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Quentin Tarantino gelingt mit „Django Unchained“ ein Meisterwerk
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Filmkritik Quentin Tarantino gelingt mit „Django Unchained“ ein Meisterwerk

Wilder Ritt durch den Spaghetti-Western: Quentin Tarantino setzt in „Django Unchained“ auf zwei glorreiche Halunken – Christoph Waltz und Jamie Foxx. Der Film ist am 17. Januar im Kino gestartet.

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Christoph Waltz und Jamie Foxx sind Quentin Tarantinos glorreiche Halunken.

Quelle: Sony Pictures

Hannover. Bei diesem Regisseur ist mit allem zu rechnen. In seinem vorigen Film „Inglourious Basterds“ hat Quentin Tarantino mal eben Adolf Hitler erschossen. Jetzt ist er in den Wilden Westen geritten. Aber er ist nicht mit einem üblichen Western zurückgekommen.

Klar, „Django Unchained“ hat alles, was es für einen klassischen Western braucht - todsicher treffende Revolverschützen, Showdownszenen auf staubigen Straßen, grandiose Landschaften. Tarantino erweist den von ihm heiß geliebten Spaghetti-Western seine Reverenz, in denen in den Sechzigern irgendwie „Django“ im Titel vorkam, ein wortkarger Einzelgänger einen Sarg hinter sich herzog und ziemlich häufig Franco Nero mitspielte (der hier einen Cameo-Auftritt hat).

Kinojunkie Tarantino kennt die Filmgeschichte in- und auswendig, aber er gestaltet sie so um, wie es ihm passt. Auch „Kill Bill“ beispielsweise hatte schon was vom Italowestern, der ja sowieso immer schon ein wilder Mix aus europäischen und amerikanischen Zutaten war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Tarantino auf den Spuren von Sergio Leone und Co. wandeln würde. Und doch ist hier vieles anders.

Gab es schon jemals einen Western, in dem am Lagerfeuer –zugegeben, in sehr konzentrierter Form – die „Nibelungen“ nacherzählt werden und eine Brunhild mit Deutschkenntnissen mitspielt? In dem ein so elaboriertes Englisch gesprochen wird, dass es jedem Konversationstrainer Freudentränen in die Augen treiben muss? Oder in dem ein Kopfgeldjäger aus Düsseldorf unterwegs ist, getarnt als fahrender Dentist mit einem an einer Metallfeder schaukelndem Riesenzahn auf seinem Holzwägelchen?

Zähne zieht der Mann allerdings im ganzen Film nicht. Er bohrt lieber Kugeln in seine Gegner, wenn deren Konterfei von Steckbriefen bekannt ist. Womit die eigentliche Sensation aber noch gar nicht benannt ist: Begleitet wird dieser Dr. King Schultz (Christoph Waltz) von einem Partner mit schwarzer Hautfarbe, eben jenem von seinen Fesseln befreiten Django (Jamie Foxx). Alsbald schießt Django mit Lust, Wut und erstaunlicher Kunstfertigkeit seine weißen Peiniger von einst zusammen und verdient Geld mit dem Tod der bösen Jungs.

Darüber hinaus verfolgt Django ein Ziel: seine auf die Candie-Plantage verschleppte Frau Brunhild (Kerry Washington) – mit vollem Namen: Broomhilda von Shaft, womit wiederum der größte Blaxploitation-Star des US-Kinos gewürdigt wird - zu befreien. Dazu allerdings müssen Schultz und Django den Plantagenbesitzer Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) und dessen hinterlistig-devoten Haussklaven Stephen (kaum wiederzuerkennen: Samuel L. Jackson) austricksen. Um die Liebe geht es also auch, das gab es so noch nicht in Tarantinos lässigem Männer-Universum.

Zurerst aber ist „Django Unchained“ ein Rachefilm vor dem Hintergrund der Sklaverei in Amerika. Das hat besonderen Charme, denn schon eine Kinowoche später wird sich Regiekollege Steven Spielberg in seinem Biografiefilm „Lincoln“ daran machen, die Sklaverei mit politischen Mitteln in Washington abzuschaffen. Gewissermaßen tut das auch Tarantino, nur eben ins Persönliche und Praktische gewendet und mit einer Portion Pulp und Trash. Es ist faszinierend, wie verschieden zwei Großmeister des Hollywoodkinos sich ein- und demselben Sujet widmen.

Tarantino langt ins Volle, und das betrifft auch die Brutalität, die Schwarze hier erleiden müssen. Sie werden von Hunden zerrissen und in sargähnliche Verliese gesperrt (ähnliches wiederum gibt es demnächst bei den US-Folterern auf der Jagd nach Osama bin Laden in „Zero Dark Thirty“ zu sehen), in Schaukämpfen aufeinandergehetzt, ausgepeitscht und in klirrenden Ketten durch die Nacht getrieben. Häufiger als hier dürfte kaum in einem Film das Wort „Nigger“ gefallen sein - bis hin zum letzten Satz im Abspann. Womöglich kommt Tarantino dabei den wahren historischen Zuständen näher als andere Regisseure.

Doch bei all diesen Quälereien lässt Tarantino keine Gelegenheit für Betroffenheit. Ein grimmiger Witz durchzieht seinen Film. Bei ihm zersägt Sklavenbesitzer Candie mal eben zwischen Hauptgang und Dinner den Totenschädel eines einstigen Leibeigenen, um Anzeichen für genetisch bedingte Unterwürfigkeit zu suchen. Und die Mannen vom Ku-Klux-Klan sind zu blöd, um sich auch nur ihre Kapuzen über die Köpfe zu ziehen.

So wie der Regisseur die dunkle Seite Amerikas zeichnet, dürfte das nicht allen gefallen. Die einstigen Sklavenhalter in den Südstaaten kommen ungefähr so schlecht weg wie die Nazis in „Inglourious Basterds“. Doch verlachen die beiden glorreichen Halunken keinesfalls das Leid, besonders Django ist fähig zum Mitleid.

Die Schauspieler sind mit offensichtlicher Spiellust dabei: Christoph Waltz hat seine Umgangsformen aus „Inglourious Basterds“ noch weiter ausgefeilt, nur gehört er jetzt eben zu den Guten. Jamie Foxx bewegt sich als cooler Rache-Cowboy durch den Wilden Westen, als hätte er nie etwas anderes getan. Leonardo DiCaprio dagegen ist der Typ dekadenter Herrenmensch.

Im Soundtrack bietet der Regisseur vom verehrten Ennio Morricone über Folksänger Jim Croce bis zur Soullegende James Brown eine bunte Mischung. Natürlich darf auch Luis Bacalov mit dem „Django“-Titel nicht fehlen. Tarantino hat dem Western auch musikalisch eine originelle Note hinzugefügt.

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HAZ-Redakteur/in Stefan Stosch

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