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Kultur Kunstverein Hannover präsentiert seine Pläne für 2019
Nachrichten Kultur Kunstverein Hannover präsentiert seine Pläne für 2019
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17:00 11.01.2019
„DIgitale Steuerung, analoge Kratzer“ – der martialische Greifarm des Künstlers Archangelo Sassolino. Quelle: Kunstverein
Hannover

Ein Schmatzen und Saugen, ein Schaben und Kratzen: Solche Geräusche sollen in diesem Jahr im Kunstverein zu hören sein, wenn dort jener metallene Greifarm seinen Auftritt hat, den Archangelo Sassolino computergesteuert umherspazieren lässt. Durchweg digitale Steuerung, ganz analoge Kratzer – das Werk des 51-jährigen Künstlers aus dem oberitalienischen Vicenza dürfte in mancher Hinsicht symptomatisch für das Programm sein, das Kunstvereinsdirektorin Kathleen Rahn und ihr Team für 2019 vorbereitet haben: Greifbar, gewichtig, zupackend und dabei doch feinsinnig und intelligent. „Wir leben ja in Zeiten, da Algoritmen immer stärker unseren Alltag infiltrieren“, sagt Kathleen Rahn. „Diese Digitalisierung macht Kunstbegegnungen in analogen Räumen umso wichtiger.“

Kunstvereinsdirektorin Kathleen Rahn und Kurator Sergey Harutoonian. Quelle: Frank Wilde

Dabei hatte gerade diese Kunstvereinschefin ein besonders inniges Verhältnis zum Digitalen gepflegt: Schon in ihrem ersten Jahresprogramm hatte sie mit „Digital Conditions“ 2015 eine Ausstellung parallel zur Computermesse Cebit präsentiert, 2016 hat sie mit „Digital Archives“ und 2017 mit der Anne-Mie-Van-Kerckhoven-Schau „What would I do in Orbit?“ nachgelegt. Zwei Jahre später lässt sich feststellen, dass das Digitale immer noch eine Kunstschau, nicht aber eine eigene Messeschau mehr wert ist. Denn auch nach dem Ende der Cebit widmet der Kunstverein diesem Thema seine einzige Gruppenschau des Jahres - neben der Präsentation von lauter Einzelkünstlern:

Manuel Graf: Der 40-jährige, der in Düsseldorf bei Rita McBride studiert hat (die in Hannover 2015 in der Kestnergesellschaft zu sehen war) gilt als Grenzgänger zwischen digitalen und analogen Welten. In seinen Videos konfrontiert er die Sinnofferten von Sakralarchitektur zwischen Orient und Okzident, in seinen Rauminstallationen nimmt er sich die seltsamen Sinnstiftungen von Innenarchitekturen vor – etwa indem er den in westlichen Wohnzimmern meist mit Füßen getretenen orientalischen Teppich zum zelebrierten Objekt einer Videopräsentation macht. (16. Februar bis 14. April)

Artistic Intelligence: Dieser Titel verheißt einen kunstvolle Umgang mit dem wachsenden Kult um Künstliche Intelligenz. Und tatsächlich präsentiert diese einzige Gruppenschau des Jahres auch ironische Antworten auf jene „Artificial Intelligence“ von Rechnern und Robotern, deren vermeintliche Menschenähnlichkeit uns bei näherem Hinsehen oft nur vor Augen führt, wie maschinell auch menschliches Denken sein kann. Zu sehen sind Positionen von zehn Künstlern aus mehreren Generationen, von dem 2014 verstorbenen Harun Farocki bis zu Mario Klingemann, der sich als „Artist in Residence“ der App Google Arts & Culture präsentiert – und das Publikum mit den mehr oder minder sinnvollen Computerassoziationsketten aus Googles Bilderdatenbank zu verblüffen sucht. (27. April bis 30. Juni)

Henrike Neumann: Um eher verzweifelte Sinnsuchen geht es der 1984 in Zwickau geborenen und heute in Berlin lebenden Künstlerin, die sich die Rasanz vornimmt, mit der die Ostdeutschen sich nach der Wende von der DDR-Identität verabschiedet haben. Dazu will sie im Kunstverein die Wohnwelten von Neuem inszenieren, mit denen die Ostdeutschen sich in den Neunzigerjahren westdeutsch möbliert haben. Henrike Neumann nimmt sich aber auch die westdeutsche Identitätsbildung jener Jahre vor - unter Rückgriff auf den Fundus des Exposeeums und dessen Memorabilien und Trouvaillen der Weltausstellung in Hannover. (13. Juli bis 25. August)

Kaari Upson: Die in Los Angeles lebende Künstlerin setzt eigene Erfahrungen und Erlebnisse in Geschichten und Zeichnungen, Installationen und Filme um – und geht dabei durchaus autobiografisch für. Im Kunstverein liegt der Schwerpunkt dieser parallel zu einer Kaari-Upson-Schau in der Kunsthalle Basel startenden Einzelausstellung auf der Geschichte der aus Hannover stammenden Mutter der Künstlerin. Und dabei geht es wiederum um Identitätssuche in der Fremde - „My Mom Drinks Pepsi“ ist der Titel einer Werkserie, in der die Mutter als überangepasste Zuwanderin an der Westküste gezeigt wird. (7. Septeber bis 17. November)

Koenraad Dedobbeleer: Mit der letzten Ausstellung schließt sich in diesem Jahresprogramm gleichsam ein Kreis – denn ähnlich wie Manuel Graf interessiert sich auch der belgische Installationskünstler Dedobbeleer für Kunsträume und Raumkunstwerke. Und weil das erste Raumkunstwerk der Kunstgeschichte das ab 1926 in Hannover nach Entwürfen von El Lissitzky unter dem Kurator Alexander Dorner entstandene „Kabinett der Abstrakten“ ist, will sich Dedobbeleer hier ein Raumkunstwerk als „Hommage“ an Alexander Dorner entwickeln. „Wir sind schon sehr gespannt darauf“, sagt Kunstvereinskurator Sergey Harutoonian. (30. November bis 16. Januar 2020)

Kunsträume und Raumkunst also im Kunstverein, Identität und Fremdheit, Analoges und Digitales – und Letzteres nicht nur im Ausstellungsprogramm: „Wir bieten unseren Besuchern nicht nur den ,Open Space‘ für handgreifliche Kunsterfahrungen und eigenes schöpferisches Tun“, sagt Kathleen Rahn, „wir haben für unser Begleitprogramm inzwischen auch digitale Plattformen – so dass man sich mit Erläuterungen auf dem Tablet oder per QR-Code in der Ausstellungen orientieren kann.“

Von Daniel Alexander Schacht

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