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16:03 26.06.2018
Neu belebt und neu benannt –der „Place du Monstre“ in Tours. Quelle: Les Nouveaux Commanditaires
Hannover

„Früher“, sagt die Floristin Fanny Delfau, „wusste niemand, wo der ,Place du Grand Marché‘ ist. Heute weiß jeder, wo der „Place du Monstre‘ ist.“ Die Worte der Blumenhändlerin aus der französischen Stadt Tours illustrieren, wie sehr sich ein Platz wandeln kann, wenn er neu in Besitz genommen wird – in diesem Fall von einer Autoabstellfläche zu einem Ort von Festen, Konzerten und Performances unter den ausgestreckten Armen eines neuen, meterhohen Metallmonsters. Damit hat der Künstler Xavier Veilhan nicht nur dem Platz ein spektakuläres Kunstobjekt, sondern der mittelfranzösischen Metropole ein neues Identifikationsobjekt und einen neuen Impuls auch dem Stadtmarketing gegeben, das mit dem Monster als Maskottchen wirbt – was weit über die Umbenennung zum „Platz des Monsters“ hinaus ausstrahlt, die die dort ansässige Floristin so fasziniert.

Immer eine Machtbehauptung

Fanny Delfau wird von einem Netzwerk von Kunstbegleitern zitiert, dessen Repräsentant Alexander Koch jetzt in Hannover war, als Teilnehmer eines Podiums mit dem etwas sperrigen Titel „Kunst – Öffentlichkeit – öffentlicher Raum“ im Kunstverein. Zur dort versammelten Diskussionsrunde gehörten außerdem die Kuratorin Britta Peters und der Kulturwissenschaftler Thomas Kaestle, beide Mitglieder eines neuen städtischen Gremiums zur Kunst im öffentlichen Raum, dessen Gründung der Anlass der von Kunstvereinsdirektorin Kathleen Rahn moderierten Veranstaltung war.

„Kunst im öffentlichen Raum ist immer eine Machtbehauptung, weil damit stets die Macht demonstriert wird, die eigene Weltwahrnehmung prägend zu setzen“, sagte Thomas Kaestle, der zu den Autoren einer 2008 für Hannover fertiggestellten 140-Seiten-Studie zu diesem Thema zählt.

Und wessen Macht wird da demonstriert? Es gehe bis heute vorwiegend um „Auftragskunst“, um Aufträge von entweder privaten Financiers oder staatlichen Geldverwaltern, sagt Alexander Koch, der an der Spitze einer Kunstbegleitertruppe mit merkwürdigem Namen und bemerkenswertem Auftrag steht: Die „Neue Auftraggeber gGmbH“ soll, gefördert von der Bundeskulturstiftung, sozusagen einen dritten Weg zu öffentlichen Kunstimpulsen bahnen. Ihre Mediatoren agieren dafür nicht nur bundesweit, sondern, etwa in Kooperation mit den Nouveaux Commanditaires in Frankreich, auch international. Und sie sind nach den Worten ihres Direktors recht erfolgreich damit, zivilgesellschaftliche Initiativen zu unterstützen, ihnen politisch eine Stimme zu verleihen und fachlich die nötigen Ratschläge zu erteilen. „Europaweit gibt es 500 solche Initiativen, und in Tours ist der Installation des ,Monstre‘ die größte Debatte über Probleme und Ziele der Stadtgesellschaft seit 1945 vorausgegangen, es gab mehr als 30 Bürgerforen, eine Beteiligung wie noch nie.“

Stillstand seit 20 Jahren

Bürgerbeteiligung gibt es freilich auch in Hannover, sagte Stadtgestalter Thomas Göbel-Groß, der in der ersten Zuschauerreihe saß. Und Kaestle erinnerte daran, dass die erste Phase der Straßenkunst Anfang der Siebzigerjahre hier von höchst lebendigen Diskussionen begleitet war. Er sagt allerdings auch: „Seit 20 Jahren herrscht in Sachen Straßenkunst Stillstand in Hannover.“ Und die Skulpturenmeile am Hohen Ufer löse keineswegs nur Begeisterung aus. „Wer sich Plastiken wie Kenneth Snelsons ,Avenue K‘ widmen will, muss dafür Ruhe haben, entspannt drumherum gehen können“, sagt Kaestle. „Das kann bei dieser Mittelstreifenkunst zwischen vier Fahrspuren geradezu gefährlich werden.“

Heute soll es sogar eine weltweite Debatte um Kunst im öffentlichen Raum geben. „Das Thema ist so virulent, weil vielerorts eine Entfremdung zwischen privatem und öffentlichem kulturellen Leben verspürt wird“, sagt Alexander Koch. Aus demselben Grund hat Britta Peters, einst Leiterin des Kunstvereins Hamburg-Harburg, dann Kuratorin der Skulpturenprojekte in Münster und jetzt der Urbanen Künste Ruhr, deren Programm für 2019 unter den Titel „Territorien“ gestellt. „Da geht es ja immer auch um Grenzen – von Territorien wie von kulturellen Identitäten.“

Ist der Weg schon das Ziel?

Ist Kunst also als Katalysator gesellschaftlicher Debatten notwendig? Und, wenn ja, welche Kunst? In der anschließenden Plenardebatte plädierte Anne Prenzler vom städtischen Kulturbüro für ein „grundsätzliches Nachdenken“ über dieses Thema, und Belgin Zaman, die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Ratsfraktion, sprach von einer „notwendigen Debatte“. Die Künstlerin Julia Schmid warf überdies auch die Frage auf, ob es denn weiter nur um „Hingestelltes“ gehen dürfe. „Wo ist das Provokative, wo die temporäre Kunst, die lebendige Debatten auslöst?“ Barbara Hindahl, Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Hannover, plädierte indes für ein eigenes Recht „autonomer Kunst“.

Sicher ist: In vielen Fällen dürfte der Weg zur semantischen, skulpturalen oder architektonischen Neugestaltung öffentlicher Räume ebenso spannend sein wie deren Endresultat. Und bisweilen vielleicht sogar noch wichtiger.

Von Daniel Alexander Schacht

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