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„Zero Dark Thirty“ zeigt packend die Jagd auf Osama bin Laden
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Filmkritik „Zero Dark Thirty“ zeigt packend die Jagd auf Osama bin Laden

Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow bringt die Jagd auf Osama bin Laden ins Kino: „Zero Dark Thirty“ über das US-amerikanische Trauma ist der umstrittenste Hollywoodstreifen seit Langem. Der Film läuft seit dem 31. Januar in den deutschen Kinos.

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CIA-Agentin Maya Lambert (Jessica Chastain) hat die Jagd auf Osama bin Laden zu ihrem Lebensinhalt gemacht.

Quelle: Universal Pictures

Hannover. Der Film über die Jagd auf Osama bin Laden beginnt mit dem Stimmengewirr Verzweifelter. Eine Frau ist herauszuhören, sie bekommt kaum noch Luft. Die Frau ruft am 11. September 2001 aus dem World Trade Center an. Etwa 3000 Menschen sterben, als die gekidnappten Flugzeuge in die Gebäude rasen.

Mit diesen Hilferufen eröffnet Kathryn Bigelow ihren zweieinhalbstündigen Politthriller „Zero Dark Thirty“, den umstrittensten Hollywoodfilm seit Langem. Auf die zur Ikone gewordenen Bilder von den Flugzeugen, die sich in die New Yorker Türme bohren, verzichtet die US-Regisseurin. Sie haben sich sowieso ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Leinwand bleibt erst einmal schwarz. Doch von nun an ist klar: Was folgt, ist eine monströse Rachegeschichte. Es beginnt das quälend lange Jahrzehnt im sogenannten Krieg gegen den Terror.

Enden wird Bigelows Film mit dem Einsatz eines Spezialkommandos am 2. Mai 2011 im pakistanischen Abbottabad nördlich von Islamabad. Zwei Hubschrauber dringen eine halbe Stunde nach Mitternacht – im Militärjargon „Zero Dark Thirty“ genannt – in den pakistanischen Luftraum ein. Eine US-Eliteeinheit spürt bin Laden in einem festungsgleich abgesicherten Haus auf und erschießt ihn. Die Aktion verläuft fast lautlos, die Bilder flimmern grünlich, wir schauen gewissermaßen durch die Nachtsichtgeräte der Soldaten. So enden in Hollywood gewöhnlich Heldengeschichten, aber dies hier ist keine. Gut und Böse sind nicht so leicht auseinanderzuhalten.

Das zeigen schon die ersten Bilder nach den Hilferufen aus den Zwillingstürmen. Wir sehen einen US-Agenten bei seiner Arbeit. Er foltert ein halbnacktes Opfer in einer fensterlosen Halle irgendwo in Pakistan, bedroht den Mann, erniedrigt ihn, unterzieht ihn der Tortur des Waterboardings, sperrt ihn in eine Holzkiste. Dann geht der Agent raus, raucht eine und blinzelt in die Sonne. Ein netter Kerl, offenbar kein Sadist. Aber tief drin in dem Mann namens Dan muss etwas kaputtgegangen sein. Die Selbstverständlichkeit, mit der er die sogenannten Enhanced Interrogation Techniques – kurz: Folter – praktiziert, machen diese Szenen schwer erträglich.

Lange schon wollte Bigelow – Oscar-Gewinnerin mit dem Irak-Kriegsfilm „Tödliches Kommando“ über eine Bombenentschärfungseinheit – einen Film darüber drehen, wie die Amerikaner einen Mann zu fangen versuchen, der für sie zum bösen Geist wurde. Bigelow plante einen Film des Scheiterns. Dann wurde bin Laden aufgespürt. Das fertige Drehbuch des Journalisten Mark Boal, auch er bei „Tödliches Kommando“ dabei, wanderte in den Papierkorb. Boal machte sich daran, ein neues zu verfassen, und griff dabei nach eigenen Angaben auf Quellen aus erster Hand zurück.

