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Kultur Neu in der Eisfabrik: Getanzte Anekdoten über den Mann
Nachrichten Kultur Neu in der Eisfabrik: Getanzte Anekdoten über den Mann
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17:34 15.09.2018
In der Eisfabrik geht es bei „Pink or Blue II“ um den Mann und seine Körperlichkeit. Quelle: Bettina Stoess
Hannover

Licht und Ton sagen im Prolog der Choreografie „Pink or Blue Part II“ in der Eisfabrik bereits alles. Flackernde Wechsel, Polaritäten, Verläufe und Collagen mit kurzen Klangfetzen lassen keinen Zweifel: Hier geht es nicht um eindeutig Benennbares oder Darstellbares, sondern um fließende Übergänge, Durchdringungen, vermeintliche Abgrenzungen und die Verweigerung von Stereotypen. Nach zwei Minuten lässt sich das Thema um männliche Körperlichkeit, Gestik und Bewegungsmuster greifen. Der Rest sind Anekdoten, Fußnoten und Exkurse – und natürlich die Ästhetik des Tanzes.

„Ein Stück für vier Männer“ nennt Felix Landerer den zweiten Teil von „Pink or Blue“. Im ersten ging es vor einigen Monaten um die Frauen. Nun prägen die Tänzer Jean Gabriel Maury, Simone Deriu, Rubén Garcia Arabit, Menghan Lou ein Stück auch mit ihren Persönlichkeiten. Wesentlich unterstützt werden sie dabei wie so oft vom Komponisten Christof Littmann. Sein Sound erzeugt Orte und Kontexte, lässt Stadion, Parade oder Volksfest lebendig werden, spürt dem Testosteron in musikalischen Genres wie Minimal, Industrial oder Metal nach.

So nah können sich Schwanensee und Kasatschok kommen

Die kurzen Szenen des einstündigen Stückes stecken voller Details. Viele davon sind gut beobachtet und mit Humor umgesetzt. Formen sich die zwei Finger, die zur Stirn wandern, zur Pistole oder zu einer Denkergeste? Sie lösen sich in Eitelkeit auf, streichen durchs Haar. Immer wieder tauchen Zitate und Paraphrasen aus dem ersten, weiblichen Teil von „Pink or Blue“ auf. Oft entlarven sie bestimmte Gesten endgültig. Mit den Händen angedeutete Hasenohren wirken albern. Aber das ist natürlich bei Frauen nicht anders.

Bewegungen aus Sport, Tanz und Alltag verschwimmen in Posen, die an der Natürlichkeit des Selbstverständlichen zweifeln lassen. Andeutungen von Laufsteg, Disco, Militär, Boyband und Volkstanz lassen erahnen, wie inszenierte Bewegungsabläufe die Wahrnehmung von Körpern zu prägen vermögen. Gegenüberstellungen und Metamorphosen zeigen dabei, wie nah sich Ringen und Walzer, Schwanensee und Kasatschok kommen können.

Landerer fragt nach Ruhelosigkeit, Überreiztheit und Leistungsdenken, nach Gemeinsamkeit und Vereinzelung, erzählt Kleinstgeschichten um Beziehungsmuster. Dabei sind die Rollen selbst dann schwer zu unterscheiden, wenn die Männer plötzlich statt ihrer Anzüge Kleider tragen. Nur bei sexuellen Anspielungen vermag kaum Sinnlichkeit aufzukommen. Vielleicht ist die Choreografie dafür zu kontrolliert, zu eng getaktet. Dazu passt ein abschließendes Solo, das von Verkrampfungen und inneren Kämpfen erzählt.

Es bleibt skizzenhaft

„Pink or Blue“ beeindruckt tänzerisch mit fast beiläufiger Leichtigkeit und intensiver Körperlichkeit. Das Sammelsurium übersteigerter Beobachtungen macht Spaß. Allerdings bleibt es bei Skizzen. Wer um die Fördersituation der freien darstellenden Künste in Hannover weiß, ahnt: Dass Landerer hier überhaupt eine Tanzcompany aufrechterhalten kann, ist bereits eine Leistung. Deren Potenzial beweist er immer wieder neu. Es wäre jedoch an der Zeit, ihm Rahmenbedingungen für langfristig und sorgsam entwickelte Projekte zu ermöglichen.

Weitere Aufführungen: 21., 22., 28. und 29. September sowie 5., 6., 12. und 13. Oktober jeweils um 20 Uhr.

Von Thomas Kaestle

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