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Nachrichten Kultur Jennifer Clements neuer Roman „Gun Love“
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00:16 16.09.2018
Moderatorin Ruth Meyer, Professorin für American Studies an der Leibniz Universität, und die Autorin Jennifer Clement. Quelle: Thomas Kaestle
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Hannover

Die Mexikanerin Jennifer Clement ist nicht irgendeine Autorin. Als Präsidentin des Verbands P.E.N. International repräsentiert sie seit drei Jahren weltweit die Vertreter schreibender Berufe. Das ist zwangsläufig eine politische Angelegenheit: Es geht allzu oft um einen Kampf gegen deren Unterdrückung. Unter Clement setzt sich der Verband auch für wachsende Möglichkeiten von Autorinnen ein – sie ist die erste Frau an seiner Spitze. Auch bei ihrem Besuch im Literarischen Salon anlässlich des Literaturfests Niedersachsen ist es ihr ein Anliegen, über das von ihr vorangetriebene P.E.N.-Frauenmanifest zu sprechen.

Jennifer Clement berichtet, dass fast nur Geschichten über Männer Literaturpreise gewinnen und nicht einmal ein Viertel der in der Literaturbeilage der „Times“ besprochenen Bücher von Frauen verfasst wurden. Eigentlich ist sie aber nach Hannover gekommen, um über ihren eigenes neues Buch zu sprechen, den Roman „Gun Love“, der vor wenigen Tagen im Suhrkamp Verlag auf Deutsch erschien. Es verwundert kaum, dass dessen Hauptfigur weiblich ist: die 14-jährige Pearl, die mit ihrer Mutter in Florida in einem Auto lebt.

„Beziehungen“ ist in diesem Jahr das Thema des Literaturfests. Dazu passt die innige Liebe zwischen Mutter und Tochter auf engstem Raum – allerdings auch die verhängnisvolle Liebe zwischen der gebildeten Obdachlosen und dem charismatischen Bösewicht Eli. Und nicht zuletzt liebt Eli Schusswaffen. Er ist damit nicht allein in Florida, jenem US-Staat, in dem sie sogar in der Kirche offen getragen werden dürfen. „Irgendjemand hatte immer den Finger am Abzug“, schreibt Clement in „Gun Love“. Dass sie Pearl mit einer ausgeprägten Empathie sogar Dingen gegenüber ausgestattet habe, sei ein Kunstgriff, der ihr erlaube, die Waffen sprechen zu lassen – im Wortsinn. Das Mädchen träumt deren Erinnerungen an Tod, Verderben und Leid.

Immer wieder gerät so eine düstere Märchenhaftigkeit in den Roman. „Das ist aber eher Grimm als Disney“, kommentiert Moderatorin Ruth Meyer, Professorin für American Studies an der Leibniz Universität. Die Autorin stimmt ihr zu. Dass beide sich immer wieder ausgiebig über Clements Stilistik unterhalten, ist ein Gewinn, auch wenn dabei manchmal der Handlungsbogen ein wenig aus dem Blick gerät. Die kraftvoll poetische, bildreich singende Sprache nimmt schließlich auch im Roman viel Raum ein.

Diese Sprache müsse in der Lage sein, dem Handeln von Menschen auch am grausamsten Ort Würde zu verleihen, sagt Clement. Das sei für sie Poesie. Zudem misst sie die Kraft ihrer Dialoge an Bühnentexten. Dabei scheint die Theatralität bestimmter Geschehnisse der Realität in einem Land, in dem eine Waffenlobby ihr Museum in Form einer Kathedrale baut, durchaus gerecht zu werden.

Als Präsidentin von P.E.N. Mexiko hatte Clement es geschafft, mit Unterstützung namhafter Schriftsteller sogar Bundesgesetze zu beeinflussen. An schärfere Waffengesetze in den USA glaubt sie hingegen nicht: „Die verantwortlichen Politiker gehören der Industrie.“ Sie setzt jedoch auf die Macht des Wortes. „Wir müssen Gemeinsamkeiten zwischen Menschen stärken“, sagt sie. Eine kollektive Vorstellungskraft sei dabei ein Ort fruchtbarer Begegnungen.

Am Sonnabend, 15. September gibt es die nächste Veranstaltung des Literaturfests Niedersachsen in Hannover. Unter dem Titel „Das Beziehungslos“ geht es um 19 Uhr in der Orangerie Herrenhausen um Herman Melvilles Helden Bartleby. Mit dabei: Markus John, der Mädchenchor Hannover, das Ensemble Schwerpunkt, Johannes X. Schachtner, Lisa-Dorothee Franke, Volker Bürger und Stefan Wiefel,

Von Thomas Kaestle

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