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Kultur „Die Zauberflöte“ eröffnet die Salzburger Festspiele
Nachrichten Kultur „Die Zauberflöte“ eröffnet die Salzburger Festspiele
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00:16 31.07.2018
Zum Wachbleiben: Der Großvater (Klaus Maria Brandauer) liest den drei Knaben vor. Quelle: dpa
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Salzburg

Was soll man mit dieser Oper aller Opern nur machen? Sie verrätseln auf der Suche nach geheimnisvoll tieferem Sinn? Oder die Prinzen, Riesenschlangen und sonstigen Fabelwesen beim Wort nehmen, die Mozarts „Zauberflöte“ bevölkern, und das Ganze als Märchen erzählen? In der Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele hat die amerikanische Regisseurin Lydia Steier einen Mittelweg gewählt – und ist dabei dem wohl unerreichbaren Ziel einer gänzlich überzeugenden „Zauberflöten“-Inszenierung ein gutes Stück entgegengekommen.

Das Weltendrama wird bei ihr zur Familiengeschichte. Unter dem strengen Regiment eines Patriarchen, der nach dem Tischgebet sein Essen verschlingt und dann hinter der Abendzeitung verschwindet, gibt es Platz für Fantasie nur am Rand des Tages: Wenn die drei Kinder ins Bett gehen, liest der Großvater ihnen noch eine Geschichte vor. Im Halbdunkel vermischen sich Realität und Fiktion. Schon wird der joviale Koch zum Vogelfänger und die hysterische Mutter zur Königin der Nacht. Und bald sind die drei Knaben als hilfreiche Geister selbst in ein Geschehen verwickelt, das bunt und verspielt beginnt und aus dem es doch ein hartes Erwachen gibt. Die „Zauberflöte“ ist hier eine große Nachtmusik am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Am nächsten Morgen wird die Welt eine andere sein.

Die Stärke der Inszenierung liegt weniger in der grundsätzlichen Konzeption, deren einzelne Komponenten durchaus nicht neu sind, als in ihrer detailscharfen und originellen Umsetzung. Schon während der Ouvertüre entfaltet Steier das ganze patriarchalische Status quo der Rahmenhandlung in einer rasanten Choreografie.

Die beachtliche Geschwindigkeit dabei ist auch dem Dirigenten Constantinos Carydis geschuldet, der die Wiener Philharmoniker und das Sängerensemble unerbittlich antreibt. Nicht immer können dabei alle ganz mühelos folgen, aber dieses Risiko verleiht dem Abend einen eigenen Reiz: Von gelangweilter Routine ist in dem vielgespielten Stück hier jedenfalls nichts zu hören. Und gute Gründe für seine Tempi hat Carydis auch: Er orientiert sich auch beim Gesang zumeist an der Geschwindigkeit der gesprochenen Sprache. Das klingt manchmal erstaunlich ungewohnt, ist aber ebenso überzeugend wie die dezent angebrachten zusätzlichen Verzierungen und Continuo-Begleitstimmen. So frech und frisch klingt die „Zauberflöten“-Musik jedenfalls selten.

Ruhepol der Inszenierung ist Klaus Maria Brandauer in der hinzuerfundenen Sprechrolle des Großvaters. Er liest die in elf Kapiteln („Der Zauberer“, „Paminas Entscheidung“) unterteilte Geschichte mit großer, für ihn eher untypischer Gelassenheit. Zugleich ist er auch der Motor der Handlung: Der Großvater übernimmt als Erzähler große Teile der Dialoge, mit denen sich sonst die Sänger abquälen. Brandauer dagegen hört man sehr gern zu – erst recht, wenn er mit seinen Texten Abkürzungen durch das manchmal umständliche Handlungsgeflecht schlägt.

So können die Sänger sich ganz aufs Singen konzentrieren: Mauro Peter und Christiane Karg sind als Tamino und Pamina ein schlankes, elegantes Prinzenpaar, Albina Shagimuratova ist eine eindrucksvolle Königin der Nacht. Rätselhaft dagegen ist die Entscheidung, den an sich fabelhaften Bariton Matthias Goerne die Bass-Partie singen zu lassen: Ihm fehlt naturgemäß die für einen Sarastro dringend erforderliche Tiefe. Bariton Tareq Nazmi ist als Sprecher dagegen der richtige Mann am richtigen Ort: Sein Rezitativ gehört zu den musikalischen Höhepunkten des Abends. Auch die drei Damen und der Tenor Simon Bode von der hannoverschen Staatsoper als Priester und Geharnischter können mit kleinen Rollen großen Eindruck machen.

Auf das opulente Ausstattung von Katharina Schlipf (Bühnenbild) und Ursula Kudrna (Kostüme) trifft eher das Gegenteil zu: Die vielen einzeln beweglichen Räume, die in einem fort hin- und her- und hoch- und runterfahren, die Horde von Artisten, die glitzernd und jonglierend als imaginiert Sarastro-Priester die Manege füllen, erscheinen ein bisschen unverhältnismäßig. Der große Materialaufwand kann leicht den Blick darauf verstellen, dass Regisseurin Steier der heikle Wechsel vom Märchen des Anfangs zum späteren Entwicklungsdrama ziemlich gut gelingt: Spätestens in den Feuer- und Wasserprobe, die den Blick auf die Schrecken des Krieges lenken, wird auch den drei Knaben, die lange spielerisch zwischen den Figuren herumgesprungen sind, der Ernst der Lange bewusst. Die Zeit der Märchen ist vorbei.

Das Publikum, darunter auch die britische Premierministerin Theresa May, lässt sich davon aber die Laune nicht verderben: Viel Applaus, in den sich einige wenige Buh-Rufe für das Regieteam mischen. Von Hannover aus kann man mit einiger Vorfreude auf die bemerkenswerte Produktion blicken: Regisseurin Steier arbeitet regelmäßig mit Laura Berman zusammen, die im kommenden Jahr die Intendanz der Staatsoper übernimmt.

Am Sonnabend, 4. August, 20.15 Uhr, sendet Arte eine Aufzeichnung der Premiere.

Von Stefan Arndt

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