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Kultur Frühstück bei Monsieur Henri – das ganze Leben in einer Wohnung
Nachrichten Kultur Frühstück bei Monsieur Henri – das ganze Leben in einer Wohnung
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12:40 15.03.2019
Szene aus „Frühstück bei Monsieur Henri“. Quelle: Imagemoove
Hannover

Es braucht nur ein einziges Bühnenbild und vier Schauspieler, um in zehn Szenen fast das ganze Leben zu thematisieren: Die Komödie „Frühstück bei Monsieur Henri“ nach dem Stück des französischen Regisseurs Ivan Calbérac sorgte im Theater am Aegi für solide Unterhaltung mit schauspielerischen Glanzpunkten.

Die Rolle des Monsieur Henri passt Ulli Kinalzik, bekannt aus Fernsehsendungen wie „Der Alte“ oder „Derrick“, wie ein maßgeschneiderter Anzug. Innerhalb weniger Szenen lässt Kinalzik seine drei Schauspielkollegen blass wirken. Pointiert und mit trockenem Humor verkörpert er den 78-Jährigen Henri, der allein in einer Pariser Wohnung lebt und mit dem Plan seines Sohnes, ein Zimmer unterzuvermieten, so gar nichts anfangen kann.

Tragik in der Komödie: Jeder Charakter hadert mit sich

Das Stück, das 2015 verfilmt wurde, wirkt auf den ersten Blick eindimensional: Ein alter Mann muss mit einer jungen Studentin zusammenleben. Weil der Mann seine Schwiegertochter nicht ausstehen kann, wird die neue Mitbewohnerin auserkoren, den Sohn zu verführen. Mit Leichtigkeit entstehen so die klassischen, komödiantischen Verwirrungen. Der Reiz des Stückes liegt in der Entwicklung der Charaktere – jeder von ihnen enthüllt im Laufe der Szenen seine tragische Seite. Henri hat seine Frau vor 30 Jahren verloren, alkoholabhängig stürzte sie aus dem Fenster. „Ich liebe Dich“: Diese Worte bringt Henri seitdem nicht mehr hervor. Der Hinweis „Erkälte Dich nicht!“ wird hingegen zum Ausdruck all der Fürsorge und Zuneigung, die Henri für seine Mitbewohnerin entwickelt und für seine Familie immer hatte.

Da ist Sohn Paul, verkörpert von Florian Battermann, der in die Steuerberater-Rolle gedrängt teils spießig, teils hilflos durchs Leben stolpert – und dank der Avancen der jungen Studentin Constance zu einem neuen Selbstwertgefühl gelangt, das am Ende seine Ehe rettet. Das „Prachtstück von einer Pute“, wie Henri seine Schwiegertochter Valérie betitelt, gespielt von Sonja Wiggger, versteckt hinter religiöser Überzeugung und der Lebenshaltung, dass alles „fabelhaft“ sein müsse, einen unerfüllten Kinderwunsch. Ronja Geburzky alias Constance wiederum, verkörpert den lebendigen Gegenpart zu Henri, hadert aber mit einem gescheiterten Studium und dem Druck ihres Vaters.

Gelungene Inszenierung von Christian Voss

Christian Voss inszeniert die Geschichte unaufwendig, aber liebevoll. Nur die Wohnung Henris dient als Spielfläche. Wenn Valérie als der Charakter, der mit sich am ehesten im Reinen ist, stets zwischen den Szenen die Bühne wieder aufräumt, dann ist das nur eines der kleinen Details, das das Theaterstück vom Film gekonnt abhebt. Voss lässt die Tragik letztlich nicht über die Komödie triumphieren.

Von Carina Bahl

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