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Dieter Kosslick: „Wir haben keine Leberwurst-Filme"
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Berlinale-Chef im Interview Dieter Kosslick: „Wir haben keine Leberwurst-Filme"

Wie steht es um das deutsche Kino? Wozu brauchen wir eigentlich Filmfestivals? Fragen an den Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der am 7. Februar die Berliner Filmfestspiele eröffnet.

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Berlinale Direktor Dieter Kosslick.

Quelle: dpa

Hannover. Herr Kosslick, auf welchen Film bei der 63. Berlinale freuen Sie sich besonders?

Das darf ich gar nicht sagen, ich muss ja neutral bleiben, tue es jetzt aber trotzdem: Es ist toll, dass wir zur Eröffnung „The Grandmaster“, den neuen Film unseres Jurypräsidenten Wong Kar-Wai, zeigen können. Wer chinesisches Kino mit großer Ausstattung und großartigen Martial-Arts-Szenen liebt, ist da genau richtig.

Sie werden auf dem roten Teppich auch jemanden begrüßen, der sonst nicht mit Filmkunst in Verbindung gebracht wird - Til Schweiger. Wie kommt‘s ?

Til Schweiger spielt in der US-Liebesgeschichte „The Necessary Death of Charlie Countryman“ einen rumänischen Schurken. Wir erwarten aber noch andere Stars: Matt Damon zum Beispiel oder die drei französischen Diven Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Isabelle Huppert.

Von Ihnen wird ja stets erwartet, einen roten Faden im Wettbewerb zu entdecken. Spinnen Sie doch mal den für 2013.

Viele Filme sind nah dran an der Wirklichkeit. Manche korrespondieren sogar miteinander. In Gus van Sants „Promised Land“ geht es ums Fracking - also um diese umstrittene Art der Gewinnung von Erdgas. Van Sant liefert den Spielfilm dazu. Da sieht man, welche Konsequenzen das für die Umwelt hat. Gleichzeitig ist im russischen Film„A Long And Happy Life“ zu sehen, wie Kolchose-Bauern ihr Land weggenommen wird. In beiden Fällen kämpfen die Farmer um ihren Grund und Boden, um ihre Existenz.

Klingt so, als wäre Realitätsnähe ein Kriterium bei der Auswahl.

Zuerst geht es um filmische und visuelle Qualitäten. Aber wenn sich ein Film wie „In the Name of“ aus Polen mit der Repression von Homosexuellen in der katholischen Kirche beschäftigt, schadet das nicht. Es geht da schließlich um die Welt, in der wir leben.

Wie sind Sie an den Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi gekommen? Das Regime hat Panahi mit Berufsverbot belegt. Ihm droht eine lange Haftstrafe.

Wir wissen nicht genau, wie er diese Heldentat vollbracht hat. Er hat die Einladung von „Geschlossener Vorhang“ in den Wettbewerb dennoch angenommen. Ich hoffe, dass Panahi selbst zur Berlinale kommen kann.

Haben Sie all die Filme bekommen, die Sie wollten?

Lassen Sie es mich so sagen: Ja, aber wir hätten nichts dagegen gehabt, auch Steven Spielbergs „Lincoln“, Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ oder Quentin Tarantinos „Django Unchained“ zu zeigen.

Warum hat‘s nicht geklappt?

Die Filme sind schon in vielen anderen Ländern gestartet - eine Woche nach der Berlinale werden in den USA bereits die Oscars vergeben. Im Wettbewerb eines großen Festivals dürfen aber keine Beiträge laufen, die schon außerhalb ihres Produktionslandes zu sehen waren. So sind die Regeln. Bloß lassen sich diese nur schwer erklären - so wie die Fleischerinnung auch nicht erklären kann, wieso in einer Leberwurst nicht nur Leber ist.

Und wie holen Sie Leberwurst-Filme nach Berlin?

Als Vegetarier kann ich Ihnen verraten: Wir haben keine Leberwurst-Filme. Aber außerhalb des Wettbewerbs spielen wir Premieren wie zum Beispiel dasMusical „Les Misérables“ mit Anne Hathaway im Friedrichstadt-Palast, ein Riesenerfolg.

Sie machen diesen Job seit 2001. Was hat sich geändert?

Ich habe das Ende des Zelluloids miterlebt. Mehr als 90 Prozent der Filme kommen heute digital zu uns. Früher hatten wir ein Riesenlager mit 35- und 16-Millimeter-Kopien.

Hat das Festival an Bedeutung verloren?

Filme kann ich auf jedem Handy schauen. Aber nicht unsere! Wir zeigen Weltpremieren - auch aus Hollywood, etwa den Dreamworks-3-D-Animationsfilm „The Croods“. Bei uns gibt’s Kino exklusiv und anderes Kino; Kino, das man sonst nicht sehen könnte.

Jetzt haben Sie eine einmalige Chance: Nehmen Sie den Kritikern schon mal den Wind aus den Segeln. Was wird denen in diesem Jahr nicht passen?

Erst mal bin ich froh, dass 2012 die Kritik gegen meine Auswahl der Wettbewerbsfilme ausblieb. Wäre schön, wenn das so bliebe. Wir gehen auch dieses Jahr wieder das Risiko von Erstlingsfilmen ein, wir wollen neue Talente entdecken, ob aus Osteuropa oder aus Kasachstan.

Machen Sie da nicht aus der Not eine Tugend? Weil Sie Spielberg nicht kriegen, setzen Sie auf Anfänger.

Wir können nicht nur große Main-streamfilme zeigen. Das ist meinem Vorgänger Moritz de Hadeln ja zur Last gelegt worden, dass die Berlinale zur Abschussrampe für Hollywood verkümmere. Die Berlinale repräsentiert das Kino der ganzen Welt!

Was verwundert: Ist dieses Jahr tatsächlich das erste in Ihrer Ära, in dem Sie keine neue Sektion erfinden?

Wir haben die Sonderreihe „Native“, wo wir das Kino indigener Völker zeigen. Aber ansonsten bleibt das Programm unverändert, wir haben ja schon viel zu bieten: Wir fördern den Nachwuchs beim Talent Campus, unterstützen mit dem World Cinema Fund das Filmschaffen in Regionen mit unzureichender Filminfrastruktur, wir entwickeln zusammen mit dem Büchermarkt Kinostoffe, wir sind erfolgreich mit dem Kulinarischen Kino, kooperieren bei unserer Retrospektive „The Weimarer Touch“ mit dem Museum of Modern Art in New York, und der Filmmarkt ist so groß wie nie. Das heißt, Moment, da fällt mir ein ...

... ja?

Wir öffnen uns für eine bestimmte Art des internationalen Qualitätsfernsehens. TV-Serien werden zurzeit weltweit gerühmt, wir zeigen Jane Campions und Garth Davis’ sechsteilige BBC-Produktion „Top of the Lake“.

Wie schwer ist es für Sie, Stars auf den roten Teppich zu bekommen?

Ich erinnere mich nur ungern an den Eröffnungsfilm „Cold Mountain“ vor neun Jahren. Da bin ich quasi allein in den Festivalpalast einmarschiert. Aber das ist lange her. Berlin ist hip, die Stars kommen gern - das ganze Jahr über.

Na, dann brauchen wir die Berlinale doch gar nicht mehr.

Ich würde keinem raten, sie abzuschaffen. Wir setzen Hunderte von Millionen Euro um, wir haben 400 Arbeitsplätze geschaffen, wir kreieren mehr Steuern, als wir an Subventionen bekommen. Und wir zeigen ein Programm, das die Zuschauer zu begeistern scheint.

Interview: Stefan Stosch

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