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Kultur Wolfgang Tillmans erhält Goslarer Kaiserring
Nachrichten Kultur Wolfgang Tillmans erhält Goslarer Kaiserring
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01:15 01.10.2018
Vor Sendeschluss: Wolfgang Tillmans und sein Bild „End of Broadcast“ im Mönchehaus-Museum in Goslar. Quelle: Stefan Arndt
Goslar

„Schön gemütlich hier“, sagt Wolfgang Tillmans, als er die weite Diele des Fachwerkhauses betritt, das das Mönchehaus-Museum in Goslar beherbergt. Tillmans wird am Sonnabend mit dem Kaiserring der Stadt ausgezeichnet. Jetzt sitzt er in der Diele an einem Biertisch mit roter Papierdecke und hört, warum ihm diese Ehrung zuteil wird: Oliver Junk, der Oberbürgermeister der Stadt, betont, dass Tillmans seine exponierte Stellung als Künstler nutze, um politisch Position zu beziehen. Und auch der Juryvorsitzende Wulf Herzogenrath lobt zuerst Tillmans’ Einsatz gegen den Brexit und hebt hervor, dass er dabei „nicht mit den Mitteln der Kunst, sondern mit Worten“ arbeite. Der Künstler als gesellschaftliches Wesen scheint bei der diesjährigen Vergabe des renommierten Kunstpreises eine bedeutendere Rolle zu spielen als seine Kunst.

Kein Wunder also, dass Tillmans sich bemüht, den Blick auf sein Werk zu lenken. Bekannt geworden ist der 1968 in Remscheid geborene Künstler vor allem als Fotograf – das Sprengel-Museum etwa hat vor zwei Jahren eine große Fotoarbeit „Book for Architects“ erworben. Doch längst hat er seine Mittel erweitert. In Goslar etwa ist erstmals eine größere Menge seiner Überdruckungen zu sehen: Tillmans versieht Blätter, die Ausschussware in der Druckerei waren, mit zusätzlichen Motiven. Mittelalterliche Heiligenbilder oder Euro-Banknoten überlagern sich so mit zeitgenössischen Porträts. Das Material, das bei einem solchen Verfahren automatisch ins Zentrum eines Werks rückt, ist Tillmans immer wichtiger: „Ich versuche, die Wirklichkeit in Tinte auf Papier zu übersetzen“, sagt er.

Das kann eher spielerisch geschehen, wie in den Überdruckungen, die mit der Gleichzeitigkeit ihrer verschiedenen Motive auch ganz neue Perspektiven eröffnen. Es gibt gleichsam dokumentarische Arbeiten, wie etwa das Bild eines Muskels, der sich in fast floralen Verästelungen dem Auge des Betrachters entgegenspannt. Und natürlich schafft der politische Mensch Tillmans auch politische Werke. Nicht nur mit Worten, sondern durchaus auch mit den Mitteln der Kunst. „End of Broadcast“ etwa heißt das Bild, das typisches Bildrauschen eines alten Fernsehers ohne Empfang darzustellen scheint. Tillmans hat tatsächlich einen Fernseher nach Sendeschluss fotografiert: Bei einem Besuch in Russland, kurz nachdem das Land die Krim annektiert hatte. Das Nicht-Bild wird so zu einem Bild für die Zensur im Land.

Für sein Buchprojekt „Was ist anders?“ hat Tillmans Menschen befragt, um herauszufinden, warum es eine wachsende Akzeptanz von autoritären Regimes und Pseudo-Autokraten wie Trump gibt. Gesprächspartner war dabei auch der damalige Außenminister Sigmar Gabriel, der inzwischen Ehrenbürger der Kaiserring-Stadt ist. Schön gemütlich hier? Wenn Wolfgang Tillmans da ist, kann auch Goslar zu einem Brennpunkt des Weltgeschehens werden.

Wolfgang Tillmans im Mönchehaus Museum Goslar bis 27. Januar

Von Stefan Arndt

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