Hannover. Diese Rolle ist ein Glücksfall für eine Schauspielerin wie Charlize Theron – und das merkt man ihrem beherzten Auftritt in der Komödie „Young Adult“ in jeder Minute an. Als unglückliche Single-Frau Mavis darf sie in unförmige Joggingklamotten klettern und verkatert und ohne Make-up durch ihr Apartment schlurfen. Sie darf sich im ungemachten Bett fläzen und Cola aus der verbeulten Plastikflasche schlürfen. Sie führt – pardon – das Leben einer Schlampe
Nach Kräften spielt der in Südafrika aufgewachsene Hollywoodstar gegen seine Attraktivität an. Und was die Sache noch lustiger macht: Um Mavis’ innere Werte ist es keinesfalls besser bestellt. Die Frau verkörpert hässliche Eigenschaften, die es ihren Mitmenschen schwer machen, auf Dauer freundlich zu ihr zu sein. Der Einzige, der es mit ihr aushält, ist der lustige Spitz auf ihrem Sofa – und den sperrt Mavis in ihre Reisetasche und zieht den Reißverschluss zu, als sie aufbricht, um ihrem Leben eine neue Wendung zu geben.
Zu Mavis’ Gunsten muss allerdings gesagt werden, dass wir ihr zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt begegnen: Sie hat die Mitte dreißig überschritten, ist frisch geschieden, hat emotionsfreie One-Night-Stands in ihrem Apartment-Hochhaus in Minneapolis, trinkt zu viel, und der Job als Ghostwriterin der „Young Adult“-Jugendbuchserie neigt sich auch gerade dem Ende zu. Mavis’ Lebenszwischenbilanz in Reitmanns erfrischend unkorrekter Komödie fällt also mehr als bescheiden aus. Und nun wird sie von dem ergriffen, was man Torschlusspanik nennt.
Regisseur Reitmann versteht sich bestens darauf, Charaktere zu zeichnen, bei denen der Zuschauer sich immer wieder fragt, wieso er ihnen trotzdem Sympathie entgegenbringt. Vor Kurzem präsentierte er George Clooney in „Up in the Air“ als einen ausgebufften Spezialisten für Entlassungen, dessen oberstes Lebensziel die ultimative Vielfliegerkarte war.
Bekannt wurde Reitmann zusammen mit seiner Drehbuchautorin Diablo Cody durch die Komödie „Juno“ über eine schwangere Schülerin. „Young Adult“ ist die zweite Zusammenarbeit des Duos, und wieder liegen Komik und Tragik nahe beieinander. Wenn die Filmfiguren schon darauf hoffen, dass es endlich besser für sie werden möge, ziehen Reitmann/Cody die Schraube gern noch ein kleines bisschen an.
Mavis allerdings ist selber schuld an allem, was nun passiert. Ihr Schicksal nimmt seinen Lauf, als sie eine Mailnachricht ihres Jugendfreundes Buddy Slade (Patrick Wilson) erhält. Er ist soeben Vater einer Tochter geworden. Alte Erinnerungen an die gute, alte Zeit werden in Mavis wach, in der sie noch die begehrte Highschool-Queen war. Sie setzt sich in den Kopf, ihren Ex zurückzuerobern, und fährt samt Spitz in ihr Heimatkaff in Minnesota. Sie will Slade verführen – ohne Rücksicht auf Verluste.
Zu diesem Zweck legt sie sich eine Hochglanzfassade im Schönheitsstudio zu, unter der man die verwahrloste Großstadtbewohnerin in Minneapolis kaum wiedererkennt. Diese Frau könnte glatt als eine entfernte Verwandte von Dorian Gray durchgehen, nur dass sie gar kein Gemälde auf dem Dachboden braucht, bei dem sie alles Hässliche ablädt.
Am Ort der Entscheidung trifft Mavis auf den verkrüppelten Matt (Patton Oswalt), einen von jenen Mitschülern, die sie an der Highschool früher keines Blickes gewürdigt hatte. Jetzt braucht sie ihn, sie hat sonst niemanden, wenn sie nach diversen Drinks an der Bar reden möchte. Mavis beichtet Matt ihre Rückeroberungspläne. Sein Einwand, dass sie dabei sei, die Ehe eines jungen Vaters und auch das Glück seiner Tochter zu zerstören, kontert Mavis gelassen aus: „Jeder schleppt Gepäck mit sich herum.“
Eine wunderbare Narzisstin legt Theron aufs Parkett. Außen- und Selbstwahrnehmung driften auseinander. Mavis wähnt sich schon in einer Romanze, als Jugendfreund Buddy immer noch nicht weiß, wie ihm geschieht. Mavis betrügt weniger andere als vielmehr sich selbst. Über den Status als Oberzicke ist sie beim Versuch des Erwachsenwerdens nicht hinausgekommen.
Was Theron schauspielerisch kann, hat sie schon vor neun Jahren als Mörderin in „Monster“ gezeigt, jenem Film, der ihr einen Oscar bescherte. Mit „Young Adult“ ist Charlize Theron nicht nominiert worden. Verdient hätte sie es durchaus – auch wenn sie gegen Meryl Streep aller Wahrscheinlichkeit nach dann doch den Kürzeren gezogen hätte
Viel Spaß mit der Schlampe: Erfrischende Komödie. Cinemaxx Nikolaistraße, CineStar.
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