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Ein Studiobesuch bei Lena Meyer-Landrut
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Neues Album „Stardust“ Ein Studiobesuch bei Lena Meyer-Landrut

„Stardust“ erscheint am 12. Oktober. Lena Meyer-Landrut überrascht auf ihrem neuen Album mit Reife und neuem Sound. HAZ-Redakteur Imre Grimm hat Lena im Studio besucht.

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Lena im Studio Cloud Hill Recordings in Hamburg bei der Arbeit an ihrem neuen Album “Stardust”.

Quelle: Grimm

Hannover. Sie sitzt an einem Holztisch, sieht durchs Fenster auf einen heftigen Hamburger Wolkenbruch, ihr MacBook Pro vor sich. Daneben Olivenöl, Feldsalat, eine Avocado. „Hello little darling“, singt Lena zum Playback vom Computer, die Augen geschlossen. „Could you please hold me tight, when I’m alone.“ Eine sanfte Folkballade, die nach Feuer am Baggersee klingt, nach Klassenfahrt und Weißt-du-noch. „Süß, ne?“, fragt sie. Die Kaffeemaschine faucht.

Es ist der dritte von 18 Tagen im Studio Cloud Hill Recordings an der Elbe. Es ist Mai, Lenas drittes Album hat noch keinen Namen. Neustart bei Null. Ein weißes Blatt Papier. Ohne Stefan Raab. „Goosebumps“ heißt der Song, Gänsehaut. „Da kommt noch so ein Shantychor rein, das wird toll.“ Am Ende wird der Shantychor ein gezupftes Cello sein, es ist alles im Fluss. Ein fernes Echo von „Mr. Curiosity“ weht durch das Lied – jenem Jason-Mraz-Song, mit dem Lena einst zeigte, dass bei aller Irrlichterei auch Nachdenklichkeit in ihr steckte, damals, vor ungefähr 1000 Jahren, als sie 18 war.

So viel liegt dazwischen: zwei Eurovision Song Contests, zwei schnelle Alben, eine Tour vor 75 000 Zuschauern, eine Turbokarriere, sechs Songs gleichzeitig in den Top 100, 45.000 Twitter-Follower, Verträge, Gezerre, Termine, Erschöpfung, ein wilder Ritt durch Hochs und Tiefs. Und nun: die Mühen der Ebene. Der Hype, durch den sie getrieben wurde wie ein Papierschiff im Wind, ist vorbei. Stattdessen hat Lenas Neuerfindung begonnen – als Chefin ihrer selbst. Aber „Comeback“? Ist ein unpassendes Wort für eine 21-Jährige.

Im Hintergrund stellt Swen Meyer Mikrofone auf. Er hat für das Indie-Label Grand Hotel van Cleef Kettcar und Tomte produziert, ein ruhiger, geerdeter, erfahrener Mann. Lena hat ihn 2011 beim „Echo“ kennengelernt. „Ich vertraue ihm“, sagt Lena. „Er versteht mich.“ Wenn sie sich einen Schuss „Zirkusmusik“ wünscht, einen Farbtupfer, kleine akustische Accessoires, dann weiß Swen Meyer, was sie meint. Und am Ende, vier Monate später, wird „Stardust“ ihr bisher bestes Album sein, dicht und voll, sauber ausbalanciert zwischen Cinemascope und Grazilität, zwischen großer Geige und Unbeschwertheit.

„Die ersten beiden Alben waren … so Lena halt“, sagt Lena. Sie spricht über diese Lena wie über eine jüngere Schwester, ein irritierendes Wesen, das manchmal wild über die Betten tanzt. „Diesmal habe ich mich erneut gefragt: Wofür stehe ich eigentlich? Was will ich?“ Sie musste eine Entscheidung treffen: „Soll es biografisch werden, ein supermelancholisches und dramatisches Album über die Zeit nach der Eurovision? Oder orientiere ich mich einfach an der Musik, die ich mag?“

Treffer. Also ist Schluss mit Funk und Soul, mit Raabschem Glitzersakko-Sound und Big-Band-Bläsern. Es wird erdiger, wärmer und sonniger. Sie höre wieder viel Marina & The Diamonds, sagt sie, Mumford & Sons, Of Monsters And Men, so was. Jetzt geht es um geshuffeltes Schlagzeug, um Xylophon, um Fingerschnippen, Honky Tonk und Party. Und siehe da: „Stardust“, die Single, hat es mit ihrem organischen, glamourösen Ethno-Sound sofort auf Platz eins der iTunes-Charts geschafft. „Ich habe meine Fröhlichkeit wiederentdeckt“, sagt Lena. „Es ist alles viel einfacher, wenn ich es so mache, wie ich’s früher gemacht habe: mit Leichtigkeit.“

