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Konzert

Gossip kommt nach Hannover

Von Marina Kormbaki

Dick im Geschäft: Gossip-Frontfrau Beth Ditto wird von Feministinnen und vom Boulevard geschätzt. Für die Band aus Amerika läuft es rund - bald auch beim Konzert in Hannover.
Entgrenzte Projektionsfläche: Sängerin Beth Dito kommt mit ihrer Band Gossip nach Hannover.

Entgrenzte Projektionsfläche: Sängerin Beth Dito kommt mit ihrer Band Gossip nach Hannover.

© afp

So langsam können sich die Mitarbeiter von Uni-Bibliotheken daranmachen, in der Abteilung für Kultursoziologie eine Ecke für Beth Ditto freizuräumen. Auf dem Schild am Regal könnte dann so etwas stehen wie „Praktische Kritik an Schönheitsidealen“. Oder „gleichgeschlechtliche Liebe im Pop“. Oder vielleicht „Haute Couture von A bis XXL“. Alles möglich, bei der Vielzahl an Abschlussarbeiten und Dissertationen über die Sängerin der Indierockband Gossip, die Studenten weltweit in letzter Zeit verfasst haben.

Nun hat es die schwergewichtige, offen lesbisch lebende Beth Ditto also zum Objekt wissenschaftlicher Forschung gebracht. Seit gut einem Jahr, als die US-Band Gossip mit dem auf Hochglanz polierten Diskopunkalbum „Music For Men“ den internationalen Durchbruch geschafft hat, gilt es, das „Phänomen Beth Ditto“ zu erklären. Damals ließ die kugelrunde Ditto die vielversprechenden Szeneklubs der liberalen Westküstenstadt Portland, wo ihre Band beheimatet ist, hinter sich und platzte in die durchnormierte, maßgeschneiderte Welt des Pop. Ditto, der man ihre „Dick und glücklich“-Attitüde gerne abnimmt, war nun die saisonale Muse von Hungerkünstler Karl Lagerfeld, ließ sich nackt für diverse ­Modemagazine ablichten und trug ihre Botschaft von einem erfüllten Leben jenseits der heterosexuellen Norm an die Spitze der Charts.

Letzteres geschah eher nebenbei, denn es grenzt schon an ein Wunder, dass die Musik von Gossip überhaupt Beachtung gefunden hat – so sehr, wie Frontfrau Ditto, genauer gesagt ihre schwungvollen Proportionen im Fokus allen Interesses standen. Beth Dittos offensiv von ihr zur Schau gestellter Körper dient bis heute als entgrenzte Projektionsfläche: für die kurz vorm Abgrund stehende Plattenindustrie, die sich in ihrer Verunsicherung an konturenlose Massenware klammert und zutiefst dankbar ist für vermeintliche Freaks wie Beth Ditto oder Lady Gaga – deren Andersartigkeit muss als Beleg für die angebliche Offenheit der Branche und ihren Mut herhalten.

Als Projektionsfläche dient Dittos Körper aber auch Popfeministinnen, die sie als neue Vorkämpferin für emanzipierte Weiblichkeit feiern. Teenager wiederum, denen vom „Bauch rein, Brust raus“-Drill einer Heidi Klum schon ganz schwummrig ist, haben in Ditto eine liebenswerte Antiheldin gefunden. Und dann ist da noch der Boulevard, der in der ihm eigenen Mischung aus Ekel und Faszination das Leben und Lieben dieser 29-Jährigen seziert.

Dick, lesbisch, feministisch – die vielen Etiketten, die der Person Beth Ditto anhaften, drängen ihre Musik in den Hintergrund. Beth Ditto ist Gossip. Daran hat auch nichts geändert, dass ihre Band mit dem Cover des aktuellen Albums „Music For Men“ nicht vom Celebrity-Status ihrer Frontfrau zehren wollte, sondern stattdessen die androgyne Drummerin Hannah Blilie mit wohlfrisierter Tolle ikonenhaft abbilden ließ. Oder dass es Gitarrist Nathan How­deshell ist, der sich in Erfolgssingles wie „Standing In The Way Of Control“, einer wutschnaubenden Einforderung der ­Homoehe, oder der Coming-out-Hymne „Heavy Cross“ als Songschreiber verdient gemacht hat. Beides Stücke, die unverhohlen offenlegen, worauf die wunderbare Eingängigkeit der Musik von Gossip beruht: Das pumpende Schlagzeug presst die Songs voran und liefert zugleich ein solides Fundament für den federnden Bass, der wiederum immer mal wieder aufgeschreckt wird von knappen, scharfen Gitarrenriffs. Die machen aber flink Platz, sobald sich Beth Dittos helle, wuchtige Soulstimme ankündigt.

Ditto dominiert einfach das Geschehen bei Gossip – auf den Tonspuren der Aufnahmen ebenso wie auf der Bühne, wenn sie mal im gestreiften, mal im glitzernden, aber immer eng anliegenden Kleid zum Beat stampft und in klaren Worten von der Liebe zwischen ihm und ihr und ihr und ihm singt. Mutig – ja. Emanzipatorisch – auch. Kämpferisch – sicher. Aber eben auch mit Herz und Spaß an der Sache. Beth Ditto auf der Bühne, das sind wohl die Momente, in denen man einer Erklärung des „Phänomens Beth Ditto“ näher kommt als in jeder Doktorarbeit.

Gossip spielt am 5. Dezember 2010 in der AWD-Hall.

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