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Kultur „Lohengrin“ eröffnet Wagner-Festival
Nachrichten Kultur „Lohengrin“ eröffnet Wagner-Festival
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11:02 26.07.2018
Zauberhaftes Kulissentheater: „Lohengrin“ in Bayreuth. Quelle: Enrico Nawrath
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Bayreuth

Erst ist sie da. Dann ist sie weg. Und plötzlich taucht sie an ganz anderer Stelle wieder auf. 18 Jahre lang hat die Mezzosopranistin Waltraud Meier nach Streit mit der damaligen Festivalleitung die Bühne der Bayreuther Festspiele gemieden, auf der sie zuvor gefeiert worden war, wie lange keine Sängerin vor ihr. Nun kehrt sie als Ortrud in „Lohengrin“ an der Spitze eines spektakulären Solistenensembles zurück – und findet sich in einer Art verzauberten Leinwand wieder.

Die „Lohengrin“-Inszenierung von Yuval Sharon, Neo Rauch und Rosa Loy

Das Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy, das Bühne und Kostüme der diesjährigen Festivalpremiere gestaltet hat, prägt auch Ortruds große Szene zu Beginn des zweiten Aktes mit ihren symbolstarken, farbgesättigten Bildern. Die Bühne ist bis auf eine schmale Spielfläche im Vordergrund mit einem Vorhang verhängt, auf dem eine nächtliche Landschaft gemalt ist: ein mit breitem Pinsel aufgetragener sturmbewegter Wolkenhimmel, der schwer auf mühsam sich emporringenden Schilfgras lastet. Davor sind im Dunkel schemenhaft einzelne Büsche und Sträucher zu erkennen, die als kleinere Bilder vor dem großen Bild hin- und hergeschoben werden können.

Wenn die Sänger nicht singen, verschwinden sie oft hinter einem der beweglichen Buschgemälde, um an der anderen Seite wieder hervorzukommen: Dieser entwaffnend simplen Rückbesinnung auf das barocke Kulissentheater haftet hier doch auch etwas Zauberhaftes an. Durch die Zweige der gemalten Büsche kann man immer den Horizont des Hintergrundgemäldes erkennen. Sie scheinen transparent zu sein und verdecken doch jedesmal vollständig die Sänger, wenn die sich dahinter verbergen.

Regisseur Yuval Sharon räumt solchen Bilderrätseln in seiner Inszenierung viel Raum ein. Rau und Loy prägen die Produktion so wesentlich stärker als bei prominenten Künstlerausstattern in der Oper sonst üblich – zuletzt etwa hat der ebenfalls anwesende Markus Lüpertz, der gerade an einem neuen Fenster für die Marktkirche arbeitet, die Wiedereröffnungsvorstellung der Berliner Staatsoper eher unabhängig vom Bühnengeschehen bebildert. Sharon aber nimmt sich oft zurück und nutzt die Macht der Farben – viel Blau, etwas kontrastierendes Orange – und die kraftvoll-vagen Landschaftsbilder, vor denen sich geheimnisvolle Artefakte wie ein altertümlicher Turm als Umspannwerk erheben, um eine märchenhafte Atmosphäre zu erzeugen. Dass die Szenen dabei oft zweidimensional wie ein Gemälde erscheinen, hat dabei durchaus den Reiz des Neuen: die Oper als tönend-bewegtes Bilderbuch.

Inhaltlich verzichtet der Regisseur darauf, die oft betonte Rahmenhandlung – die Entstehung der deutschen Nation durch bevorstehende Kämpfe gegen Feinde aus dem Osten – zu thematisieren, und rückt dafür die Rolle der Frauen in den Vordergrund: „Lohengrin“ ist für Sharon vor allem die Emanzipationsgeschichte von Elsa, die vom naiv-hilflosen Fürstentöchterchen zur selbstbestimmten Frau wird. Die wichtigste Rolle kommt dabei Ortrud zu, die hier trotz des finsteren fis-Molls, das Wagner für sie vorgesehen hat, zur Lichtgestalt wird. Sie ist nicht Feind, sondern Vorbild und Beraterin für Elsa, die sich in einer Welt behaupten muss, in der die Männer selbst als Held nichts taugen.

