Duisburg: Denken wir in diesen Tagen an die Ruhrgebietsstadt, kommen uns erschreckende klaustrophobische Situationen in den Sinn, stehen uns Bilder von einer außer Kontrolle geratenen Menschenmasse vor Augen. Der 2009 in Duisburg gedrehte Film von Dietrich Brüggemann, „Renn, wenn du kannst“, zeigt hingegen eine fast menschenleere Stadt. Er führt die Zuschauer in einen tristen Plattenbau oder in eine betongraue Musikhochschule, die man sich als Wohnstätte der Musen nicht vorstellen kann. Und doch: Es sind die Menschen mit ihren Träumen, ihrem Lebensmut, ihrer (zuweilen blockierten) Liebesfähigkeit, die diese Stein gewordene Misere zu einem wohnlichen Ort machen.
In diese Umgebung von bizarrer Tristesse hat der Regisseur, der mit seiner Schwester und Darstellerin Anna Brüggemann das Drehbuch geschrieben hat, seine Geschichte angesiedelt. Sein Film konzentriert sich auf drei eigenwillige Personen, auf die Entwicklung einer so ungewöhnlichen wie glaubwürdigen Dreiecksbeziehung. Da ist der Student Ben (Robert Gwisdek), der nach einem Unfall seit sieben Jahren an den Rollstuhl gefesselt und an Beinen und Armen gelähmt ist. Er erwartet seinen neuen Zivi Christian (Jacob Matschenz), der später Medizin studieren will, beide treffen auf die Musikstudentin Annika (Anna Brüggemann), die zu nervös ist, wenn sie vor Publikum ihr Cellosolo spielen soll.
Brüggemann hat kein Betroffenheitskino im Sinn, sein Film ist eine sarkastische, aber menschenfreundliche Komödie, eine Liebesgeschichte, der mit gekonntem schwarzen Humor jede Sentimentalität ausgetrieben wird. Ben tut alles, um kein Mitleid zu erregen, er ist ein intelligentes, mit bösem Witz begabtes Ekel, der gewohnt ist, seine Zivis mit sadistischer Arroganz zu behandeln. Nun trifft er auf den Zivi Christian, der sich diese fiesen Spielchen verbittet, sich aber auch nicht abschrecken lässt. So entsteht eine gleichberechtigte Beziehung, die freilich schwieriger wird, als Annika auftaucht.
Sie ist schon längst im Visier von Ben, der die forsche Radfahrerin mit seinem Fernrohr verfolgt. Nach einem unfreiwilligen Zusammenstoß mit Christian fühlt sie sich zunächst zu dem Zivi hingezogen, ist aber dann von Ben fasziniert. Dass sich Unbekümmertheit und Sensibilität nicht ausschließen, zeigt der Film gerade in der heiklen, letztlich scheiternden Liebesszene zwischen Annika und dem schwerstbehinderten Ben. Die Beiläufigkeit, mit der Brüggemann die schwere Behinderung ins Bild setzt, macht ihm so leicht keiner nach.
Aber leider wollte er nicht auf die unbeholfenen Traumszenen verzichten, die dem Zuschauer das Trauma von Ben erklären sollen. Brüggemann versteht sich nun mal am besten auf das Lakonische, das gilt für die punktgenauen Dialoge wie den Filmschnitt.
Karl-Ludwig Baader
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