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Kultur Igor Levit und seine neue CD „Life“
Nachrichten Kultur Igor Levit und seine neue CD „Life“
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17:25 28.09.2018
„Ich halte es für arrogant, zu behaupten, man spiele, was der Komponist gemeint hat“: Igor Levit. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Musik, sagt der Pianist Igor Levit, kann nicht für sich selbst sprechen. Die gedruckten Noten bräuchten einen lebendigen Menschen als Interpreten und Vermittler. Und natürlich könne dieser Mensch nicht hinter einem Werk verschwinden. „Ich halte es für geradezu arrogant, zu behaupten, man spiele, was der Komponist gemeint hat“, sagt er. Schon die Annäherung daran sei vermessen. Als Pianist könne er nur das spielen, was er selbst fühle. Und darum sei in einem Konzert auch nicht der Komponist zu hören, sondern der Pianist selbst: „Es sind meine Töne, es ist meine Musik.“

Entsprechendes Gewicht hat der 31-Jährige inzwischen in der Musikwelt. Levit ist längst einer der erfolgreichsten Pianisten seiner Generation – und seit Kurzem auch prominenter Botschafter der hannoverschen Bewerbung um den Titel einer Kulturhauptstadt: Nachdem er bei einem Auftritt Kritik am bisherigen Auftreten der Stadt geübt hatte, holten die Verantwortlichen ihn kurzerhand mit ins Boot.

Igor Levit, Life“ heißt das Doppelalbum, das am 5. Oktober erscheint. Anders als dieser Titel sind die Namen der Komponisten und Werke nicht auf dem Cover zu finden. So wird auf dem ersten Blick deutlich, dass diese CD anderes ist als herkömmliche Klassikaufnahmen. „Bei meinen bisherigen Veröffentlichungen schien es noch, als sei das Repertoire größer als der Spieler“, sagt Levit. „Jetzt verwebt sich das.“

Es hilft, sich Levits bemerkenswertes Selbstverständnis als Pianist vor Augen zu führen, wenn man die neue CD hört. Das Album versammelt ein ungewöhnliches Repertoire, das nicht nur für den Spieler, sondern auch für den Hörer viele Herausforderungen bietet. Levit scheint es höchstens nebenbei um möglichst raffinierte Versionen der Stücke von Busoni, Liszt, Wagner, Schumann, Bach, Rzewski und Evans zu gehen – er verbindet die verschiedenen Werke vielmehr zu einer einzigen großen Erzählung.

Die Geschichte des Albums beginnt 2015 in Herrenhausen mit einem Konzert, auf das Levit sich künstlerisch und persönlich immer wieder bezieht: Die Kunstfestspiele haben Levit damals mit dem amerikanischen Komponisten und Pianisten Frederic Rzewski zusammengebracht. Levit hat Rzewskis Auftritt gemeinsam mit dem hannoverschen Künstler Hannes Malte Mahler besucht, der sein engster und, wie er sagt, bis heute wichtigster Freund wurde, und der 2016 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.

Dieser Verlust ist das Grundthema des neuen Albums. Das Stück „Mensch“, das Rzewski damals in Herrenhausen spielte, wurde zur Keimzelle des Programms. Allerdings habe er mit dem Album „keine Selbsttherapie“ betreiben wollen, sagt Levit: „Mir hat damals alles geholfen, nur keine Musik.“ Es gehe ihm jetzt um Werke, die das Leben feiern – im erhabenen wie im tragischen Sinn.

Das erfüllt sich relativ leicht mit von Natur aus maßlosen Werke wie „Isoldes Liebestod“ oder den Grals-Marsch aus Wagners „Parsifal“, die Leben und Lieben auch in der Klavierbearbeitung von Franz Liszt übergroß im Opernformat abbilden. Liszts eigene „Fantasia und Fuge“ über einen Meyerbeer-Choral ist Gegenstand einer Bearbeitung von Ferruccio Busoni, den Levit als „großen Klavierdenker“ verehrt. Eingerahmt von monumentalen, technisch aberwitzigen Passagen verleiht der Pianist einer einfachen Melodie in der Mitte eine solche Klarheit, dass die Töne fast die Grenze zum gesprochenen Wort überschreiten. Und in Bill Evans’ abschließendem „Peace Piece“ kann man zumindest mühelos nachvollziehen, wie sich die düstere Stimmung in heitere Melancholie lichtet.

Der vielleicht stärkste Moment des Albums liegt aber zwischen zwei Stücken. Nachdem die Brahms-Bearbeitung der Geigen-Chaconne von Johann Sebastian Bach in finsterem d-Moll endet, erhebt sich das leuchtende Es-Dur von Robert Schumanns „Geistervariationen“ wie eine Erscheinung. Das Thema dieser Variationen tönt auf diese Weise umso stärker wie das Trostlied eines Menschen, der selbst keinen Trost mehr findet. Es ist das letzte Stück, das Schumann schrieb, bevor er versuchte, sich im Rhein zu ertränken.

Natürlich weiß niemand, was der Komponist mit dieser Musik gemeint hat. Bei Igor Levit erzählt sie in leisen Tönen vom Verlöschen eines Menschen. Alles Persönliche ist dabei ins Allgemeine gewendet. Es geht nicht um Schumann, nicht um Hannes Malte Mahler und nicht um Igor Levit. Die Musik wird hier zum überzeitlichen Mythos. Man kann so etwas wohl Erlösung nennen.

Igor Levit: „Igor Levit, Life“. Sony Classical (2 CDs). Am 1. Dezember stellt der Pianist das Programm bei einem Pro-Musica-Konzert im Funkhaus vor. Kartentelefon: (0511) 12123333.

Von Stefan Arndt

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