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00:16 10.08.2018
Jan Fischers Buch dreht sich um das Leben im Hauptbahnhof Hannover. Quelle: Villegas
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Hannover

Warten, Einkaufen, Essen, Abfahren, Arbeiten, Trinken und Feiern, Pendeln. Das alles kann man so am Bahnhof tun. Meist will man nicht lange bleiben, der Bahnhof ist ein Ort des Übergangs. Jan Fischer, Kulturjournalist der HAZ, hat sich lange am Hauptbahnhof Hannover aufgehalten und die Menschen dort genau beobachtet. In seinem neuen Buch erzählt er, was sie dort treiben: zum Beispiel einkaufen. Ein Auszug aus seinem Buch „Bahnhof“, das heute erscheint.

Schon in der Eingangshalle riecht man die Parfümerie, das erste Geschäft in den Ladenzeilen, die an die Bahnhofshalle anschließen. Die Passagen des Bahnhofs, oben und unten, sind, wenn man etwas einkaufen möchte, wie Verlängerungen der Stadtmitte.

Ein Laden, der digitale Spiele und entsprechenden Retrokitsch führt. Eine Parfümerie. Eine Drogerie. Ein Nagelstudio. Schuhe. Koffer. Schmuck. Kleidung. Alles Dinge, die in einem Bahnhof im Grunde niemand braucht: Wer verreist, hat einen Koffer, Schmuck, Schuhe, alles das dabei, praktisch ist das nur im Notfall.

Vom Bahnhof zum Einkaufszentrum

1997 tauchte in Leipzig der erste „Einkaufsbahnhof“ in Deutschland auf. Man kam auf die Idee, Bahnhöfe seien nicht nur für Reisende. Nicht nur Orte, durch die man hindurchgehen, von denen man abfahren und an denen man ankommen und vielleicht noch einen Kaffee trinken kann. Man kam auf die Idee, dass Bahnhöfe gleichzeitig auch Einkaufszentren sein könnten, Orte zum Verweilen, Orte für Freizeit, Orte für den Konsum.

Pendler sollten dort zwischen ihrem Zuhause und der Arbeitsstelle ohne Umwege noch Besorgungen erledigen können. Die Einkäufer aus den Stadtzentren sollten in die Bahnhöfe kommen, dort essen, trinken, ihren Armen voller Tüten aus Bekleidungsgeschäften weitere hinzufügen. Die Internetseite der Einkaufsbahnhöfe verspricht dementsprechend „Erleben“, Shoppen“ und „Schlemmen“.

Provenzialischer Wein und Flammkuchen

Auf dem Vorplatz stehen manchmal Marktstände mit saisonalem und regionalem Gemüse, Erdbeeren, Spargel, Fleisch. Manchmal werden Länderthemen ausgerufen, dann bieten Verkäufer in den von weißem, flatterndem Plastik umhüllten Ständen beispielsweise Flammkuchen, Macarons und provenzalischen Wein an, angekündigt von einem Plakat, auf dem ein Junge in Baskenmütze ein Baguette hält. Und wenn man in den Bahnhof eintritt, reihen sich kleine Filialen bekannter Geschäfte aneinander, dazwischen Fast-Food-Läden, die so tun, als seien sie mehr als das, und sonntags gibt es Livemusik.

In Einkaufszentren kommt das tatsächliche Leben der Menschen, ihre Realität, mit ihren Wünschen, Utopien und Begierden in Berührung, während sie durch diese absichtlich labyrinthisch konstruierten Gänge irren. Man kann in solchen Gebäuden viel über Menschen lernen, über das, wovon sie träumen, über die Versprechen, an die sie glauben, die Realitäten, in die sie zurückknallen, wenn sie sich den ein oder anderen Traum nicht leisten können.

Im Einkaufsbahnhof gibt es das alles nicht, nicht in diesem Ausmaß. Er ist nicht labyrinthisch oder in sich geschlossen wie eine Mall. Niemand kommt hierher, um nur einzukaufen, sondern immer nur, um nebenbei einzukaufen. Die Passagen sind als lange Gänge konstruiert, die Geschäfte rechts und links aneinander gereiht, klein, wie Erinnerungen daran, dass es dieselben Läden auch in größer gibt, nur ein paar Schritte entfernt vor dem Bahnhof, mit größerer Auswahl.

Der Einkaufsbahnhof ist eigenartig (...) Wenn man genau schaut, sieht man unpassende organische Wucherungen wie zufällige Subversionen daraus hervortreten. Übernahmen von etwas anderem oder von irgendwo anders her: die Frauen im Nagelstudio, die, wenn sie keine Kundschaft bedienen, miteinander lachen, gelangweilt auf ihren Handys rumtippen oder mal eine rauchen gehen; die Frau im Sushiladen, die ihren Kunden mit geradezu großmütterlicher Vehemenz noch eine Miso-Suppe oder eine Maki-Rolle aufzwingt und unter einem Glas eingelegter Ingwerknollen, das auf das Jahr 2004 datiert ist und auf einer transparenten Ablage steht, immerzu Gurken schneidet; die Holzvertäfelungen des italienischen Schnellimbisses, an denen Schwarzweißbilder hängen, die ein längst vergangenes Italien zeigen, beides soll offenbar auf eine andere Art Restaurant verweisen, als es tatsächlich ist; die gigantischen Fladen Hefeteig, die unter der Wärmelampe des Pizzaladens nebenan gemächlich aufgehen; die zwei jungen Frauen, die sich in dem leeren Bekleidungsgeschäft gegenseitig die Ware zeigen, die sie eigentlich verkaufen sollten. Alles das würde man tatsächlich eher auf einem Markt erwarten oder zumindest an einem anders gewachsenen Ort.

Man kann, wie in einem Einkaufszentrum, dennoch umherschweifen, von Passage zu Passage, von Stockwerk zu Stockwerk, große Runden drehen, bis man irgendwann wieder in der Duftwolke der Parfümerie am Eingang steht. Eine mittelalte Frau mit gelblichen Haaren, eingehüllt in jeden einzelnen der Düfte, die sie heute verkauft hat, trägt Proberöhrchen irgendeines Produkts vor den Laden und verteilt sie. Sie lächelt, wenn Menschen die Röhrchen annehmen und ein wenig Flüssigkeit daraus auf ihre Handgelenke tröpfeln lassen.

Zur Person

Jan Fischer, Jahrgang 1983, geboren in Bremen, aufgewachsen in Toulouse. Wohnt und arbeitet als Texter, freier Autor und Journalist in Hannover und schreibt dort unter anderem für die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ sowie verschiedene Print- und Onlinemedien. Zuletzt bei mikrotext erschienen: „ Irgendwas mit Schreiben. Diplomautoren im Beruf“ (mikrotext, 2014/2017) und „Audrey und Ariane. Vampirnovelle in Disneyland „(2016), außerdem: „Ready. Wie ich mit digitalen Spielen erwachsen wurde“ (Hanser, 2016). Außerdem ist Jan Fischer international bekannter Luftgitarrist.

Jan Fischer: „Bahnhof“. Taschenbuch, Mikrotext, 88 Seiten. 14,99 Euro Am Donnerstag, 9. August, ist Jan Fischer in der Reihe „Kunst umgehen“ zu Gast. Kulturwissenschaftler und Autor Thomas Kaestle spricht mit ihm im Bahnhof über die Arbeit an dem Buch. Treffpunkt ist um 19 Uhr vor den Raschplatz-Kinos. Der Eintritt kostet 5 (ermäßigt: 3) Euro.

Von Jan Fischer

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