Sein Blick sagt: Du bist der Boss

Kabelsalat auf dem Boden, bunte Effektgeräte auf einem Regal, ein Fantômas-Plakat an der Wand. Lena trippelt, tänzelt, hüpft vor dem Mikrofon wie ein Boxer. „Lights flash, people are screaming in my ear“, singt sie. „Don’t Panic“ heißt der Song. Pause. „Kratzt schon wieder. Vielleicht machst du meine Stimme ein My lauter, sonst brülle ich so.“ Am Ende nickt sie: „Ist cool.“ „Mach dich frei!“, sagt Swen Meyer hinter seiner Glasscheibe. „Einfach ‘n bisschen herumalbern!“ Und grinsend zu sich: „Wenn eine das kann, dann du.“

Im Regieraum liegt ein Buch: „1001 Albums you must hear before you die“. Dahinter steht das bekannteste Mischpult der Musikgeschichte: eine 48-kanalige analoge Neve-8078-Konsole aus dem Jahr 1978, an der John Lennon „Beautiful Boy“, „Woman“ und „(Just Like) Starting Over“ produzierte. Studiobesitzer Johann Scheerer hat das pophistorische Kleinod 2006 für sehr viel Geld gekauft. „Signals tell me to get the fuck away“, singt Lena nebenan. Und stockt. „Ich singe statt ,signals’ lieber ,sirens’, das finde ich besser.“ Swen Meyer nickt. Sein Blick sagt: Du bist der Boss.

Wochenlang ist sie im Frühjahr herumgereist, hat sich mit Musikern und Komponisten getroffen, hörte zu, spielte kreatives Ping-Pong. Und lernte. 24 Lieder hat sie mitgebracht, 18 produziert das Team in Hamburg, zwölf werden auf dem Album landen. „Better News“ ist dabei, ein optimistisches Stück über das Gefühl, nichts zu wollen und doch alles. „Pink Elephant“, ein schnelles, aber verträumtes Minidrama. Und „Neon (Lonely People)“ mit kleinen Soundspielereien, Kontrabass, darüber Lenas klare Stimme, erstmals dazu fähig, nach hinten raus noch mal ’ne Schippe draufzulegen.

Mit Alex Schroer von der Band Mobilée schrieb sie „To The Moon“. In Irland traf sie Johnny McDaid (Snow Patrol), in Stockholm Sonny Boy Gustafsson, Songschreiber und früherer Gitarrist der Rockband Captain Murphy, und Linda Carlsson alias Miss Li. „Ich wollte gerne mit Miss Li ein Lied machen, und die beiden hatten Lust. Und dann kamen gleich mehrere Lieder dabei heraus.“ „Goosebumps“ zum Beispiel, die Ballade. Oder „Mr. Arrow Key“, ein fröhlicher Schokoriegel von einem Song, mit Glöckchen, schnellem Schlagzeug und Autobahn-nach-Süden-Charme. Oder „ASAP“ (As soon as possible), das als „Lena feat. Miss Li“ veröffentlicht wird. Ein sauberer, offensiver Disko-Ohrwurm.

„Ich bin ja so’n Zuhausemensch und hatte Vermissungskrämpfe“

„ASAP boy you gotta call me!“, singt sie an ihrem Laptop, draußen regnet es immer noch. Es geht um die Sehnsucht nach dem erlösenden Anruf von ihrem Freund. „Ich war in Schweden, und ich bin ja so’n Zuhausemensch und hatte sowieso schon Vermissungskrämpfe“, erzählt sie. „Und dann habe ich meinen Freund angerufen, und der hat bis abends nicht zurückgerufen! Ich bin durchgedreht, wie so ’ne Stalker-Uschi! Da habe ich ihm aus Spaß eine SMS geschickt: ,Ruf mal ASAP zurück.‘ Und Linda und ich dachten: Daraus machen wir ein Lied.“

„Lena hat es doppelt schwer“, sagt Swen Meyer. Der Castingstempel. Und dann der Sieg in Oslo – Fluch und Segen zugleich. Der enorme Bekanntheitsgrad macht die Sache nicht leichter. Noch immer wird sie auf der Straße umlagert, Menschen wollen Fotos, Menschen haben Meinungen. Aber sie wollte das so. Wollte ein drittes Album. Ließ das Studium sausen. Schmiss den Plan, ein Jahr rumzuhängen, zu kochen und einfach zu sein.

