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Blödes Orchester mit Instrumenten vom Flohmarkt
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Ungewöhnliche Klangkörper Blödes Orchester mit Instrumenten vom Flohmarkt

Im Museum für Kunst und Gewerbe hat Michael Petermann seinen Klangkörper aufgestellt. Dort wird das blöde Orchester zweieinhalb Monate ein eigens komponiertes Werk spielen.

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Herr der Maschinen: Michael Petermann.

Quelle: dpa

In Hamburg gibt es einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich mit den Kosten der Elbphilharmonie beschäftigt und sich deshalb nicht unpassend PUA abkürzt. Der PUA hat gerade noch mal nachgerechnet und die Kostenerwartung für das Prestigeobjekt im Hafen um schlappe 28 Millionen Euro nach oben korrigiert. Da wetzen die Kritiker des Projektes kurz vor der Hamburg-Wahl schon wieder die Messer.

Zumal sich gerade eine ganz neue Orchesteralternative in Hamburg auftut. Nicht weit entfernt von der Riesenbaustelle, im Museum für Kunst und Gewerbe, hat Michael Petermann seinen Klangkörper aufgestellt. Es ist mit 150 Teilnehmern locker ein A-Orchester, die Mitglieder sind billig, willig, brauchen keine Pausen und keine Gewerkschaft. Der einzige Betriebs-Rat, den man Petermann geben kann, ist: Seine Musiker brauchen Strom. Dafür lassen sie sich sogar gefallen, dass sie einen ziemlich despektierlichen Namen haben: blödes Orchester.

Petermanns Musiker sind, wie er sagt, ein „mittelmäßig talentiertes Ensemble musizierender Haushaltsgeräte“, die der gelernte Kapellmeister in acht Jahren zusammengetragen hat, zunächst beim Stöbern auf Flohmärkten, später gezielt. Schließlich hatte er genaue Vorstellungen. Sein Orchester sollte besetzt sein wie ein richtiges Sinfonieorchester, nur dass die Streicher Elektromesser sind, die Bratschen Nähmaschinen und die Celli ein Rudel Mixer. Haartrockner sind streng genommen ja sogar Blechbläser, hier aber sind sie vor allem als vortreffliche Fönorgel im Einsatz.

Schleuderpauken

Das Schlagwerk besteht aus wuchtigen Trocknern und Waschmaschinen und zwei „Schleuderpauken“, die „Dinge können, die man gar nicht erwartet, wenn man Wäsche schleudert“. Dazu sorgen Entsafter, Rührgeräte und Elektrorasierer für polyrhythmischen Groove. Es ist, so viel steht fest, der coolste Klangkörper der Stadt. Aus der Ferne grüßen Neutöner wie John Cage, der sich auch schon als Automatendirigent versucht hat, und der italienische Futurist Luigi Russolo. Der hatte schon 1913 in seinem Manifest „L’arte dei rumori“ (Die Kunst der Geräusche) Krach auf Musikalität abgeklopft. Nicht nur die Popband „The Art of Noise“ folgte ihm Jahrzehnte später. Die Industrial-Musik und ihre Popausläufer wie Depeche Mode fanden Spaß am Klang der Maschinen.

Petermanns Geräte hätten den Zweitjob als Musiker nicht einmal nötig gehabt, schließlich waren sie auch in ihren ursprünglichen Jobs Stars – und stilbildend. Denn Petermanns blödes Orchester ist auch eine Hommage an das Industriedesign. Da spielt die Küchenmaschine „KM 32“ von Braun, der Krups-Allesschneider aus den 1970er Jahren und die Miele-Trommelwaschmaschine mit Kohleofen aus dem Jahr 1955. Alles blitzeblank poliert, eine Augenweide.

Sammeln ist nun die eine Sache, zum Klingen bringen die andere. Und da wird es bei aller Nostalgie plötzlich sehr modern. Petermann hat sich eine „Midi-to-Haushaltsgeräte-Schnittstelle“ gebastelt, damit er die Geräte per Keyboardtastatur oder Computerprogramm steuern kann. Damit nicht einfach jeder vor sich hinspielt, ist die Küchenkombo auf den Kammerton G gestimmt, den nicht die erste Geige beziehungsweise das erste Elektromesser vorgibt, sondern „das Massagegerät hinter der dritten Nähmaschine von links“.

Terz, Quarte, Quinte

Und dass Automaten mit variablen Geschwindigkeiten sehr melodiös sind, „zeig’ ich Ihnen mal anhand einer elektrischen Gemüsereibe“. In der Tat: Petermann bringt die Reibe vom Computercockpit aus auf Touren: Terz, Quarte, Quinte. „Wenn ich voll Stoff gebe, hab’ ich ’ne Septime.“ Allerdings sind nicht alle Geräte so koloratursicher. „Hören Sie, das ist der Braun-Sound“, sagt der Maestro, lässt den „Sixtant“-Rasierer brummen – und dann einen Remington. „Der rasiert zwar nicht so gut, ist aber musikalischer.“ Eines haben alle Geräusche gemein: Sie sind vertraut und schaffen eine Art häusliches Vertrauen – selbst der Staubsauger, der als Solo­instrument daheim eher nervt.

Zweieinhalb Monate wird das blöde Orchester nun im Museum ein eigens komponiertes Werk spielen, einmal in der Stunde für gut 30 Minuten. Gegen kleine Gage. Aus der Steckdose.

Bis 30. April im Museum für Kunst und Gewerbe. Infos: www.mkg-hamburg.de.

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