Traumhaft in ihren Rollen: Mélanie Laurent und Alexï Guskow im Kinofilm "Das Konzert".
Dies ist ein Film über die Schönheit der Musik, über Wahnsinn, Juden in der Sowjetunion, das heutige Russland, über Osteuropäer im Westen, Klischees und eine Suche nach den Eltern. Ein Film über Moskau und Paris, über Mimikry und Chuzpe, über den Einzelnen und die Gemeinschaft. Es ist ein lustiger, ein rührender, ein wunderschöner Film.
Radu Mihaileanus „Das Konzert“ beginnt mit einer unglaublichen Idee: Der ehemalige Dirigent des Bolschoi-Orchesters, Andreï Filipov, will seine früheren Kollegen zusammentrommeln, um mit ihnen im Pariser Théâtre du Châtelet aufzutreten. Nach 30 Jahren. Das muss alles heimlich, mit viel Trickserei und Gaunerei geschehen, denn das wahre Bolschoi-Orchester darf nichts von dem Coup wissen. Seit drei Jahrzehnten dirigiert Filipov nicht mehr, sondern arbeitet für den Direktor des berühmten Moskauer Orchesters als Putzkraft. Während der antisemitischen Welle in der Sowjetunion Anfang der achtziger Jahre unter Breschnew hatte sich Filipov geweigert, jüdische Musiker aus dem Orchester zu entlassen. Das bedeutete auch das Ende seiner Karriere. Nun wittert der Maestro seine Chance zur Rückkehr an das Dirigierpult.
Zunächst entwirft der Film ein kleines Sittengemälde des modernen Russlands: Filipovs Frau ist damit beschäftigt, Statisten für Mafioso-Hochzeiten und kommunistische Demonstrationen zu engagieren. Filipov selbst und sein Kompagnon, der Cellist Sascha, der ebenfalls vor 30 Jahren seine Karriere beenden musste, verbünden sich für den großen Traum sogar mit dem Kommunisten und begnadeten Konzertmanager Ivan Gavrilov. Die ehemaligen Musiker arbeiten als Möbelpacker, Krankenwagenfahrer, Pornofilmvertoner. Für „ihren“ Maestro Andreï lassen sie alles stehen und liegen, der unglaubliche Plan wird verwirklicht.
In der zweiten Hälfte, die in Paris spielt, gleitet der Film manchmal ins Alberne ab, verlieren sich vor allem die in Paris förmlich einfallenden, dauerbetrunkenen Russen leicht im Klischeehaften. Doch diese kleinen Schwächen leistet sich Mihaileanu immer nur kurzzeitig. Obwohl nun noch eine komplizierte Familiengeschichte dazukommt, wirkt der Film nicht überfrachtet und trotz der Themen – klassische Musik, die Suche nach vollkommener Harmonie, Aufarbeitung von Vergangenheit – niemals kopflastig.
Dafür sorgen vor allem die wunderbaren Schauspieler. Der russische Kinostar Alexeï Guskow spielt den Dirigenten Andreï voller Stolz und Selbstzweifel. Den russischen Bären Dmitri Nazarov als Sascha will man auch gern als Freund haben. Mélanie Laurent gibt die Violinistin Anne-Marie Jacquet, die den Solopart in Tschaikowskys „Konzert für Violine und Orchester“ spielen soll, in einer Mischung aus Neugier, Skepsis und Ehrfurcht. Eine der großen Stärken des Films ist es, dass er bis in die Nebenrollen perfekt besetzt ist. Die Akteure gewinnen schnell die Sympathien des Zuschauers.
Ebenso wie in Mihaileanus „Zug des Lebens“ geht es auch im „Konzert“ um Verwandlungen, um den gutmütigen Schwindel. „Ich kann dieses Thema nicht vermeiden. Es mag daran liegen, dass mein Vater, der Buchman hieß, seinen Namen während des Krieges ändern musste, um zu überleben“, hat Mihaileanu kürzlich in einem Interview gesagt. Doch der französisch-rumänische Regisseur beschränkt sich nicht auf dieses eine Thema, er erzählt viele kleine Geschichten, malt Sittengemälde des modernen Russlands und des Zusammentreffens verschiedener Kulturen, er sucht Metaphern, erzählt auch mal augenzwinkernd. In Frankreich wollten zwei Millionen Zuschauer den Film sehen, zweimal bekam er den César, den französischen Oscar.
Am Ende von „Das Konzert“, so viel darf verraten werden, spielt das Orchester Tschaikowskys wunderbares Violinkonzert im Châtelet. Die Musik und die Antworten auf die vielen Fragen des Films am Schluss rühren, ohne dass es rührselig wird. Hollywood ist weit weg. Allerspätestens am Ende hat man sich in diesen Film verliebt.
Musikalisches Filmhighlight mit großer Besetzung zum Verlieben.