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Der Krieg, der nicht aufhören will

„Dämonen und Wunder“ Der Krieg, der nicht aufhören will

Als Cannes-Sieger Jasques Audiard seinen Film „Dämonen und Wunder“ drehte, konnte er von der Flüchtlingskrise in Europa noch nichts wissen. Jetzt aber wirkt seine Geschichte aus den Pariser Vorstädten wie ein bitterer Kommentar zum aktuellen Geschehen.

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Er wird sie mit allen Mitteln verteidigen: Dheepan (Antonythasan Jesuthasan) und seine Ziehtochter Illayaal (Claudine Vinasithamby). Fotos: Weltkino

Quelle: Paul Arnaud

Irgendwann zieht Dheepan eine weiße Linie in den Dreck zwischen den grauen Hochhausblöcken. Er kann das, denn er ist Hausmeister in den Pariser Banlieues, und deshalb verfügt er über eine Schubkarre und viel Kalk. Wie die Außenlinie auf einem Fußballplatz sieht die Markierung aus: Bis hierhin darf der Krieg zwischen den verfeindeten Drogenbanden kommen, auf keinen Fall jedoch herüber auf seine Seite, wo er mit seiner neuen Kleinfamilie in Frieden leben will.

Denn mit dem Krieg hat der tamilische Soldat abgeschlossen. Das war zu Beginn ganz klar zu sehen in diesem Film: Dheepan (Antonythasan Jesuthasan) hat die Uniform noch in Sri Lanka ausgezogen, seine toten Kameraden auf einem Scheiterhaufen verbrannt und die Rebellenarmee Tamil Tigers verlassen. Das Töten und das viele Blut konnte er nicht mehr ertragen.

Dann hat sich Dheepan eine Patchworkfamilie zusammengesucht: Yalini (Kalieaswari Srinivasan) soll von nun an seine Frau sein, die neunjährige Waise Illayaal (Claudine Vinasithamby) seine Tochter. Die drei kannten sich vor der gemeinsamen Flucht nicht, aber als Kleinfamilie erhöhen sie ihre Chance, als Asylsuchende in Frankreich aufgenommen zu werden.

Erst sieht es in Jacques Audiards Cannes-Siegerfilm „Dämonen und Wunder - Dheepan“ wider alle Wahrscheinlichkeit so aus, als wüchse in Paris zusammen, was das Schicksal zusammengewürfelt hat. Illayaal geht zur Schule, Yalini pflegt einen alten, dementen Mann, und Dheepan erledigt pflichtgemäß seinen Job.

Allmählich lässt das Zufallstrio trotz allen Misstrauens Nähe zueinander zu, ja, es entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen Yalini und Dheepan. Auch nach außen fügt er sich in sein Schicksal: Jemand, der seine kriegsversehrte Heimat verlassen musste und dessen Neustart zumindest ursprünglich auf einer Lüge basiert, will keinesfalls bei den Behörden anecken.

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„Dämonen und Wunder - Dheepan“, Regie: Jacques Audiard, 115 Minuten, FSK 16 Kino am Raschplatz

Aber so einfach ist es nicht in einem Film von Jacques Audiard. Mit einem handelsüblichen Flüchtlingsdrama begnügt sich der französische Regiestar nicht. Schon im Gefängnisthriller „Ein Prophet“ und in der Liebesgeschichte „Der Geschmack von Rost und Knochen“ zwischen einem Preiskämpfer und einer Beinamputierten ging es letztlich um die Selbstbehauptung des Individuums unter erschwerten Bedingungen - und so ist es auch hier.

Als Audiard seinen Film drehte, konnte er von der sogenannten Flüchtlingskrise in Europa noch nichts wissen. Er konnte also auch nicht auf einen politischen Bonus hoffen, als er sich in einem starken Wettbewerb in Cannes durchsetzte und die Goldene Palme gewann. Nun aber wirkt seine Geschichte wie ein bitterer Kommentar zum aktuellen Geschehen. Bedingungslos schlägt sich der französische Regisseur auf die Seite seines Protagonisten, der sich sein neu entstehendes Glück nicht von Drogendealern nehmen lassen will.

Was soll Dheepan also tun, wenn die Drogengangs unkontrolliert wüten und seine Familie dabei mehr und mehr zwischen die Fronten gerät? Wenn Illayaal von einem gefährlich freundlichen Bandenchef bedroht wird, der ausgerechnet der Sohn des pflegebedürftigen alten Mannes ist?

Audiard, schon immer ein Freund des Genrefilms, weiß die Antwort: Der Regisseur nimmt in seinem Film etwas abrupt die Kurve zum Thriller. Sein Protagonist Dheepan weiß schließlich, was Krieg ist und wofür es wirklich zu kämpfen lohnt. Der bis dahin so unauffällige Flüchtling verwandelt sich blitzschnell zurück in den tödlichen Rebellen-Milizionär.

Der Ausbruch der Gewalt ist ein Schock. Rächende Väter, wie sie derzeit in Hollywood beliebt sind (siehe die Figuren, die Liam Neeson so gerne spielt), können gegen diese menschliche Mordmaschine einpacken. Die Pariser Banlieues werden zum Bürgerkriegsgebiet. Polizisten oder Sozialarbeiter scheinen sich sowieso nicht in diese Gegend zu trauen - sie kommen praktisch gar nicht vor.

Besonders nachdrücklich wirkt diese so blutige wie unerwartete Wendung, weil Hauptdarsteller Antonythasan Jesuthasan selbst ein tamilischer Kämpfer war, bevor er Ende der Achtzigerjahre nach Frankreich kam. Heute arbeitet er als Dramatiker, Essayist, Schriftsteller - und Schauspieler: „Dämonen und Wunder - Dheepan“ ist seine erste Hauptrolle. Man kann nur mutmaßen, wie viel eigene Erfahrung in ihr steckt. 

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