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Helikoptereltern im Anflug

Komödie „Frau Müller muss weg“ Helikoptereltern im Anflug

Klassenkampf mit Sönke Wortmann: in der Schulkomödie „Frau Müller muss weg“ steht das Zwischenzeugnis der 4b an. Doch die Noten der Schüler haben sich extrem verschlechtert, und dafür soll die Klassenlehrerin verantwortlich sein – meinen die Eltern.

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Diese Abordnung hat nur ein Ziel: Die Klassenlehrerin soll weg. Da kennen die Erziehungsberechtigten der Schüler aus der Klasse 4b keine Gnade (Ken Duken, Justus von Dohnanyi, Alwara Höfels, Anke Engelke, Mina Tander, v. l.).

Quelle: Constantin

Berlin. Schüler spielen auch mit in dieser Schulkomödie. Aber sie tauchen nur für einen winzigen Moment am Ende auf und singen so fröhlich im Chor, als ginge sie das Geschehen an ihrer Anstalt gar nichts an. Tut es ja auch nicht. Denn hier reden und toben allein ihre Eltern.

Klassenlehrerin Frau Müller und eine entschlossene Elternabordnung sind zu einem außerplanmäßigen Treffen zusammengekommen. Sie sitzen auf viel zu niedrigen Holzstühlen, frisch gebastelte Kastanientiere schauen aus der Glasvitrine zu, und auf die Tafel hat jemand ein Galgenmännchen gestrichelt. Oder handelt es sich etwa um ein Galgenfrauchen namens Müller?

Zu einem frühen Zeitpunkt kommt dann aber auch Frau Müller (Gabriela Maria Schmeide) abhanden: Die Grundschullehrerin verlässt fluchtartig und unter Tränen den Klassenraum, nachdem die Eltern ihr auf den Kopf das zugesagt haben, was bereits im Titel dieser Komödie verkündet wird: „Frau Müller muss weg.“ Die Lehrerin soll die 4b endlich abgeben.

Dann legen die Eltern, angeführt von der Karrierefrau Jessica Hövel (Anke Engelke im Hosenanzug), erst so richtig los und demontieren sich in weniger als einer Schuldoppelstunde gegenseitig. Schließlich geht es kurz vor dem entscheidenden Übergangszeugnis um alles oder nichts – nämlich darum, ob ihre Töchter und Söhne den Sprung aufs Gymnasium schaffen („Auf der  Mittelschule sitzen ja nur noch die Skinheads“). Alles sieht danach aus, als hätte sich Frau Müller entschlossen, richtig schlechte Noten zu vergeben. Also muss die angeblich überforderte Pädagogin weg.

Wer nach der x-ten Wiederholung der „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann nie wieder eine Pennäler-Komödie schauen wollte, schon gar nicht gedreht von Routinier Sönke Wortmann („Der bewegte Mann“, „Das Wunder von Bern“, „Schoßgebete“), sollte es sich noch einmal überlegen. Beinahe möchte man fragen, wieso nicht schon viel eher einer auf die Idee gekommen ist, die täglichen Scharmützel ums System Schule abzubilden – was sich von „Fack ju Göhte“ ja nur begrenzt sagen lässt.

Alles, was derzeit debattiert wird, ist mit leichter Hand eingewoben in diese Komödie: Helikoptereltern, die ihr Auto auf dem Schulhof parken, ADS, Mobbing, Burn-out. Der bewährte Theaterautor Lutz Hübner hat erst die Stückvorlage geliefert und dann auch am Drehbuch mitgeschrieben. Die Bühnenkonzeption behält Regisseur Wortmann weitgehend bei: Der Film bewegt sich kaum weiter vor die Tür als bis auf den Dresdner Schulhof. Das reicht, um gewichtige Konflikte hinein ins Klassenzimmer zu tragen – egal, ob Ost-West-Gegensatz, Beziehungsprobleme oder Angst vorm beruflichen Abstieg.

Die Qualität von Hübners Text sorgt dafür, dass diese Themen halbwegs ernst genommen werden. Und Sönke Wortmann konzentriert sich auf fein herausgespielte Pointen: Zwei Väter gehen sich zum Schaden der Kastanienmännchen an den Kragen, die Karrierefrau taucht im Schulschwimmbad nach ihrem verlorenen Handy, die Eltern verlieren den Kampf gegen die Kakaomaschine. Es ist also ganz schön was los an diesem außergewöhnlichen Elternabend, an dem die Erziehungsberechtigten sich mehr und mehr wie ungezogene Kinder aufführen und feststellen müssen, dass sie ihre Schutzbefohlenen womöglich weit schlechter kennen als die Klassenlehrerin ihre Schüler. Und der Hausmeister gibt, ganz wie im wirklichen Leben, das Feindbild ab.

Vor allem aber kann sich Wortmann auf seine Schauspieler verlassen, allen voran Engelke, die als knallharte Taktiererin eine Wucht ist. Justus von Dohnanyi gibt den überbehütenden Kontrollfreak, der mehr Angst vor dem Zeugnis hat als seine Tochter. Das Ehepaar Patrick (Ken Duken) und Marina Jeskow (Mina Tander) kriegt sich in die Wolle über erzieherische Prinzipien, die alleinerziehende Katja Grabowski (Alwara Höfels) steht zwischen allen. Und dann ist da noch Gabriela Maria Schmeide, die nachempfinden lässt, warum Lehrer(innen) gelegentlich die Nerven verlieren, das aber keinesfalls tun sollten.

Vielleicht ist es ein bisschen zu dicke, die Erwachsenen gleich zweimal Frau Müller begrüßen zu lassen, als wäre das hier die erste Schulstunde am frühen Morgen. Da driftet die Geschichte doch sehr in die Karikatur ab. Dennoch ist „Frau Müller muss weg“ nicht nur Eltern vor dem nächsten Elternabend zu empfehlen. Diesen aber ganz besonders.

Frau Müller muss weg, Regie: Sönke Wortmann, 88 Minuten, FSK 6
Cinemaxx, Kino am Raschplatz,
Cinestar, Astor

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