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Kultur So klang „Don Giovanni“ im Maschpark
Nachrichten Kultur So klang „Don Giovanni“ im Maschpark
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00:15 29.08.2018
Umwerfend: Paolo Fanale (Don Ottavio) mit Malin Byström (Donna Anna) beim Klassik Open Air im Maschpark. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Der Mann hat nichts zu melden. Darum hat Mozart für Don Ottavio, dem Verlobten der leidenschaftlichen Donna Anna, in seiner Oper auch nur eine einzige Arie geschrieben. Weil der Komponist es bei einer späteren „Don Giovanni“-Produktion in Wien aber mit einer ganz anderen Sängerpersönlichkeit zu tun bekam als bei der Uraufführung in Prag, bekam die kurzerhand auch eine ganz andere Arie für die Figur. Beide Fassungen haben sich erhalten. So kann man sich heute aussuchen, welche der Arien bei einer Aufführung der Oper gesungen werden soll.

„Don Giovanni“ im Maschpark beim NDR Klassik Open Air

Beim Klassik Open Air im Maschpark allerdings erwies es sich nun als glückliche Entscheidung, sich gerade nicht zu entscheiden: Paolo Fanale singt als hannoverscher Don Ottavio einfach beide Arien, und man hört ihm dabei sehr gern zu: Der junge italienische Tenor ist eine ideale Besetzung für diese Partie. Seine Stimme ist zugleich strahlend, beweglich und geschmeidig, sie tönt so kraftvoll wie einfühlsam. Fanale ragt so noch ein wenig heraus aus dem glanzvollen Sängerensemble, das diese Aufführung zu bieten hat. So, wie er Don Ottavio singt, wirkt die blässliche Figur wie der perfekte Mann – vielleicht wird ihre komplizierte Beziehung zu Donna Anna ja doch noch ein Happy End erleben.

Darüber kann man in Hannover allerdings nur spekulieren: Der Abend schließt nicht wie von Mozart und seinem Librettisten Lorenzo da Ponte vorgesehen mit der allgemeinen Erleichterung über das Ende des Wüstlings Don Giovanni und den näheren Zukunftsplänen der Überlebenden. Im Maschpark bleibt es beim dramatischen Höllensturz des Titelhelden. Dem folgt begeisterter Applaus im Publikum vor und hinter der Bühne, auch wenn die empfindliche Kühle – am Ende um kurz vor halb eins herrschen herbstliche 11 Grad im Maschpark – nicht wenige vorzeitig von Sitzen und Picknickdecken getrieben hat. 17 000 Zuschauer konnten die Veranstalter zuvor zählen, die Generalprobe am Donnerstag hatte nach letzten Angaben 27 000 Besucher. Das Klassik Open Air hat demnach in diesem Jahr insgesamt 44 000 Menschen angezogen: So viele wie nie zuvor.

So geht es weiter beim Klassik Open Air

Auch im kommenden Jahr wird es wieder Oper im Maschpark geben. Vermutlich sogar zwei Opern: Geplant sind „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni und Ruggero Leoncavallos „Bajazzo“ – zwei kürzere Einakter, die oft gemeinsam an einem Abend gespielt werden. Als Aufführungstermin steht der 13. Juli 2019 bereits fest.

Beide Aufführungsvarianten – der gestrichene Schluss und die doppelte Ottavio-Arie – sind keineswegs ungewöhnlich in der Rezeptionsgeschichte der Oper. In Hannover überraschen sie jetzt aber doch ein wenig – schließlich steht mit Andrew Manze ein Orchesterleiter am Pult der Radiophilharmonie, der sonst auf möglichst originales Notenmaterial achtet. Aber eine Opernaufführung, erst recht unter freiem Himmel, ist kein Konzert – man muss dabei viele Unwägbarkeiten berücksichtigen und Kompromisse eingehen. Mag sein, dass auch der Verzicht auf das dramaturgisch interessante Finale dazu gehört. Das Ende mit Schrecken ist bei einer Open-Air-Aufführung zumindest der eindeutigere Schlusspunkt.

Auch in anderen Bereichen scheint Manze bei seiner ersten Opernproduktion sichere Lösungen anzustreben. Zumindest ist oft schwer zu entscheiden, ob seine teilweise erstaunlich langsamen Tempi das Zusammenspiel erleichtern sollen oder rein künstlerische Gründe haben. Gelegenlich ist vor allem im Spiel der Radiophilharmonie zu ahnen, wieviel Luft und Licht bei einem derart gelassenem Mozart-Spiel in die Musik kommen kann. Doch die elektronische Verstärkung gibt derartige Feinheiten nicht viel Raum. So muss man sich wundern, warum etwa das berühmte Duett „Là ci clarem la mano“ von Giovanni und Zerlina trotz seiner fabelhaft fließenden Melodie kaum vom Fleck zu kommen scheint. Aber vielleicht ist das auch nur ein Hinweis auf die zarten Bande, die hier im Stück zwischen dem großen Verführer und dem kleinen Bauernmädchen angeknüpft werden: Sie führen zu nichts.

Ludovic Tézier ist in der Titelrolle nicht mehr ganz der „junge und außerordentlich zügellose Edelmann“, den das Libretto aufführt. Stimmlich aber steht der französische Bariton, der im vergangenen Jahr in etwas passenderer Rolle als Rigoletto im Maschpark zu erleben war, auf der Höhe seiner Kunst: Es ist beeindruckend, wie warm er Zerlina umwerben und welche Kräfte er im stolzen Todeskampf der Figur entfalten kann. Luca Pisaroni ist ihm ein in jeder Hinsicht ebenbürtiger Diener Leporello. Der Italiener setzt auch die stärksten Akzente in der halbszenischen Inszenierung von Michael Valentin.

Elegant und differenziert tönt die Donna Anna von Malin Byström. Ihr Vater, der als steinerner Gast wiederkehrende ermordete Komtur, bekommt bei Michael Dies dagegen deutlich zu wenig Statue. Jennifer Holloway ist eine edle Donna Elvira, und Cassandre Berthon, die Zerlina mit vielen beiläufig eingeflochtenen Verzierungen etwas fabelhaft Schmetterlingshaftes verleiht, und der trotzige Krzysztof Baczyk sind ein so unterschiedliches wie interessantes bäuerliches Paar.

Die Akustik auf der Open-Air-Bühne ist bei der Aufführung gegenüber der Generalprobe verbessert. Die Musiker der Radiophilharmonie, die souverän den niedrigen Temperaturen trotzen, sind gegen die zuvor überpräsenten Sängern aufgewertet. Und auch die Klangbalance in den Ensembleszenen ist etwas präziser ausgesteuert. Die Sorgfalt, die Dirigent Manze üblicherweise auf das Austarieren des Klangs verwendet und die eine seiner größten Qualitäten ist, kann man in der Weite des Maschparks aber trotzdem nur ahnen.

Wahrscheinlich ist ein Stück wie „Don Giovanni“ mit seiner Wendigkeit und Raffinesse ohnehin nicht so gut für eine Freiluftaufführung geeignet wie etwa die wesentlich robustere „Tosca“, mit der das große Erfolgsprojekt Klassik Open Air 2014 aus der Taufe gehoben wurde. Da passt es nicht schlecht, wenn man für die Ausgabe im kommenden Jahr die rustikalsten aller Opern in den Blick genommen hat: Im Gespräch sind die Verismo-Zwillinge „Cavalleria rusticana“ und „Der Bajazzo“.

Von Stefan Arndt

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