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Daniel Day-Lewis brilliert in Steven Spielbergs „Lincoln“
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Filmkritik Daniel Day-Lewis brilliert in Steven Spielbergs „Lincoln“

Steven Spielberg erzählt in dem Historiendrama „Lincoln“ die Geschichte des 16. Präsidenten der USA, in der es um den amerikanischen Bürgerkrieg und die Abschaffung der Sklaverei geht. Dabei spielt Daniel Day-Lewis die Rolle als Abraham Lincoln herausragend – und gilt als Favorit bei der Oscar-Verleihung. Der Film ist am 24. Januar im Kino gestartet.

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Phänomenal anverwandelt: Daniel Day-Lewis in der Rolle von Präsident Abraham Lincoln.

Quelle: 20th Century Fox

Hannover. Vor eineinhalb Jahrzehnten hat Steven Spielberg einen einzigartigen Kriegsfilm gedreht: In „Der Soldat James Ryan“ (1998) schlugen die Kugeln gewissermaßen links und rechts neben den Zuschauern ein, die Granaten pfiffen ihnen um die Ohren. Kaum je kam einem das Sterben im Kino näher als an diesem D-Day, als die Weltkriegs-Alliierten in der Normandie landeten und sich das Meer rot vom Blut der Soldaten färbte.

Nun hat der US-Regisseur wieder einen Film inszeniert, der von einer fürchterlichen Schlacht erzählt: Nord- und Südstaatler massakrieren sich im vierten Jahr des amerikanischen Bürgerkriegs. Mehr als eine halbe Million Tote sind zu beklagen. Und was zeigt uns Spielberg in seinem mit zwölf Oscar-Nominierungen versehenen Historiendrama „Lincoln“ vom großen Sterben? Nur ein paar sekundenkurze Szenen, die höchstens wie eine schmerzhafte Erinnerung an seinen früheren Film wirken.

In der eindrücklichsten Kriegsszene am Filmende reitet ein müder alter Mann von der Statur einer hageren Krähe über ein Leichenfeld. Beim Anblick der vielen Toten lüftet er den Zylinder. Der Mann im schwarzen Gehrock ist Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis), der 16. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Oberbefehlshaber der Nordstaatler und Übervater der US-Geschichte. Heute thront seine marmorne Gestalt in einem griechisch angehauchten Tempel an der National Mall in Washington.

Knapp zweieinhalb Kinostunden lang haben wir Lincoln vornehmlich in dunklen, geschlossenen Räumen gesehen, in Streitgesprächen mit seiner Frau Mary (Sally Field) und seinem ältesten Sohn, in der Auseinandersetzung mit politischen Gegnern und häufiger noch mit politischen Anhängern. Manches Mal hadert der Präsident mit seinen Entscheidungen – und immer wieder trickst und täuscht er. Seine Mitarbeiter fordert Lincoln sogar auf, die Stimmen wankelmütiger Abgeordneten der anderen Seite, der Demokraten, zu kaufen. Sein Ziel ist nur mit unsauberen Mitteln zu erreichen, koste es, was es wolle.

Das sieht nicht unbedingt nach einer Heldengeschichte aus. Und doch schreibt Abraham Lincoln Weltgeschichte: Im Repräsentantenhaus gewinnt er am 31. Januar 1865 mit hauchdünnem Vorsprung die Abstimmung über die Abschaffung der Sklaverei. Vier Millionen Menschen auf den Plantagen im Süden sind frei. Für sie gilt der zukunftsverheißende Spruch des jetzigen US-Präsidenten: „The best is yet to come.“

Der 13. Zusatzartikel in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika ist die Grundvoraussetzung dafür, dass heute ein Schwarzer im Weißen Haus regiert. Damals schien das Wahlrecht für Schwarze kaum vorstellbar. Kein Wunder, dass sich Barack Obama für Spielbergs Werk, das nun mit zwölf Nominierungen als Favorit ins Oscar-Rennen geht, interessiert – so sehr, dass er das Filmteam ins Weiße Haus einlud.

Obama konnte in seinem Privatkino die Unbeirrtheit seines Vorgängers bestaunen: Der Verfassungszusatz war Lincoln so wichtig, dass er dafür das Ende des zermürbenden Krieges hinauszögerte. Eine Verhandlungsdelegation der Südstaatler lässt er gar nicht erst nach Washington reisen, ja, verschweigt sogar deren Existenz vor der politischen Konkurrenz. Noch viel mehr Menschen werden deshalb sterben, aber der Präsident weiß: Der Weg zum Ende der Sklaverei führt allein über das Druckmittel Krieg, dessen alleinige Rechtfertigung in der Abschaffung der Sklaverei liegt. Lincoln muss an seinem großen Ziel festhalten, egal ob er die öffentliche Meinung hinter sich hat oder nicht.

Daniel Day-Lewis geht kongenial in seiner Rolle auf. Der Brite (!), ausgezeichnet schon mit zwei Oscars („Mein linker Fuß“, „There Will Be Blood“) und Ende Februar wieder heißer Favorit für diesen Preis, verwächst geradezu mit seinem Gehrock. Die Anverwandlung ist phänomenal, darin steckt mehr als die Kunst der Maskenbildner. Sein Lincoln zerbricht schier unter der Last der Verantwortung, die auf seinen Schultern ruht. Seine Aufgabe saugt ihm die Kraft aus, sein Gesicht wird fahl und grau.

Spielberg konzentriert sich auf kaum mehr als einen Monat in Lincolns Leben, dies ist kein üblicher Biografiefilm. Lincolns Tod wenige Monate später im April 1865 durch die Kugel eines Attentäters wird gewissermaßen nur per Bericht nachgereicht. Seinen Film hat der Regisseur auf der Biografie „Teams of Rivals: The Political Genius of Abraham Lincoln“ von Doris Kearns Goodwin gegründet. Der Dramatiker Tony Kushner verwandelte den Stoff in ein Drehbuch.

So beschwören Spielberg und Kushner die Kraft der Politik, exemplarisch vorgeführt von antiquiert wirkenden Bartträgern auf gemäldehaften Bildern. Die Kontrahenten verletzen sich in Rededuellen, sie prügeln verbal aufeinander ein. Am Ende aber steht der Wille zur Einigung im Interesse des Landes.

Von Parallelen zur aktuellen Politik in Washington spricht Spielberg selbst. In Interviews hat er gesagt: Amerika sei auch heute zerrissen zwischen zwei Lagern, zwischen Demokraten und Republikanern, eingefärbt in rote und blaue Flecken, wie sie in den Fernsehberichten vor der Wahl zu sehen waren. Nach der Wahl habe sich daran wenig geändert.

Tatsächlich kommen dem Zuschauer viele Probleme Obamas in den Sinn, der nun genau wie Lincoln seine zweite Amtszeit angetreten hat – und Lösungen für Schuldenbegrenzung, Krankenversicherung, Homo-Ehe, Einwanderungsrecht oder den Umgang mit Schusswaffen aushandeln muss. Vor eineinhalb Jahrhunderten hatte Lincolns Amerika noch die Kraft zu wegweisenden Entscheidungen.

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