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Die fabelhafte Welt von T. S.

Neu im Kino Die fabelhafte Welt von T. S.

Jean-Pierre Jeunet hat sich den Roman „Die Karte meiner Träume“ von Reif Larsen vorgenommen. Es hätte sich kaum ein besserer Regisseur für diesen Stoff finden lassen. Die Detailverliebtheit des Buches transportiert Jeunet unaufdringlich, aber effektvoll ins Kino.

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Den Koffer hat er schon gepackt: T. S. Spivet (Kyle Catlett) bricht auf zu einer abenteuerlichen Reise.Foto: DCM

Quelle: Jan Thijs

Wir wissen nicht, wie der Filmregisseur Jean-Pierre Jeunet als Kind war. Aber wir ahnen, wie er gewesen sein könnte - so ähnlich wie dieser T. S. Spivet. Die Neugier des Jungen ist unstillbar, er erfindet alles Mögliche und nimmt die abstrusesten Dinge in seiner Umgebung wahr. T. S. (Kyle Catlett) vermisst mal eben die Schallwellen von Schüssen, berechnet den Anteil der ungenießbaren Körner im Zuckermais, und er plant einen Kanal zur besseren Bewässerung der Familienranch hoch oben in den Bergen Montanas. Nicht schlecht für einen Zehnjährigen.

Tatsächlich ist T. S. ein Wunderkind, auch wenn das weder seine ältere Schwester noch seine Eltern erkannt haben. Und jetzt hat T. S. allen physikalischen Hindernissen zum Trotz und selbstverständlich ohne Wissen der Familie ein Perpetuum mobile erfunden, das nach seinen Überlegungen 400 Jahre lang laufen dürfte. Deshalb will ihm die renommierte Smithsonian Institution in Washington einen Preis überreichen. Doch haben die Wissenschaftler in der fernen Hauptstadt keine Ahnung, dass sich hinter dem Ausgezeichneten ein kleiner Junge versteckt, der eine schwierige Reise vor sich hat, wenn er seine Dankesrede in Washington pünktlich halten will.

Anders als T. S. ist Jean-Pierre Jeunet allerdings nicht als junges Genie bekannt geworden, sondern als Regisseur. Aber er ist mindestens ebenso verspielt wie seine Filmfigur und ein echter Kinotüftler. Jeunet hält jenen die Treue, die unbeirrbar ihren spleenigen Ideen nachgehen, egal was der Rest der Welt davon hält. Seine berühmteste Erfindung ist „Die fabelhafte Welt der Amélie“, in der ebenjene feenhafte Titelheldin (Audrey Tautou) wundersame Hindernisrennen ins Glück veranstaltete.

Nun hat sich Jeunet den Roman „Die Karte meiner Träume“ von Reif Larsen vorgenommen. Es hätte sich kaum ein besserer Regisseur für diesen Stoff finden lassen. Die Detailverliebtheit des Buches transportiert Jeunet unaufdringlich, aber effektvoll ins Kino.

Das Entscheidende dabei ist, dass all die Karten und Diagramme, die hier die Leinwand schmücken, kein Selbstzweck sind: In dem Roman steckt die Geschichte einer unglücklichen Kindheit. T. S. fühlt sich nicht nur unverstanden, er glaubt auch, schwere Schuld auf sich geladen zu haben. Sein Bruder starb bei einem Schießunfall, und T. S. war dabei - um Schallwellen zu messen.

Weder seine vom Käfersammeln besessene Mutter (Helena Bonham-Carter) noch sein schweigsamer Vater (Callum Keith Rennie), ein ins falsche Jahrhundert geborener Cowboy, haben über den Tod des Bruders mit ihm gesprochen. Und seine Schwester, nun ja, die hält T. S. sowieso für sehr seltsam und hat nur ihren Schönheitswettbewerb im Kopf. So macht sich T. S. heimlich auf den Weg nach Washington - als blinder Passagier auf einem Güterzug.

Auf seiner Reise wird er lernen, dass die familiären Dinge vielleicht doch nicht so verquer liegen, wie er sich das in seiner Einsamkeit ausmalt. Auch ein Genie kann sich irren, wenn es um Beziehungen geht. Auf seinen Regisseur kann er jedenfalls bauen, wenn es um Wege ins Happy End geht: Jeunet hat einen ausgeprägten Hang zu Märchen. Früher fielen diese eher makaber und grausam aus („Delicatessen“, „Die Stadt der verlorenen Kinder“), inzwischen will Jeunet, dass alles gut wird.

Nebenbei hat sich der Franzose mit diesem Film einen Traum erfüllt. Er filmt den Westen der USA so ikonisch, wie dieser wohl nie war - seinen ersten US-Film „Alien 4“ musste Jeunet komplett im Studio drehen. Hier wiehern Mustangs auf sattgrünen Wiesen, rattern Züge über wackelige Holzbrücken, locken die Rocky Mountains am Horizont. Jeunet stellt das unverdorbene Amerika neben das der medienversessenen Elite in Washington, die T. S. für eigene Zwecke vermarkten will. Keine Frage, der Regisseur idealisiert. Aber der Glaubwürdigkeit dieser anrührenden Geschichte tut das keinen Abbruch.

Die Karte meiner Träume,

Regie: Jean-Pierre Jeunet,

105 Minuten, FSK 0

Cinemaxx, Kino am Raschplatz, Cinestar

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