Raum der Gerechtigkeit sein oder wie bei meiner jüngsten Inszenierung in Gent ein Raum der Solidarität. Es kann aber auch ein Raum der Schönheit sein. Ich bin ja Theatermacher, da spielen Momente der Schönheit immer eine wichtige Rolle bei der Auslösung des Aktivismus.

Das Spiel selbst könnte doch dem Aktivismus auch schaden. Peter Handke hat mehrfach darauf hingewiesen, dass alles, was auf der Bühne geschieht, Spiel ist, dass also Protest auf der Bühne immer verkleinert und zum Spiel wird. Was würden Sie Handke entgegnen?

Ich würde ihm entgegenhalten, dass ja alles Spiel ist. Unsere gesamte Zivilisation ist gefrorenes Spiel. Wir haben ja alles erfunden: Das Parlament, die Demokratie, das waren alles Erfindungsakte der Menschen. Alles Menschliche ist zuerst ein Spiel.

In Ihrem Stück „Five Easy Pieces“ haben Sie Kinder die Verbrechen des Kindermörders Marc Dutroux nachspielen lassen. Und sie haben die Verteidigungsrede des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik von einer deutschtürkischen Schauspielerin vortragen lassen. Man könnte Ihnen vorwerfen, dass Sie viel tun, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Ist das ein Vorwurf, der Sie trifft?

Nein, im Gegenteil. Ich bin froh, wenn meine Arbeit debattiert wird. Der Austausch mit dem Publikum ist zentral für mich - und für politische Kunst überhaupt.

Welche Bedeutung hat Hannah Arendt für Ihre Arbeit?

Zur Vorbereitung auf die Hannah-Arendt-Tage in Hannover habe ich wieder mal einiges von ihr gelesen und ich finde es unglaublich, wie sehr ihre Philosophie immer wieder dem gesunden Menschenverstand Ausdruck verleiht. Was sie über Flüchtlinge, über Demokratie oder über das Böse sagt, das ist immer wieder auf geradezu erstaunliche Weise direkt einleuchtend. Das liegt auch daran, dass sie über Flüchtlinge, über Ausgrenzung und über Faschismus immer auch aus ihrer eigenen Erfahrung spricht. Dieser Erfahrungszusammenhang ist sehr beeindruckend. Sie ist eine unglaublich plastische Philosophin.

Unrecht ist möglicherweise leicht benennbar. Aber in einer komplizierten Welt ist es doch nicht immer so einfach mit dem Protest.

Sicher ist das schwer. Die Welt ist komplex, aber das war sie auch schon zu Hannah Arendts Zeiten. Sie hat über Eichmann geschrieben und darüber, wie das Böse in die Welt kommt - und selbst den Handelnden gar nicht weiter auffällt. Die Ermordung von sechs Millionen Juden war ein einfacher Verwaltungsvorgang. Das hat sie interessiert und das interessiert auch mich in meiner Arbeit. Wie kommen wir heute etwa dazu, ein System der extremen Ungerechtigkeit zuzulassen, das unseren Planeten zerstört und die nächsten Generationen ins Verhängnis, in eine Welt der Kriege, des Mangels und der Massenmigration stoßen wird? Wie kann es sein, dass wir wissen, was wir tun – und es trotzdem tun?

Wer ist der Adressat des Protests, wenn doch die meisten irgendwie mitmachen?

Der Adressat ist die eigene Wahrnehmungsfähigkeit. Wir müssen uns fragen, wie wir eine Empfindsamkeit für die desaströse Realität unserer Lebensweise entwickeln können. Im Übrigen können wir gleich morgen anfangen, alles zu ändern. Es liegt sehr vieles in unserer Handlungsmöglichkeit.

Im Programmflyer der Hannah-Arendt-Tage fragt Hannovers Oberbürgermeister, wann die Leser das letzte Mal an einer Demonstration teilgenommen haben. Dann erzählt er, dass er beim „Kippa-Walk“, einer Demonstration gegen Antisemitismus, unterwegs war. Ist das noch Protest, wenn ein Oberbürgermeister dazu aufruft?

Ich kenne Hannovers Oberbürgermeister nicht persönlich. Aber es gibt eben schreiendes Unrecht und es ist wichtig, dass man dagegen aufbegehrt. Ich war mit meinen Töchtern kürzlich im Hambacher Forst, weil ich meine Töchter in einer Protestkultur aufwachsen lassen möchte. Der Einzelne hat Handlungsmöglichkeiten, es ist wichtig, dass man sie wahrnimmt.

 

Zur Person

... ist Theatermacher und Publizist. Seit dieser Spielzeit ist der 1977 geborene Milo Rau Intendant des Nationaltheaters Gent. Dort will er ein auf internationale Tourneen spezialisiertes „globales Volkstheater“ etablieren. 2015 versammelte Rau im kongolesischen Bürgerkriegsgebiet 60 Zeugen und Experten zu seinem „Kongo Tribunal“. Im Jahr darauf bracht er „Five Easy Pieces“ heraus, ein Stück, in dem Kinder die Verbrechen des Kindermörders Marc Dutroux nachspielen. Rau, der mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, gilt als einer der spannendsten und einflussreichsten Regisseure der Gegenwart. Zur Eröffnung der Hannah-Arendt-Tage in Hannover, die sich in diesem Jahr dem Thema „Protest“ widmen, spricht er am Dienstag, 23. Juni, um 19 Uhr im Sprengel Museum über „Die Kunst des Widerstandes“.

 

„Protest!“

Im Mittelpunkt der diesjährigen Hannah-Arendt-Tage, die vom 23. bis zum 27. Oktober stattfinden, steht das Thema „Protest!“ Eröffnet wird die Veranstaltungsreihe im Sprengel Museum mit einem Vortrag des Regisseurs Milo Rau über „Die Kunst des Widerstandes“. Im Sprengel Museum Hannover wird dann auch Benjamin Bergmann Ausstellung „The Revolution Will Not Be Televised“ eröffnet.

Am Mittwoch, 24. Oktober, diskutieren Netzaktivisten um 19 Uhr im Foyer des Conti-Hochhauses der Leibniz Uni über das Thema „Protest im Netz“. In der Stadtbibliothek wird es eine „Hannah Arendt Lecture“ geben, im Veranstaltungszentrum Faust ist eine Performance geplant. Zum Abschluss der Hannah-Arendt-Tage am Sonnabend, 27. Oktober, sprechen Daniel Cohn-Bendit und Sabrina Zajak von 10 bis 12 Uhr im Schloss Herrenhausen über die Möglichkeiten von Protest heute.

 

Von Ronald Meyer-Arlt

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