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Der alte Mann und die Musik

Kurt Masur im Kuppelsaal Hannover

Von Stefan Arndt

Der alte Mann und die Musik: Kurt Masur und das Philharmonia Orchestra waren zu Gast im Kuppelsaal Hannover. 85 Jahre ist Masur, und die Mühen, die ein solches Alter mit sich bringen, sind nicht mehr zu übersehen.
Foto: Kurt Masur mit Konzertmeister, Gehhelfer (im Smoking) und Cellosolist Daniel Müller-Schott.

Kurt Masur mit Konzertmeister, Gehhelfer (im Smoking) und Cellosolist Daniel Müller-Schott.

© Frank Wilde

Hannover. Der Satz drückt aus, was viele gedacht haben mögen nach dem Konzert mit Kurt Masur im hannoverschen Kuppelsaal: „Das war bestimmt das letzte Mal, dass wir ihn hier gesehen haben“, sagt eine Frau zu ihrem Begleiter – und meint nicht, das eben Gehörte habe ihr missfallen und sie werde deshalb künftig von Konzertbesuchen absehen. Vielmehr geht es darum, dass der große, alte Kapellmeister noch älter geworden ist. Sichtlich älter.

85 Jahre ist Masur, und die Mühen, die ein solches Alter mit sich bringen, sind nicht mehr zu übersehen. Das Zittern der Hände ließ sich noch vor einiger Zeit als eigenwillige Dirigierbewegung bemänteln. Inzwischen hindert es ihn selbst daran, die Noten seiner Partitur umzublättern. Noch dazu hat sich der Tremor auf andere Körperteile ausgeweitet – der Unterkiefer zittert am Ende des Konzertes mit. Und wenn der Dirigent, der von einem Helfer ans Pult geleitet wird, den Rückweg mit einem unsicher geführten Schritt zunächst alleine antritt, kann man sogar dem für einen Moment schlagartig etwas gedämpften Applaus anhören, dass dem ganzen Saal dabei der Atem stockt.

So ist es ein sonderbares Spektakel, das sich bei den jüngsten Auftritten von Masur bietet. Der alte Mann und die Musik – das hat auch etwas von Überlebenskampf. Erst recht, wenn die pure Spieldauer des Programms beeindrucken muss: Anton Bruckners monumentale siebte Sinfonie dauert schon allein deutlich länger als eine Stunde, dazu kommt noch Schumanns Cellokonzert. Dringlicher als die Frage nach der Interpretation wird da die, ob der Dirigent überhaupt so lange wird stehen können. In Berlin, wo Masur am Abend zuvor in der ausverkauften Philharmonie aufgetreten war, hat das Konzert dann auch geteiltes Echo hervorgerufen: Während sich eine Kritik eher wie ein Krankenbericht liest, fordert ein anderer Autor begeistert, man solle „Dirigenten unter 70 gar nicht erst ans Pult lassen“.

Der altersweise Dirigent ist einer der großen Mythen des Klassikgeschäfts. Immer wieder stehen dort Hochbetagte im Rampenlicht, die in allen anderen Berufen längst im Ruhestand wären. Gerade ihre Anziehungskraft ist besonders groß. Es scheint, als erhofft man von dem Auftritt eines greisen Pultstars die Verdichtung seiner jahrzehntelangen musikalischen Erfahrungen in einer einzigen Aufführung – und damit ein besonders intensives Hörerlebnis.

Bei Masur allerdings werden solche Erwartungen enttäuscht. Er ist auch mit 85 kein Hohepriester der Musik, sondern eher ein hemdsärmliger Musikant: Wenn das Philharmonia Orchestra die ersten Takte von Schumanns Cellokonzert anstimmt, dann klingt das so unkompliziert forsch und frisch wie das Leipziger Gewandhausorchester vor 40 Jahren unter der Leitung seines damaligen Kapellmeisters. Tatsächlich hat Masur gerade für die Musik der Romantiker um seinen Leipziger Amtsvorgänger Felix Mendelssohn (der mit Schumann befreundet war) einen eigenen, unprätentiösen Klang gefunden: Die Streicher spielen zügig und mit deutlicher Attacke, die Mittelstimmen sind Melodie und Bass fast gleichberechtigt.

Dass nun das englische Spitzenorchester diesen typischen Masur-Klang entfaltet, ist ein Beleg dafür, dass die Anwesenheit des gebrechlichen Dirigenten durchaus noch Wirkung hat. Das operative Geschäft hat ohnehin diskret und zuverlässig der Konzertmeister des Orchesters übernommen. So gelingt auch das Zusammenspiel mit dem Solisten Daniel Müller-Schott unproblematisch. Dessen ungewöhnlich voller und lebendiger Celloklang kann selbst in den Weiten des Kuppelsaals die Herzen der Zuhörer erreichen. Und nach dem geschmackvoll unaufgeregten Beginn entdeckt Müller-Schott auch noch die abgründigen Seiten in dem Stück – der dritte Satz bekommt nach der Kadenz eine geradezu geisterhafte Tönung. Danach wirkt die fast sakrale Zugabe von Britten angenehm beruhigend.

Bruckners Siebte dirigierte Masur nach der Pause auswendig und mit klaren Vorgaben: Die Trompeter mussten ihre amerikanischen Instrumente gegen deutsche (mit seitlich liegenden Ventilen) austauschen, und die ersten Stimmen der viel geforderten Blechbläser wurden nach alter Kapellmeistertradition verdoppelt. Dass der Dirigent ab und an Einsätze ins Leere gab, störte den auch hier erstaunlich frischen Fluss der Musik nicht. So unkompliziert und doch wirkungsvoll erklingt diese Partitur nicht immer. Vor allem der berühmte zweite Satz profitierte von solchem unpathetischen Zugriff.

Bruckner ganz ohne Metaphysik – würde man den Dirigenten nicht sehen, man müsste ihn am Ende des bejubelten Abends für einen jungen Mann halten. Ein Wiedersehen ist alles andere als unwahrscheinlich. Masurs Terminkalender ist für die nächsten Jahre prall gefüllt.

Am 20. Februar spielt der Organist Cameron Carpenter bei Pro Musica im Kuppelsaal, Kartentelefon: 0511-363817.

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