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Kultur Pianist Igor Levit fordert Hannover zu besserer Bewerbung auf
Nachrichten Kultur Pianist Igor Levit fordert Hannover zu besserer Bewerbung auf
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00:15 17.09.2018
Pianist Igor Levit. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Bei einem Auftritt mit der NDR Radiophilharmonie hat der Pianist Igor Levit angekündigt, sich in den Bewerbungsprozess um den Titel einer Kulturhauptstadt für Hannover einzuschalten. Wegen der politischen Querelen im Rathaus ist diese Bewerbung zuletzt erheblich ins Stocken geraten. „Egal in welchem fragwürdigen Zustand sich gerade einiges in der Politik befindet – Hannover sollte eine gute Bewerbung bekommen, die der Stadt gerecht wird“, sagte Levit im ausverkauften Funkhaus und erinnerte an die Vielzahl und die Qualität der „unzähligen“ kulturellen Institutionen und Aktivitäten in der Stadt.

Die Zuständigkeit für die Bewerbung hatte sich durch die Rathausaffäre immer wieder verschoben: Eigentlich sollte Kulturdezernent Harald Härke das Bewerbungsverfahren lenken, doch der ist inzwischen vom Dienst suspendiert. Gegen ihn wird staatsanwaltschaftlich ermittelt. Seine Stellvertreterin, Bildungsdezernentin Rita Maria Rzyski, übernahm das Kulturdezernat, musste sich aber auch um Kitas, Schulen, Familien, Jugend, Feuerwehr und Personal kümmern, um nur einige Themen zu nennen. Jetzt soll es Sozial- und Sportdezernentin Konstanze Beckedorf richten.

Ein wenig Lokalpatriotismus

Allein eine Bewerbung könne sehr viel bewirken, sagte Levit im Funkhaus – unabhängig davon, welche Stadt am Ende tatsächlich den Titel bekomme. Er forderte alle im Publikum auf, „in den nächsten Wochen und Monaten den Druck aufzubauen“, damit der Prozess endlich in Schwung gerate. Für ihn selbst sei die spontane Ansprache, die er als „ein wenig Lokalpatriotismus“ ankündigte, erst der Anfang: „Das heute war nicht vorbereitet“, sagte er. „Ab jetzt wird sich das ändern.“

Die kritischen Töne in der Rede Levits scheint Hannovers Stadtverwaltung zu überhören. Levit habe zu Recht die großen Chancen der Kulturhauptstadtbewerbung für Hannovers Kulturszene, aber auch für die gesamte Stadt herausgestellt, teilt Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) auf Nachfrage der HAZ mit. Schostok verweist darauf, dass die neue Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf jetzt ein „schlagkräftiges Team“ aufgestellt habe. Am 20. September soll der voraussichtlich neun Mitarbeiter umfassende Stab vorgestellt werden.

Igor Levit nach dem Konzert mit der Radiophilharmonie. Quelle: Stefan Arndt

Tatsächlich ist die Stadt mit ihrer Bewerbung viele Monate nicht aus den Startlöchern gekommen. „Ein halbes Jahr lang ist nichts passiert“, kritisierte Grünen-Ratsfrau und Bürgermeisterin Regine Kramarek in der jüngsten Kulturausschusssitzung – und erntete Zustimmung von der Kulturdezernentin. „Wir haben viel Zeit verloren, das ist richtig“, sagte Beckedorf. Jetzt wolle sie aber nach vorne blicken.

Wo ist die Leidenschaft?

Immerhin bekommt sie einen Vertrauensvorschuss, nicht nur aus der Ratspolitik, sondern auch aus Wirtschaft und Kultur. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgebervereinigung Hannover, hatte wiederholt kritisiert, dass sich die Stadt Hannover zu wenig bewege und die Chancen, die in einer Kulturhauptstadtbewerbung liegen, verstreichen lasse. Jetzt schlägt er mildere Töne: „Der OB hat die richtigen Strukturen geschaffen, jetzt kommt es darauf an, die PS-Leistung auf die Straße zu bringen“, sagt Schmidt. Ziel müsse sein, eine Bewerbung auf den Weg zu bringen, die sich sehen lassen könne.

Dazu gehören sicher auch prominente Fürsprecher, die bislang gefehlt haben. Igor Levit, der einer der erfolgreichsten Pianisten seiner Generation ist, hatte bislang keine direkten Berührungspunkte mit der Bewerbung. Der 31-Jährige, der im Alter von fünf Jahren nach Hannover kam und auch hier studiert hat, lebt inzwischen in Berlin und konzertiert weltweit. Reinhard Spieler, der Direktor des Sprengel-Museums, hält es für einen Fehler, Persönlichkeiten wie Levit nicht längst offiziell um Unterstützung gebeten zu haben. „Er ist eine Figur, wie diese Bewerbung sie braucht“, sagte er gestern. Bei der bisherigen Bewerbung kann Spieler „die große Leidenschaft nicht erkennen“ – Levits Initiative sei daher begrüßenswert.

Das findet auch Christiane Winter, die Intendantin des Festivals Tanztheater International. Die Bewerbung sei vergleichbar mit der Expo vor 18 Jahren. „Sie ermöglicht ein Denken auf neuer Ebene“, sagte sie. Derzeit gehe es in den meisten kulturellen Zusammenhängen um den Erhalt des Status quo – der Gedanke an eine perspektivische Fortschreibung aber fehle. Bei der neuen Kulturdezernentin Beckedorf erkenne sie dabei positive Ansätze: „Der Wille ist da, aber er muss immer wieder von außen bestätigt werden: Die Bewerbung ist für uns alle von großer Bedeutung.“

Für Stefan Becker vom Freundeskreis des Sprengel-Museums muss die Kulturhauptstadt „das Zukunftsthema der Stadt“ werden. Sie sollte dafür aber von allen gewollt und nicht bloß ein Projekt der Kulturabteilung sein. „Die Bewerbung ist die Möglichkeit, die gesamte Stadtentwicklung mit Treibstoff zu versorgen“, sagt er. Schließlich seien auch wichtige Zukunftsthemen wie Wohnen und Mobilität Facetten einer Bewerbung.

Noch ist etwas zu retten

Zwei Strömungen sind zu spüren, wenn es um die Bewerbung Hannovers zur Kulturhauptstadt Europas geht: Viele wollen sie – und haben gleichzeitig auch schon die Nase voll davon. Die Erkenntnis, dass eine Bewerbung Chancen für die Stadt bietet, scheint zumindest ebenso groß zu sein wie der Pessimismus, dass diese Chancen gerade verspielt werden. Im unappetitlichen Gezerre der Verwaltung sind schon zu viele Visionen, Pläne und Hoffnungen verblasst.

Da tut es gut, wenn das triste Bewerbungsverfahren unverhofft etwas Glanz bekommt: Igor Levit, Klassik-Weltstar aus Hannover, erinnert in einer Ansprache daran, dass die Chancen eben noch nicht vertan sind – und wird von einem großen Publikum dankbar gehört. Mit seiner Initiative hat der Pianist einen Nerv getroffen: Die Sehnsucht, endlich Begeisterung für die Bewerbung ausbrechen zu lassen, ist offenkundig groß.

Und Levit hat recht: Noch kann die Stadt sich in die nächste Runde des Verfahrens retten und den Weg freimachen, um ein echtes Zukunftsprogramm zu entwickeln. Dafür müssen sich auch Strukturen ändern und Machtverhältnisse klären. Positiver Druck, wie der Pianist ihn von allen Interessierten einfordert, kann dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Von Stefan Arndt

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