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Der Swing-Prinz ist tot: Nachruf auf Roger Cicero

Jazzmusiker Der Swing-Prinz ist tot: Nachruf auf Roger Cicero

Völlig überraschend starb Roger Cicero im Alter von 45 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls, kurz vor dem Auftakt seiner ausverkauften Sinatra-Tour. Der Jazz hatte ihm im Blut gelegen, er gab ihm eine neue Form. Mit seinen deutschen Texten verlieh er seiner "großen Liebe" eine gewisse Coolness.

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Roger Cicero steht am 07.09.2015 in Hamburg bei seinem Konzert "Cicero sings Sinatra" auf der Bühne. Zum 100. Geburtstag des berühmten amerikanischen Sängers brachte Cicero ein Album raus.

Quelle: Christian Charisius/dpa

Er war der Swing-Prinz der Nuller Jahre, elegant vom kecken Hut über den anthrazitgrauen Anzug bis zur Sohle seiner zweifarbigen Lederschuhe. Dass Roger Cicero unter den Scheinwerfern  Lampenfieber hatte, merkte man ihm nie an. Er wirkte wie für die Bühne geboren, lässig fingerschnippend wie Frank Sinatra, nur sang er eben auf Deutsch. Wobei der Ratpack-Lifestyle der alten amerikanischen Swing-Könige nicht sein Ding war.

Hier steht er bei der Generalprobe zum Finale des Eurovision Song Contest .2007 in Helsinki auf der Bühne. Cicero belegte im Finale des 52. Grand Prix den 19. Platz.

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Erfolg mit deutschen Texten

Whisky und Zigaretten? "Das war das Rezept vor 40 Jahren", bekundete Cicero  im Interview, als er Mitte der Nuller Jahre ins Rampenlicht trat. Sein neues Rezept für coolen Jazz war gesünder: "Yoga – und Halswohltee mit Süßholz drin." Unfasslich auch deshalb die Nachricht, die Dienstagmittag die Redaktionen erreichte. Roger Cicero starb mit erst 45 Jahren am Abend des Gründonnerstags an den Folgen eines Schlaganfalls im Kreis seiner Familie. Zuvor war er ein letztes Mal im Bayerischen Fernsehen aufgetreten.

 

"Männersachen"  hieß das Album, mit dem Cicero 2006 als Solokünstler durchstartete. Seine Lieder ließen hinter den Machismo blicken, schmunzelnd, aber ohne den Kerl darin der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Mutter habe erst einmal "Auf Deutsch? Ach schade! Die schöne Musik!" ausgerufen. 

Seinem 1997 verstorbenen Vater Eugen Cicero aber, davon war Cicero überzeugt, hätte die Herangehensweise des Sohns sofort gefallen. Der berühmte rumänische Jazzer habe ihm das Gefühl vermittelt, sofort zu wissen, wann Musik wirklich gut ist.

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Der Jazz lag ihm im Blut

Studiert hat Roger Cicero den Jazzgesang dann aber in den Niederlanden, in Hilversum, "weil ich mir dort unbeobachtet die Hörner abstoßen konnte." In Deutschland war ihm der große Name des Vaters wiederholt quergekommen.

Als Cicero Junior quasi über Nacht zur Berühmtheit im deutschsprachigen Popbetrieb wurde, hatte der Hitparadensound der Vor-Rock’n’Roll-Ära gerade einen kleinen Aufschwung erlebt. Harry Connick war vornehmlich in den USA erfolgreich, der ehemalige Take-That-Star Robbie Williams hatte seinen Swing-Versuch "Swing, when You’re Winning" 2001 in einen weltweiten Album-Megaseller verwandelt.

Und trotzdem waren die anvisierten Produzenten erst einmal skeptisch, als Ciceros Big-Band-Leader Lutz Krajenski mit den Arrangements bei ihnen vorbeikam. Matthias Hass und Frank Ramond kamen eher vom Pop, Ramond hatte zuvor die frivol-selbstbewussten Frauengeschichten der blonden Annett Louisan geschrieben und damit einen Erfolg gelandet.

Leichtfertigkeit war nicht seins

Jetzt schrieb Ramond auch die Texte für Cicero. Geschichten vom Mann als ewigem Kind, durchschaubarem Romeo und notorischem Trübsalbläser. Seitensprungbekenntnisse und Mondanheulen wegen jähem Verlassenwordensein. Immer ironisch gebrochen.

Und wenn Cicero dann Frankieboys "Fly me to the Moon" als "Schieß mich doch zum Mond" sang, konnte man sich als Begleitgetränk einen funkelnden Bourbon doch weit besser vorstellen als seinen ayurvedischen Aufguss. "Frauen regier’n die Welt" war 2007 sein Beitrag zum Eurovision Song Contest. Nur Platz 19. Der Jazzboom machte Pause.

Ende der Nuller Jahre wechselte Roger Cicero zum Soul – seiner "zweiten Liebe". Die Texte wurden nachdenklicher, er war Vater eines Sohnes geworden, neue Verantwortung lastete auf ihm. Wie alles, wollte er auch die Familie "gut machen". Die Sicherheiten eines Popstars empfand er dabei als nur geborgt. "Das liegt in meiner Natur, ich mache mir eher Sorgen, als leichtfertig alles super zu finden", so definierte er sich in einem Gespräch 2011.

Mit neuem Album zurück zu den Wurzeln

Die Beziehung zu Kathrin Claasen zerbrach 2013 – im Guten. Und dann wandte Cicero sich zum Ende doch wieder seiner ersten musikalischen Liebe zu, arbeitete bis zur Erschöpfung, indem er Lieder von Nick Drake und Paul Simon verjazzte und im November ein Album zum 100. Geburtstag von Sinatra heraus brachte – diesmal auf Englisch.

Von Burn-Out war die Rede, dem Verdacht auf Herzmuskelentzündung. Ende Januar war die Auszeit zu Ende, der Künstler freute sich wieder auf "live". 

Am 7. April sollte in Frankfurt seine ausverkaufte "Sinatra"-Tour beginnen. Am selben Tag findet in Berlin die Verleihung des Echo statt. Gleich für zwei Preise war Roger Cicero nominiert. Es hätte ein triumphales Comeback werden sollen.

Von Matthias Halbig

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