Die 62-jährige Waltraud Meier ist als Ortrud noch immer genau die richtige Sängerin, um die so noch gesteigerten Ansprüche an ihre Partie einzulösen. Sicher ist ihre Stimme nicht mehr zu groß und weich-flutend wie zu ihrer Glanzzeit, doch Meier weiß ihre Kräfte gut einzuteilen und ist noch immer eine umwerfende Darstellerin: Wie sie ihren zürnenden Mann Friedrich von Telramund in der Busch-Szene des zweiten Aktes umgarnt und schließlich wortwörtlich einwickelt, wirkt das selten so logisch wie hier: Der erotischen und intellektuellen Kraft dieser Ortrud muss jeder Mann erliegen.

Tomasz Konieczny ist als Friedrich allerdings ohnehin ein eher rustikales Exemplar – stimmlich zumindest gibt er ganz den durchtriebenen Finsterling. Kein Wunder, dass er unter den mittelalterliche anmutenden Kostümen das des Narren erhalten hat. Georg Zeppenfeld ersingt sich als eigentlich hohler König Heinrich dagegen erstaunliche Freiräume. Sehr viel mehr Gestaltungsraum hat naturgemäß die Partie der Elsa, und Anja Harteros weiß ihn eindrucksvoll zu nutzen: Sie singt klug und klar, mit fabelhaft sitzender Stimme und viel Mut zur Detailschärfe.

Den hat auch Piotr Beczala in der Titelpartie. Obwohl er in der Szene im Brautgemach am Ende des zweiten Aktes kleinere Schwierigkeiten hat, geht er in der Gralserzählung am Schluss noch einmal auf Ganze: Er singt die heikle Passage sehr leise und doch füllt seine Stimme das ganze riesige Festspielhaus. Auch sonst glückt dem polnischen Tenor als Lohengrin die seltene Synthese aus Textverständlichkeit und Belcanto: So sollte man Wagner singen.

Getragen wird er dabei vom Dirigenten Christian Thielemann, der das fabelhafte Festspielorchester, in dem auch einige hannoversche Musiker spielen, in der Gralserzählung ohne klanglichen Substanzverlust an die Grenze des Unhörbaren dimmen kann. Thielemann nimmt stets Rücksicht auf die Sänger und prägt dem Abend doch unüberhörbar seinen Stempel auf. Er lässt Melodien blühen, schafft Raum für oft übersehene Nebenstimmen, findet bei flexibelster Tempogestaltung immer wieder lebendige Rhythmen und behält doch den steten Fluss des Ganzen souverän im Blick. Dass diese „Lohengrin“-Premiere ein Opernereignis ist, ist vor allem ihm zu verdanken.

So gibt es langen Applaus im Festspielhaus, in dem sich wie immer auch viele Prominente aus Politik (Merkel, von der Leyen, die CSU-Führungsriege und Lindner mit neuer Freundin), Fernsehen (Thomas Gottschalk) und Kunst (Lüpertz) versammelt haben.

Hier gibt es „Lohengrin“

Am Sonnabend, 28. Juli, 20.15 Uhr ist eine Aufzeichnung der Premiere auf 3Sat zu sehen. Weitere Vorstellung in Bayreuth sind am 29. Juli sowie am 2., 6. und 1o. August. Die Vorstellungen sind zwar ausverkauft, doch kurzfristig zurückgegebenen Karten sind immer wieder auch im Online-Shop der Festspiele zu haben. Ein Mitschnitt der Aufführung wird auf CD bei Deutsche Grammophon erscheinen.

 

Von Stefan Arndt

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