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Blind vor Schuld

Neu im Kino Blind vor Schuld

„Phoenix“: So heißt nicht nur der Nachtklub, sondern auch der Vogel, der aus seiner Asche immer wieder neu entsteht. Christian Petzold hat ein intimes Kammerspiel mit seiner Lieblingsschauspielerin Nina Hoss inszeniert.

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Letztlich entkommt auch Johnny (Ronald Zehrfeld) der Vergangenheit nicht. Immer wieder erlebt er irritierende Momente des Wiedererkennens.

Quelle: Christian Schulz/Schrammfilm

Hannover. In einem schäbigen Nachtklub inmitten von Häuserruinen findet Nelly endlich ihren Johnny wieder. Der Klub heißt Phoenix, wie die wackeligen Neonbuchstaben über dem Eingang verraten. So heißt auch der mythische Vogel, der aus seiner eigenen Asche immer wieder neu entsteht. Und so heißt auch Christian Petzolds neuer Film.

Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorüber. Viele Menschen in Deutschland wollen eine neue Existenz beginnen und ihre bisherige abstreifen wie eine alte Haut. Nelly (Nina Hoss) aber hat nur einen Wunsch: Sie will ihr früheres Leben zurück, das ihr die Nazis genommen haben. Als eine Art lebende Mumie ist sie aus dem Lager Auschwitz zurückgekehrt, mit einem zerstörten Gesicht unter dicken Bandagen.

Ein kundiger Chirurg macht sich ans Werk, ihr altes Aussehen wiederherzustellen - und warnt sie vorsorglich, dass es nicht perfekt werden würde. Die Operation ist für Nelly aber nur die Voraussetzung für ihr eigentliches Ziel: Der Einzige, der sie wiedererschaffen kann, ist Johnny (Ronald Zehrfeld). Und ausgerechnet er erkennt Nelly im Nachtklub nicht wieder. „Da war ich wieder tot“, sagt Nelly zu ihrer Freundin Lene (Nina Kunzendorf).

Doch Johnny hat eigene Pläne. Er will die Ähnlichkeit der Unbekannten mit seiner Frau nutzen, um sie als Nelly herzurichten. Er will sich das Erbe der Holocaust-Toten sichern. Nelly spielt mit. Wer weiß, vielleicht wird Johnny sie ja lieben lernen, wenn er sie erst einmal wieder zu seiner Nelly gemacht hat. Von nun an begegnet sie ihrem eigenen Leben in der dritten Person.

Es gab im Kino schon einmal einen Mann, der eine Frau nach dem Abbild der einst Geliebten erschuf und nicht verstand, dass er sie bereits vor sich hatte: Das war der mit Schuldgefühlen beladene Polizist Scottie, gespielt von James Stewart, in Alfred Hitchcocks Thriller „Vertigo“.

Petzold nimmt das Thema auf, macht daraus aber eine Tragödie. Der Berliner Regisseur, der das Drehbuch zusammen mit dem kürzlich gestorbenen Harun Farocki schrieb, erzählt von einer schicksalhaften Liebe - und auch von ganz normaler Feigheit. Denn immer drängender stellt sich für Nelly die Frage: Hat Johnny, der sie vor den Nazis beschützen wollte, sie verraten? Will oder kann er deshalb nicht erkennen, wen er vor sich hat? Ist er blind vor Schuld?

Ein intimes Kammerspiel hat Petzold mit seiner Lieblingsschauspielerin Nina Hoss inszeniert, mit der er seit „Toter Mann“ (2002) immer wieder zusammenarbeitet. Hoss gibt ihrer Nelly etwas Verwunschenes, Geisterhaftes - der Film spielt viel in Kellern und dunklen Räumen, einer gruftigen Welt, in der Lebende wie Tote unterwegs sind. Zugleich erzählt Petzold vom großen Schweigen im Nachkriegsdeutschland. Kaum jemand wollte wissen, was die Überlebenden im Lager erlitten hatten. Und die Traumatisierten waren nicht in der Lage, davon zu erzählen.

Schließlich staffiert Johnny seine Nelly mit einem roten Kleid und mit Schuhen aus, die er für sie einst in Paris gekauft hatte. So soll sie aus dem Zug steigen, wenn ihre Freunde sie am Bahnhof empfangen. Und als sie ratlos einwirft, dass sie doch nicht mit Pariser Schuhen aus Auschwitz kommen könne, da antwortet er barsch: „Sie wollen Nelly sehen und keine zerstörte Lagerinsassin.“

Nelly ist bereit, die Vergangenheit für Johnny auszublenden. Ihre ebenfalls jüdische Freundin Lene ist es nicht, die Nina Kunzendorf auf dem schmalen Grat zwischen Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit spielt. Lene kann nicht vergessen, und sie kann den Deutschen nicht verzeihen - was aber auch heißt: Sie kann in Deutschland nicht leben.

Letztlich entkommt auch Johnny der Vergangenheit nicht. Immer wieder erlebt er irritierende Momente des Wiedererkennens. Am Ende wird Nelly so einen Augenblick herbeizwingen. Und man ahnt: Das könnte der Moment sein, in dem sie ein neues Leben beginnt.

Mit „Phoenix“ wird Petzold endgültig zum Seismografen deutscher Geschichte: In „Die innere Sicherheit“ spürte er dem RAF-Terrorismus nach, in „Barbara“ dem Misstrauen in der DDR (da waren Hoss und Zehrfeld ebenfalls ein Paar). Auch jetzt gelingt es Petzold wieder, einen großen historischen Stoff in eine sehr persönliche Geschichte zu verpacken.

Gewidmet hat Petzold seinen Film dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der wesentlich dazu beitrug, dass die Auschwitz-Prozesse in den sechziger Jahren zustande kamen. Im November wird ein weiterer Film explizit an diesen hartnäckigen Juristen erinnern („Im Labyrinth des Schweigens“). „Phoenix“ legt die Latte für den Umgang mit der schwierigen deutschen Geschichte hoch.

Phoenix, Regie: Christian Petzold, 98 Minuten, FSK 12 Kino am Raschplatz

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