Mehr Eigenständigkeit heißt aber auch: mehr Verantwortung. Sie hält den Kopf hin, wenn’s schief läuft. Angst vor einem Flop? „Es gibt immer Druck“, sagt sie. „Gehört dazu.“ Mut? Hat sie. „Nothing happens when we wait too long“, singt sie in „Stardust“. Wenn wir zu lange warten, passiert gar nichts. Bewusst arbeitet sie an ihrer Street Credibility, mit einem Kunstcover auf dem „SZ Magazin“, mit einem Auftritt beim Reeperbahn-Festival, mit einem Gastspiel in der ZDFneo-Talkshow „Roche & Böhmermann“. Mit Charlotte Roche ist sie befreundet, sie wohnt ein paar Häuser neben ihr im Agnesviertel in Köln.

Sie hat es mit einem Instrument versucht, drei Wochen lang. Klavier war dann aber doch nichts für sie, Gitarre noch weniger. „Es hat mir zu doll wehgetan, sogar mit Nylonsaiten.“ Schöpferisch war sie dennoch. „Ich singe eine Idee auf mein Telefon, schreibe einen Text, wir probieren ein paar Akkorde.“ 85 Prozent auf dem neuen Album stammen von ihr. „Ich wusste nicht, dass ich das kann! Das Musikmachen ist bei mir ja nicht aus einer tiefen Leidenschaft entstanden. Es ist ja nicht so, dass ich mit 14 eine Band gegründet und mich dann hochgearbeitet hätte, dass das schon immer mein Leben war. Inzwischen ist es ein Teil meines Lebens, ein Job, den ich liebe.“ Aber: „Vielleicht werde ich das nicht für immer machen. Vielleicht habe ich aber auch einfach Schiss, dass es jetzt schon getan ist.“ Das heißt: dass die Story schon erzählt ist. Dass der Weg schon zum Ziel geführt hat, bevor er so richtig begonnen hat. Dass alles, was noch kommt, nur noch Dreingabe ist. Sie wollte immer alles ausprobieren. Und dann hat das Erste gleich sensationell funktioniert. „Konnte ja keiner ahnen.“

Zwischendurch war es fast, als habe Lena Lena vermisst

Sie hat einen nicht nur lustigen Winter hinter sich. „Ich hatte das Gefühl, dass ich zu professionell wurde als Medienfigur. Ich hatte im Kopf vorbereitete Antworten auf jede Frage, ich habe nichts mehr auf mich zukommen lassen. Was voll langweilig ist. Ich war gefühlsmäßig nicht mehr spontan, weil ich dachte, dass es besser sei, das Ding medienprofimäßig durchzuziehen. Hat aber nicht so richtig geklappt.“ Zwischendurch war es fast, als habe Lena Lena vermisst. „Ich wurde dünnhäutig.“ Sie hat viel Kritik einstecken müssen für ihren arte-Auftritt mit Rapper Casper. Matt schlurften beide durch Berlin und wirkten wie ein Zwei-Personen-Nahostkonflikt. „Ich hatte einfach einen schlechten Tag“, sagt sie. Viele nahmen ihr das übel. Abgehakt. Gehört dazu. „Ich war viel zu Hause, das ist die beste Auszeit.“

Pause im Studio. Mittagessen. Ein Crewmitglied hat asiatisch gekocht für die 17 Musiker, Helfer, Tonjungs, ein kompaktes, entspanntes Team. Nein, sagt Lena, mit Stefan Raab habe es keinerlei Probleme gegeben. Im Gegenteil: „Es war ihm ganz recht, er brauchte auch mal ‘ne Pause nach dem Stress der letzten Jahre. Aber er schickt mir dauernd E-Mails: Ich soll ihm was zum Anhören schicken. Ich habe ihm neulich ,Neon’ vorgespielt, mein Puls war auf 180, und er sagte: ,Oh, Gott sei Dank kein Katy-Perry-Pop.’“

Im Frühjahr 2013 geht sie mit „Stardust“ auf Clubtour. Kein Schnickschnack, nur sie, ihre Band und maximal 1500 Zuschauer. Und ja: Sie wird auch „Satellite“ singen. Aber dieses Album hier, sagt sie in Hamburg zum Abschied, „ist wirklich von mir“. Es scheint, als sei sie ihrer eigenen Umlaufbahn ein Stück näher gekommen. Irgendwo zwischen ganz oben und ganz unten, zwischen Staub und Sternen.

„Stardust“ erscheint am 12. Oktober. Mehr unter www.lena-meyer-landrut.de

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