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Kultur „Iggy – Lust for Life“ im Schauspiel
Nachrichten Kultur „Iggy – Lust for Life“ im Schauspiel
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11:14 07.12.2018
Schmerzensmann: Hagen Oechel als Iggy Pop. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Der eiserne Vorhang hebt sich zu einem gebrochenen a-Moll-Akkord. Eine dunkle Sonne hängt über der Bühne des Schauspiel Hannover, vielleicht ist es auch eine Discokugel. Und irgendwo weit hinten taucht eine Figur auf: ein Suchender, der Scheinwerfer arrangiert, deren Kegel durch den Nebel schneiden.

Stück für Stück schiebt sich Iggy Pop – denn das ist der Suchende im Nebel – nach vorne, bis er zu der langsamen Akkordfolge mit dieser ihm eigenen Schlangenhaftigkeit tanzt. Und dann fährt aus dem Boden ein Gerüst hervor, eine Gebilde, das ein, zwei Räume enthält, und oben drauf: David Bowie in vollem Ziggy-Stardust-Ornat, der zu „Space Oddity“ ansetzt.

Szenen aus „Iggy – Lust for Life“

In „Iggy - Lust for Life“ hat Sascha Hawemann sich vorgenommen, die Geschichte zweier Ikonen zu erzählen, deren Leben für kurze Zeit eng miteinander verknüpft waren: Ende der Siebzigerjahre wohnten David Bowie und Iggy Pop zusammen in einer kleinen Wohnung in Berlin. Bowie hatte gerade seine Kunstfigur Ziggy Stardust zu Grabe getragen und war auf der Suche nach etwas Neuem. Iggy Pop hätte nach der Auflösung seiner Band The Stooges mit Drogen fast sich selbst zu Grabe getragen und war auf der Suche nach weniger, oder vielleicht mehr, Selbstzerstörung. Die Zeit im Vorwende-Berlin entwickelte sich für beide Künstler zu einer sehr produktiven, in der sie einige ihrer bekanntesten Songs aufnahmen.

Es sind diese Aufnahmen, um die sich Hawemanns Inszenierung im Kern dreht. Zwei der auf der sich drehenden Bühne gebauten Räume sollen die Hansa Studios darstellen, von denen aus sich die Geschichte auffaltet. Es geht nicht nur um die Freundschaft zwischen Pop und Bowie, sondern auch das Berlin Ende der Siebziger: eine vernachlässigte Inselstadt, in der, wie Bowie gesagt hat, „die Häuser mehr Löcher haben als meine Arme“. Die beiden Musiker stolpern durch die Stadt, durch den U-Bahnhof Kleiststraße, der auf der anderen Seite der Drehbühne liegt, durch Projektionen von neonbeleuchteten Straßen auf den Holzbrettern des Bühnenbildes.

Die Geschichte streift die frühen Jahre der RAF, die Partys und Subkulturen der Berlins, seine Intellektuellen und Vernachlässigten, bis auch den Zwanzigerjahren gehuldigt wird und schließlich nach „Metropolis“ auch noch Hakenkreuze über die Leinwand flackern und aus Alfred Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ zitiert wird, eines Standardwerkes des NS-Ideologie.

Die Darsteller arbeiten sich tapfer durch dieses labyrinthische Sammelsurium an vorbeifließenden Ideen und Einflüssen. Caroline Haupt gibt einen fantastisch androgynen Bowie, Hagen Oechel als Iggy Pop wirkt in seiner Körperlichkeit und Verdrogtheit teilweise, als sei es sein Hauptberuf, als abgestürztes Iggy-Pop-Double am Bahnhof Leute zuzulabern. Zwischen all dem turnen noch drei weitere Iggy Pops herum wie Tick, Trick und Track aus Entzug, und die Theaterband spielt Songs – ein toll kaputtes „I Wanna be Your Dog“ ist dabei, ein schön kaltes „Heroes“.

Iggy – Lust for Life“ startet dabei enorm stark, entwickelt allerdings aus dem Nucleus des Aufnahmestudios heraus in der gut zweistündigen Aufführung zu wenig. Ideen, Lieder, Einflüsse – alles rauscht vorbei und ist zwar irgendwie interessant, zerfasert aber im Laufe der Inszenierung ins Anekdotische einerseits und ins Zufällige andererseits, weil die Heldenerzählung oder -verehrung es alleine nicht schafft, alles zusammenzuhalten. „Iggy – Lust for Life“ bleibt damit eine dynamische und hektische Assemblage, die zwar proppenvoll schillert, aber nicht ganz weiß, wo sie damit hinwill.

Ideengeschichte der Siebziger? Kultur- und Politikgeschichte Berlins? Biographie zweiter Musiker? Es steckt alles mit drin, driftet dann aber ziellos umher wie Pop und Bowie durch Berlin, allerdings ohne daraus Großes zu destillieren. Dennoch reichen die Songs und die auf der Bühne dargestellte Lebenslust zu einem langen Applaus, bei dem manche sogar fast aufstehen.

Die nächsten Aufführungen sind am 14.Dezember, 19.30 Uhr, 31. Dezember, 18 und 21 Uhr sowie am 4. Januar, 19.30 Uhr.

Von Jan Fischer

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