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Kultur „Entfesselte Natur“ in Hamburg
Nachrichten Kultur „Entfesselte Natur“ in Hamburg
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22:15 09.07.2018
Eine Frau betrachtet in der Ausstellung „Entfesselte Natur - Das Bild der Katastrophe seit 1600" in der Hamburger Kunsthalle das Werk „Der Schiffbruch des Dreimasters ,Emily’ im Jahre 1823" (1865) von Eugène Isabey. Quelle: dpa
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Hamburg

Man könnte meinen, wir seien heute von Katastrophen umgeben: Vulkanausbrüche, Flugzeugabstürze, Terror. Auf die Bedrohungen in vergangenen Jahrhunderten lenkt jetzt die Hamburger Kunsthalle den Blick – in der Sommerausstellung „Entfesselte Natur“.

Es ist allerdings nicht immer die unzähmbare Natur, die dem Menschen Katastrophen beschert, es ist der Mensch selbst, dessen Handeln katastrophale Auswirkungen hat: Kriege, Explosionen, Brände. Auch solche Ereignisse ergeben wirkungsmächtige Bilder, etwa der Untergang der „Titanic“. Schon im Herbst 1912, wenige Monate nach dem Untergang des Ozeandampfers, kam der erste Spielfilm in die Kinos: „In Nacht und Eis“, eine deutsche Produktion des erst 24 Jahre alten Rumänen (und Hochstaplers) Mime Misu – ein „Klassiker des frühen Katastrophenfilms“, wie Kurator Markus Bertsch sagt.

Bilder machen Katastrophen

Der Stummfilm ist für Kunsthallen-Direktor Christoph Martin Vogtherr ein Beispiel dafür, wie Bilder Katastrophen konstituieren. Seine These: Erst die bildliche Wiedergabe macht ein Geschehen zur Katastrophe. Ohne dramatische Darstellung werden auch verheerende Naturphänomene nicht wahrgenommen. Doch Bilder gibt es seit dem 18. Jahrhundert in großer Fülle, und manchmal wurden sie zur Anklage genutzt. So eines der berühmtesten Katastrophenbilder der Kunstgeschichte, „Das Floß der Medusa“, das sieben mal fünf Meter große Monumentalgemälde von Théodore Géricault (1819). Ein unfähiger Kapitän hatte die französische Fregatte „Meduse“ 1816 vor Afrika auf Grund manövriert, es gab zu wenig Rettungsboote für 400 Passagiere. Ein Floß, das sie aufnehmen sollte, wurde sich selbst überlassen. Es kam zu Kannibalismus unter den Schiffbrüchigen, Berichte der wenigen Überlebenden führten zu einem Skandal. Ein Minister wurde gefeuert.

Das Kunstwerk, das im Pariser Louvre hängt, ist in Hamburg nicht zu sehen, aber es gibt mehrere Verweise darauf. Zum einen werden Géricaults Bleistiftstudien ausgestellt, und dann gibt es eine Paraphrase: Der Hamburger Konzeptkünstler Christian Jankowski (*1968) hat das Foto einer Schulklasse abmalen lassen, die das „Floß der Medusa“ im Stile eines Tableau vivant nachstellt. 35 Quadratmeter Leinwand ganz ohne das Pathos und die Anklage des Vorbildes. Ein weiteres Werk, das die „Medusa“ thematisiert, schlägt den Bogen zur aktuellen politischen Debatte: In Marcel Odenbachs Video „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“ begutachten drei afrikanische Flüchtlinge, die den Weg über das Mittelmeer in Booten zurückgelegt haben, das Ölgemälde im Louvre. In ihnen erkennt man die potenziell Schiffbrüchigen unserer Tage.

Maritime Katastrophen scheinen die Fantasie der Künstler seit dem 18. Jahrhundert beflügelt zu haben. Deshalb ist ein Teil der Ausstellung auch mit „Untergänge“ betitelt.

Caspar David Friedrichs „Eismeer“ (1823/1824) ist hier zu sehen, auf dem Schollen ein Schiff zerdrücken. Emblematisch für die gesamte dramatische Marinemalerei ist das Gemälde „Der Schiffbruch des Dreimasters ,Emily’ im Jahre 1823“ von Eugène Isabey, ein Untergang unter tiefschwarzen Wolken. Wasser bedeutet Chaos und Tod.

Etwas weniger wäre dabei mehr gewesen: Markus Bertsch und sein Ko-Kurator Jörg Trempler, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Passau, präsentieren den Besuchern nicht nur eine Flut von Schiffsuntergängen, auch Feuersbrünste (unter besonderer Berücksichtigung des großen Hamburger Brandes von 1842), Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmungen (inklusive der biblischen Sintflut) oder Bergstürze (samt Johann Wolfgang Goethes Skizzen von einem Schweizer Abgang) sind Bild-Themen von „Entfesselte Natur“.

Vom Genrebild über Historienmalerei bis zu dokumentarischen Widergaben zeugt die Ausstellung vom hoffnungslosen Kampf des Menschen mit Naturgewalten. Und letztlich auch von der Faszination des Unglücks – des Unglücks anderer.

„Entfesselte Natur – Das Bild der Katastrophe seit 1600“ ist bis zum 14. Oktober in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

Von Michael Berger

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