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Kultur Jutta Ditfurth warnt im Pavillon vor drohender „Faschisierung“
Nachrichten Kultur Jutta Ditfurth warnt im Pavillon vor drohender „Faschisierung“
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16:49 29.06.2018
„Über die Völkischen ablästern“: Jutta Ditfurth. Quelle: Franson
Hannover

Wo Jutta Ditfurth ist, da geht es ums große Ganze. Gleich ob sie dafür eintritt - wie etwa für den „Ökosozialismus“. Oder ob sie dagegen ist wie schon gegen den Putsch in Chile, den Paragrafen 218, die Pershingraketen oder die deutsche Vereinigung – um nur ein paar Objekte ihrer Gegnerschaft zu nennen. Derzeit feilt sie am geistigen Rüstzeug für ihre jüngste Kampfesfront, am letzten Kapitel ihres neuen Buches „Haltung und Widerstand“. Ein Titel, der auch für eine Lebensbilanz der 67-Jährigen taugen würde. Und ein Werk, über das sie jetzt, noch vor der Veröffentlichung, im hannoverschen Pavillon Auskunft erteilt hat.

Verfasst habe sie es, so erklärt sie dort auf dem Podium der Reihe „Booklook“, aus wichtigem Grund: „Ich will die Faschisierung aufhalten.“ Kein ganz neues Thema also. Immerhin hatte Ditfurth schon Anfang der Neunzigerjahre die „Rechtsentwicklung“ der Gesellschaft beklagt, darunter auch einen „Ökofaschismus“ in den Reihen der von ihr mitgegründeten Grünen, die sie deshalb verlassen hat. „Jetzt geht es um eine neue Art von Faschismus“, sagt Ditfurth, die heute für die „Antirassistische“ Liste „Ökolinx“ im Frankfurter Stadtparlament sitzt. „Faschismus kann sehr modern aussehen, denn man braucht keine Gestapo-Folterkeller, wenn große Teile der Bevölkerung damit einverstanden sind, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken.“

Politische Duplo-Rhetorik

Man merkt: Hier werden Gedankengebäude aus eher groben Klötzen aufgebaut, Jutta Ditfurth ist gleichsam die Lego-Duplo-Architektin der politischen Rhetorik, ihr kommt es weniger auf ein stabiles argumentatives Fundament als auf eine fundamentale Haltung an. So macht sie in der deutschen Gesellschaft Niedertracht, Verrohung und Entmenschlichung aus, sieht eine „Zerschlagung aller Organisationen der Arbeiterinnen“ und eine „Entfesselung des Massenelends“ drohen. Viel Feind, viel Ehr‘ also. Ditfurth muss freilich an den rechten Rand der Gesellschaft gehen, um bei den Gaulands und Höckes jenen Geist aufzuspüren, vor dem sie warnen will. Sie weidet sich dabei ausführlich an Zitaten solcher Leute, genießt es ausdrücklich, „über die Völkischen abzulästern“.

Keine Frage, in diesem Spektrum lassen sich lauter abgründige Worte finden, fremdenfeindlicher Rassismus, völkische Verblendung, das Herunterspielen der Nazizeit zum „Vogelschiss“. Doch bei Ditfurth agiert dieser rechte Rand überdies im Dienst „des“ Kapitals. Das sei zwar „kein monolithischer Block“, räumt sie zunächst ein, fügt aber später hinzu: „Die Faschisierung ist ein größeres Ding, das unterstützen alle Kapital-Fraktionen.“

Ach ja? Für dieses düstere Ziel nimmt also selbst die Exportwirtschaft den Ruf der Rechtspopulisten nach nationaler Abschottung hin? „Ich versuche hier ein ziemlich komplexes Ding runterzukriegen“, sagt Jutta Ditfurth, die offenbar die Grenzen ihrer Argumentation ahnt – und irgendwann selbstkritisch sagt: „Ich rede mich um Kopf und Kragen.“

„Faschos“ im Bürgertum

Ein paar skeptische Fragen wirft später auch das weitgehend wohlwollende Publikum im nur zu zwei Dritteln gefüllten und sich gegen Ende weiter leerenden Kleinen Saal des Pavillons auf: Woher nimmt Jutta Ditfurth wohl den Trend zur „Faschisierung“? Der Wähleranteil der AfD hat seit 2017 keine 14 Prozent mehr erreicht. Und das rechtsextremistische Potenzial steigt nur in Promilleschritten. Zuletzt hat es der Verfassungsschutz auf 23.100 Personen beziffert, unter 0,03 Prozent der Bevölkerung. Früher seien das eben einfach „Faschos“ gewesen, sagt Ditfurth, jetzt dringe solches Gedankengut in bürgerliche Kreise vor. Bleibt bloß die Frage, wieso sich das nicht in den Zahlen niederschlägt. Aber Jutta Ditfurth schreibt ja nach eigenen Worten noch an dem Buch, das nach Verlagsangaben erst im März 2019 erscheinen wird. Zeit genug also, um Klarheit zu schaffen.

Jutta Ditfurth: „Haltung und Widerstand. Eine epische Schlacht um Werte und Weltbilder“. Hoffmann und Campe, 144 Seiten, 16 Euro.

Von Daniel Alexander Schacht

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