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Ihr letztes Neujahrskonzert in der Staatsoper

Dirigentin Karen Kamensek Ihr letztes Neujahrskonzert in der Staatsoper

Sie schwingt die Hüften, wirft die Arme in die Luft und begeistert damit das Publikum: Dirigentin Karen Kamensek hat ihr letztes Neujahrskonzert mit dem Staatsorchester in der hannoverschen Staatsoper gegeben.

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Mitreißende Vortänzerin: Karen Kamensek dirigiert Publikum und Staatsorchester im Opernhaus.

Quelle: Christian Behrens

Hannover. Warum noch dirigieren? Der Laden läuft ja. Und wie: Angetrieben von einem entfesselten Schlagzeuger, den es hinter ein glitzerndes Drum-Set verschlagen hat, spielt das sonst hochseriöse Niedersächsische Staatsorchester eine wilde Musik voller Rhythmen unterhalb der Gürtellinie und anrüchiger Blue Notes. Und auf dem Dirigentenpodest schwingt Karen Kamensek die Hüften, wirft die Arme in die Luft und lädt das Publikum des Neujahrskonzertes im ausverkauften Opernhaus mit weit ausholenden Gesten dazu ein, es ihr gleichzutun. Am Ende von „Sing, Sing, Sing“, dem Stück, das einst Benny Goodmans Erkennungsmelodie war, wird im Opernhaus zwar nicht getanzt, aber fast alle im Saal sind von den Plätzen aufgestanden und klatschen so elektrisiert in die Hände, dass Beifall ein viel zu höfliches Wort dafür ist.

Nicht immer reißt es die Zuhörer an diesem Ort vor so leidenschaftlicher Begeisterung von den Sitzen, und es wird vermutlich länger dauern, bis sich Ähnliches wiederholt. Denn das Neujahrskonzert war das letzte unter der Leitung von Kamensek als Generalmusikdirektorin in Hannover. Obwohl sie ihr Amt erst im Sommer aufgibt, hatte das Programm schon stark den Charakter einer Abschiedssinfonie. „Da Capo“ – noch einmal von vorne – war das von Klaus Angermann eloquent und unterhaltsam moderierte Konzert überschrieben, und tatsächlich waren vor allem Stücke und Komponisten zu hören, mit denen Kamensek sich hier schon einmal auseinandergesetzt hatte. Mit dem harten Swing von „Sing, Sing, Sing“ etwa überraschte sie in ihrem ersten Neujahrskonzert vor vier Jahren das hannoversche Publikum, das bis dahin eher an nostalgischen Walzerschwung gewöhnt war.

Die temperamentvolle und zugleich lässige Art, mit der die Dirigentin unterhaltsame Stücke anspruchsvoll zu präsentieren weiß, wird man fortan sicher vermissen. Schon einmal hatte sie das Publikum etwa mit der Musik des kaum bekannten Louis Moreau Gottschalk bekannt gemacht, dessen Musik so einschmeichelnd exotisch und rhythmisch aufregend ist, dass man kaum glauben mag, dass sie schon Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Und wie lange wird es wohl dauern, einen Dirigenten zu finden, der sich nicht zu schade ist für die zuckersüße Musik von Leroy Anderson? Bei Kamensek fehlte seine Musik bei keinem Neujahrskonzert, und auch jetzt sorgte die musikalische Schlittenfahrt des Amerikaners für viel mehr Glanz und Glitzer als Johann Strauß’ bewährter „Kaiserwalzer“.

Dass die Dirigentin gerade diesen empfindlichen Klassiker pauschal bis rustikal anging, erinnerte allerdings auch daran, dass sich nicht jede Musik zur großen Kamensek-Party eignet. Vielleicht ist sogar mancher im Orchester ein wenig erleichtert, wenn er künftig nicht mehr wie hier die Ersten Geigen sein Instrument auf den Stuhl legen und auf dem Podium zum Vortänzer werden muss.

Doch die meisten Musiker hatten erkennbar mindestens ebenso viel Spaß wie das Publikum. Ausgestattet mit Sombreros oder Schmiedehammer erwiesen einige sogar als Schauspieler ungeahnte Talente. So weckt die Freude beim traditionellen Ende mit „Radetzky-Marsch“ und Luftballonregen vor allem Vorfreude auf die letzten Konzerte mit Kamensek: Im Mai dirigiert sie im Opernhaus (und bei einem Gastspiel der Oper in Florenz) Sinfonien und Martinu und Mahler, bevor sie sich im achten Sinfoniekonzert am 25. und 26. Juni auf typische Art mit einem voraussichtlich rauschenden „Konzertfest“ aus Hannover verabschiedet.

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