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Nachrichten Kultur Sie wollen Hannover zur Kulturhauptstadt machen
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00:16 19.10.2018
Das hannoversche Kulturhauptstadt-Team um Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf (Mitte) im Europäischen Haus in Berlin. Quelle: Stefan Arndt
Berlin

Drängt die Zeit? Oder kann man noch Ruhe bewahren? Im Europäischen Haus gleich gegenüber vom Brandenburger Tor kann man ganz unterschiedliche Antworten auf die Frage zur Dringlichkeit einer schlüssigen Bewerbung um den Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt 2025 hören. Die Kulturstiftung der Länder, die das Bewerbungsverfahren ausrichtet, hat interessierte Städte am Dienstag zu einem ersten Treffen nach Berlin eingeladen. Deren Kreis ist inzwischen übersichtlich – Hannover konkurriert derzeit mit acht weiteren Städten: Chemnitz, Dresden, Gera, Hildesheim, Magdeburg, Nürnberg, Pforzheim und Zittau. Wahrscheinlich wird auch Bremen, das bislang noch kein Interesse angemeldet hatte, seinen Hut noch in den Ring werfen.

Hannovers Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf ist mit ihrem neuen Kulturhauptstadt-Team nach Berlin gereist. Das Reden überließ sie dort aber einem anderen: Poetry-Slammer Tobias Kunze stellte Hannover in der Runde der Bewerber vor. „Ich soll hier was zu Hannover erzählen“, beginnt er: „aber Hannover hat nichts.“ Nichts zumindest, was andere Städte nicht auch hätten: „Also zähle ich auf, was andere so draufhaben“. Es folgt eine Tour durch europäische Metropolen von Paris bis Rom – gezeigt werden dazu Hannoveransichten des Künstlers Uwe Stelter, der über ein Bild des Rathauses „Paris“ oder über den Kuppelsaal „Firenze“ schreibt. „Wo bleibt denn da Hannover?“ fragt Kunze am Schluss angesichts der ironischen Europareise und holt zur Schlusspointe aus: „Alles, was ich sage, spielt sich auch in Hannover ab, denn all diese Aspekte finden in Hannover – Stadt.“

Hannover hat schon wieder nichts

Das kleine Wortspiel am Schluss passt zu der vergleichsweise unkonventionellen Präsentation. Die übrigen Städte beschränken sich darauf, die zuständigen Kulturstadt-Beauftragen zu Wort kommen zu lassen. Man erfährt dabei manches über die jeweilige Lokalgeschichte, hört für die Bewerbung wichtige Wörter wie „Integration“, „Bürgerbeteiligung“ und „Mobilität“. Hildesheim, der niedersächsische Mitbewerber von Hannover, kokettiert noch recht originell mit seinem Underdog-Status. „Vielleicht kann gerade eine Stadt, die nicht auf Rosen gebettet ist, etwas Großes in Richtung Europa auf den Weg bringen“, sagt Thomas Harling vom Bewerbungsbüro „Hi2015“ am Ende seines Vortrags. Fünf Minuten Zeit hat jede Stadt dafür – Hannover hat dieses Zeitlimit als einziger Bewerber nicht überschritten.

Das umstrittene Motto „Nachbarschaft“ wurde in Berlin nicht genannt. Stattdessen hat man sich auf den „Hannover-hat-nichts“-Slogan zurückgezogen, der schon die ersten Überlegungen zur Bewerbung begleitet hat. Oeds Westerhof, der holländische Berater für die hannoversche Bewerbung, glaubt ohnehin, dass man sich für eine englischsprachige Bewerbung noch ein neues Motto überlegen muss: Die direkte Übersetzung „neighbourhood“ hält er jedenfalls für nicht geeignet. „Wir brauchen ein Thema, das nicht nur 2018, sondern auch 2025 relevant ist“, sagt er.

Mit der hannoverschen Präsentation ist der erfahrende Kulturhauptstadt-Manager zufrieden: „Wir haben gezeigt, dass wir kreativ sein können und die Künstler der Stadt wahrnehmen.“ Tatsächlich war in den meisten anderen Kurzvorträgen viel von Geschichte und historischen Bauwerken die Rede – Hannover steht da vergleichsweise lebendig da.

Der Nutzen dieses Erfolgs ist allerdings vermutlich nicht sehr groß – im weiteren Bewerbungsprozess spielt diese Präsentation weiter keine Rolle. Den geht Hannover aber nun mit erkennbaren Schwung an. Die Kameraleute vom ZDF interessieren sich nur für die Vertreter aus Dresden? Kein Problem für Hannovers Kulturdezernentin Beckedorf: „Wir haben uns einfach ins Bild gedrängt“, sagt sie. Und nach der Präsentation ziehen die hannoverschen Vertreter von ganz allein das größte Interesse auf sich. Dass Hannovers Bewerbung von nun an erfolgreich sein wird, steht für die Dezernentin jedenfalls nicht mehr infrage: „Sonst wären wir nicht hierher gefahren“, sagt sie.

„Zehn Jahre Vorbereitungszeit sind wenig“

Rückenwind mag sie auch bei den Expertenvorträgen zu Beginn verspürt haben. Stefanie Hubig, Vizepräsidentin der beim Verfahren federführenden Kultusministerkonferenz, erinnerte daran, dass der Bewerbungsschluss erst am 30. September 2019 ist: „Sie können sich also noch etwas Zeit lassen“, sagte sie zu den Vertretern der Bewerberstädte. Ganz andere Töne schlug Elisabeth Leitner an, die an der Fachhochschule Kärnten zu Europäischen Kulturhauptstädten forscht: „Zehn Jahre Vorbereitungszeit sind nichts“, sagte sie – zentraler Faktor einer Bewerbung sei schließlich die Stadtentwicklung, die nur in längeren Zeiträumen geplant werden könne.

Hannover muss sich mit seiner Bewerbung nun also beeilen, ohne dabei in Panik zu geraten. Zwar war der Prozess durch die Querelen im Rathaus um den Kulturdezernenten Harald Härke das Verfahren lange gelähmt. Auf der anderen Seite hat die Stadt schon vor Jahren das Stadtentwicklungskonzept „Hannover 2030“ gestartet, aus dem sich unter anderem die Idee zur Bewerbung um den Kulturhauptstadttitel ergab.

Leitner präsentierte auch einige Thesen darüber, was eine erfolgreiche Kulturhauptstadt ausmache. „Kulturhauptstadt muss wehtun, sonst verändert sich nichts“, sagte sie etwa: Eine Stadt müsse also auch für sie heikle Themen anfassen und in den Bewerbungsprozess integrieren. Die Städte müssten sich mit der Bewerbung nicht „selbst präsentieren, sondern selbst hinterfragen“, sagte sie. Außerdem dürfe man nicht versuchen, andere Kulturhauptstädte nachzuahmen, sondern müsse etwas schaffen, „wovon Europa und die Welt Notiz“ nehme.

Hannover hat nichts? In Berlin hat sich gezeigt, dass die Stadt gerade auf der richtigen Spur ist.

Von Stefan Arndt

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