Bigelows Film hat in den USA eine heftige Debatte über die Rolle der Folter ausgelöst – so heftig, dass die Regisseurin abgetaucht ist. Es geht dabei nicht um die Bilder selbst. Nun beschäftigt eine andere Frage die Amerikaner. Haben die brutalen Verhörmethoden in den zahlreichen Geheimgefängnissen, egal ob in Afghanistan oder in Polen, den Fahndungserfolg gebracht? Und billigt Bigelow die Folter, wenn sie diese ohne erkennbare Abscheu zeigt?

Ein US-Untersuchungsausschuss kam zu dem Ergebnis, dass die Folter keine entscheidende Rolle gespielt habe. Bei Bigelow sieht das anders aus – und deshalb fordern nun einige US-Senatoren, dass die Regisseurin und ihr Drehbuchautor ihre CIA-Quellen offenlegen sollen. Dabei ist gar nicht so leicht zu bewerten, was der Film genau zeigt.

Das Folteropfer in Pakistan verrät schließlich den Namen eines Kuriers von bin Laden. Die Spur führt nach Abbottabad – allerdings erst Jahre später. Zeigt der Film also nicht vielmehr, wie ungezielt die Geheimdienste operierten und wie wenig sie ihre Ergebnisse zu interpretieren wussten?

Immer wieder starren die US-Agenten auf die Konterfeis angeblicher oder echter Terroristen, die sie nicht auseinanderhalten können. Es gelingt ihnen nicht, die wichtigen Informationen aus der globalen Datenflut herauszufiltern.

Es lässt sich aber erahnen, was die Folter mit den Folterern macht: Neben dem wuschelköpfigen Agenten Dan steht gleich zu Beginn noch eine zweite Person. Sie trägt eine Kapuze, einem Scharfrichter ähnlich. Als sie die Kapuze abnimmt, ist die Verblüffung groß: Darunter kommt eine rothaarige Frau mit blassem Teint zum Vorschein. So kann nur die Unschuld selbst ausschauen.

Gespielt wird der Neuankömmling im Geheimgefängnis von der ätherischen Schauspielerin Jessica Chastain. In Terrence Malicks „The Tree of Life“ war Chastain noch eine engelgleich lächelnde Mutter. Hier verwandelt sie sich in einen flammenden Racheengel und dürfte mit dieser Vorstellung den Oscar gewinnen – den Golden Globe hat sie schon.

Als „Killer“ wird Maya bezeichnet, auch wenn sie selbst nie zur Waffe greift. Seit dem Tod einer befreundeten Kollegin durch einen Anschlag hat sie nur einen Wunsch: Sie will bin Laden zur Strecke bringen. Diese Frau kennt kein Privatleben, keine Ruhe und keine Hemmungen. Personifiziert sie in ihrer Unerbittlichkeit und ihrem Hass ein ganzes Land?

Bigelow ist von US-Republikanern ebenso vorgeworfen worden, sie ergreife Partei für Obama. Der taucht kurz im Original auf. Er wird auf einem TV-Bildschirm bei einer Ansprache eingeblendet, in der er erklärt, dass die Folter der Weltmacht USA nicht würdig sei. Da schauen sich die Agenten um Dan in die Augen und wissen, dass ihre beste Zeit abgelaufen ist. Die Klügeren unter ihnen lassen sich zurück in die USA versetzen.

Wenn die Helikopter schließlich im Schleichflug über dem Hindukusch mit tödlicher Präzision ihr Ziel ansteuern, wechselt „Zero Dark Thirty“ in den Heldenmodus. Bigelow („Blue Steel“, „Strange Days“), die Frau im von Männern bestimmten Actionfach, ist eine zu gute Regisseurin, als dass sie sich solch eine spannende Operation entgehen lassen würde. Wir haben aber schon zuvor gesehen, wie der moralische Kompass eines Landes zu trudeln begann.

Besiegen lassen sich Mayas Dämonen durch den Tod des Terroristenführers  nicht: Am Ende sitzt sie einsam im riesigen Laderaum einer Militärmaschine. Tränen rinnen über ihre Haut. Es sind keine der Erleichterung.

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