Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ausstellung zu archäologischen Fälschungen
Nachrichten Kultur Ausstellung zu archäologischen Fälschungen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 25.11.2018
Original Fälschung: Die kunstvolle „Tiara des Saitaphernes“ ist als Leihgabe aus dem Louvre in Hildesheim zu sehen. Quelle: bpk / RMN - Grand Palais, Foto: HervéLewandowski
Hildesheim

Da hatte der Louvre anno 1896 wirklich ein Schnäppchen gemacht. Gut, der Goldhelm hatte die atemraubende Summe von 200 000 Franc gekostet. Aber der Fund, den Bauern angeblich in einem Grab am Schwarzen Meer gemacht hatten, war ja auch eine archäologische Sensation: Die antike „Tiara des Saitaphernes“ war als Kopfschmuck eines angeblichen Skythenherrschers verlockend exotisch – und weil sie mit Szenen aus der Vita des Achilles verziert war, lag sie zugleich ganz auf der Welle der altphilologischen Popkultur jener Zeit.

Das zeigt die Ausstellung in Hildesheim

So groß anfangs der Stolz, so groß war dann die Scham, als der ukrainische Goldschmied Israel Roukhomovsky bekannte, die Tiara höchstselbst im Auftrag eines dubiosen Kunsthändlers in seiner Werkstatt in Odessa gefertigt zu haben. Die Experten glaubten ihm erst, als der Künstler praktisch unter ihren Augen ein ähnliches Stück in seinem Hotelzimmer nachbaute. Heute gilt die Tiara als eine der berühmtesten Fälschungen in der Geschichte der Archäologie – und hat als solche einen ganz eigenen kunsthistorischen Wert.

Was darf man glauben?

Jetzt ist die Tiara im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim zu sehen. Die Leihgabe aus dem Louvre ist das Prunkstück der Ausstellung „Irrtümer und Fälschungen der Archäologie“, die mehr als 220 Objekte aus der wissenschaftlichen Welt zwischen Schein und Sein präsentiert. Zu sehen sind Münzen und Skulpturen, Schriftstücke und Schmuck.

Auf unterhaltsame Weise rührt die Ausstellung an philosophische Fragen: Was darf man glauben? Wie verlässlich ist das Weltwissen, das doch scheinbar für jeden jederzeit verfügbar ist? Und gilt als Wahrheit nicht oft nur das, was eine Mehrheit an Autoritäten zur Wahrheit erklärt? „Wenn die Grenze zwischen Fakten und Fake News verschwimmt, lohnt es sich besonders, einen Blick hinter den Schein zu werfen“, sagt Museumsdirektorin Regine Schulz.

Für die Ausstellung hat das Museum auch Objekte aus dem eigenen Fundus noch einmal unter die Lupe genommen: Eine ägyptische Amun-Statue wird nach einer C-14-Untersuchung nun als Fälschung eingestuft. Andere Artefakte entpuppten sich als Originale, obwohl Experten ihre Echtheit eher angezweifelt hatten. In einer Vitrine ist ein gutes Dutzend Statuetten versammelt. Besucher können selbst überlegen, welche sie für echt halten. Auf Knopfdruck erstrahlen die Fälschungen dann in einem goldenen Lichtschein.

Leibniz und das Einhorn

Die Ausstellung, die in Teilen schon im LWL-Museum in Herne zu sehen war, zeigt neben falschen Geldmünzen auch ein echtes Exemplar der gefälschten „Hitler-Tagebücher“, die der Fälscher Konrad Kujau dem „Stern“ 1983 für 9,3 Millionen Mark aufschwatzte.

Fälschungen entstehen wie von selbst, wenn es nur einen Markt für sie gibt. Die Sammlerkultur des 19. Jahrhunderts beispielsweise bereitete den Boden für die Produktion vermeintlich antiker Kunstschätze. Doch was für den enthusiastischen Sammler die Leichtgläubigkeit ist, ist für den Wissenschaftler der Irrtum. In Hildesheim ist eine Kopie des berühmten Golddiadems zu sehen, das der Troja-Ausgräber Heinrich Schliemann fälschlicherweise zum „Schatz des Priamos“ erklärte. Und eine angebliche Bügelkrone, gefunden in einem fränkischen Fürstengrab, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als banaler Eimerrand mit Henkel.

Auch die größten Gelehrten sind vor Irrtümern nicht gefeit: Als man 1663 in Quedlinburg das Skelett eines großen Tieres fand, hielten Spitzenforscher dies ernsthaft für die Gebeine eines Einhorns. In Leibniz’ Buch Protagaea erschien sogar eine Skelettskizze des Fabeltieres. Ein Horngespinst. Den Mythos vom Einhorn dürften vor allem Fossilienfunde befeuert haben: In Hildesheim sind Mammut-Stoßzähne zu sehen – und ein mumifiziertes Mammut-Ohr, das 33 000 Jahre alt ist, jedenfalls nach derzeitigem Stand des Wissenschaft.

Als ironisches Schmankerl zeigt die Schau Illustrationen aus dem „Motel der Mysterien“ von David Macaulay. Der US-Künstler malt sich in seiner Sachbuchparodie aus, wie Archäologen im Jahr 4022 ein amerikanisches Motel unserer Tage ausgraben. Eine Klobrille interpretieren sie als auslandenden Halskragen. Und eine Toilette als Wasserheiligtum.

Die Ausstellung ist im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim bis zum 26. Mai 2019 zu sehen. Es gibt ein umfangreiches Beiprogramm mit Vorträgen, Führungen und Workshops. Infos unter (05121) 93690.

Von Simon Benne

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur NDR-Sachbuchpreis - Interview mit Daniel Ziblatt

„Manche behaupten, dass die Tyrannei schon an der nächsten Ecke lauert“ meint Daniel Ziblatt, einer der Autoren von „Wie Demokratien sterben“, das mit dem NDR-Kultur-Sachbuchpreis ausgezeichnet wird.

21.11.2018

Zweimal Oper im Maschpark: Am Freitag beginnt der Vorverkauf für das NDR Klassik Open Air 2019 mit „Cavalleria rusticana“ und „Der Bajazzo“. Dabei gibt es ein Wiedersehen mit einer alten Bekannten.

21.11.2018

Im Schloss Herrenhausen wurde der NDR-Kultur-Sachbuchpreis verliehen. Ausgezeichnet wurde das Buch "Wie Demokratien sterben. Und was wir dagegen tun können".  Unter den Gästen war auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der eine Festrede hielt. Die Ereignisse der Verleihung zum Nachlesen.

22.11.2018