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Rammstein rockt die ausverkaufte TUI Arena

Tabubrecher Rammstein rockt die ausverkaufte TUI Arena

Deutschlands seit Jahren erfolgreichster Rock-Export schaut auf Europatournee auch immer mal in der Heimat vorbei. Am Freitagabend besuchte Rammstein Hannover. 10.000 Fans in der ausverkauften TUI Arena waren begeistert vom Sound der Tabubrecher.

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Wagnerianischer Großhallenrock: Rammstein-Sänger Till Lindemann.

Quelle: Christian Behrens

Hannover. Hereinspaziert, werte Damen und Herren! Willkommen im Schwermetall-Varieté von Rammstein. Heute Abend für Sie auf der Showbühne: sechs international renommierte Tabujongleure mit dem Besten aus fast 20 Jahren Provokationstheater! Hier wird geklotzt – und hier wird auch gekleckert! Mit Wasser und Blut, Asche  und Sabber – aber keine Angst, werte Damen und Herren, alles nur Show, alles nur Trick, alles nur technischer Effekt!

Und da kommen sie auch schon, die Herren, von hinten durchs Publikum schreiten sie, über eine Brücke, die von der Hallendecke herabgelassen wird, gelangen sie auf die Bühne. Sie tragen typisches Arbeitsgerät wie Fahnen (unter anderem die mit dem Niedersachsenross), Feuer und seltsame Anzüge auf die Bühne. Dann zählt Sänger Till Lindemann laut bis zehn, und den 10.000 Rammstein-Fans in der seit Monaten ausverkauften TUI Arena geht ein sehr helles Licht auf: „Sonne“ brettert durch den Saal, vier monströse Scheinwerfer fluten die Halle, und die Masse wogt.

Deutschlands seit Jahren erfolgreichster Rock-Export schaut auf Europatournee auch immer mal in der Heimat vorbei, was man bei einer „Made in Germany“-Tournee ja auch erwarten darf. Hannover ist einer der Nachzügler-Konzerte, anschließend geht es ins Baltikum, nach Russland und Finnland. „Made in Germany“ ist die Best-of-Tournee zum gleichnamigen Best-of-Album. Für die Fans natürlich ein Wunschkonzert, für die Berliner Band sicherlich eine kreative Verschnaufpause und die Chance zu überlegen, was noch kommen kann – und ob man den Zenit vielleicht doch überschritten hat.

Am Freitagabend besuchte Rammstein Hannover.

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Für das Geschäftsmodell Rammstein trifft das nicht zu, mehr als 15 Millionen Platten hat die Band verkauft, die Live-Shows sind Feuer-, Licht-, Kostüm- und Effektspektakel, die es in so perfekt choreografierter Form selten gibt. Die 10.000 Karten für das Hannover-Konzert waren binnen Stunden weg. Und so lassen sie es kräftig krachen, zu Songs wie „Asche zu Asche“, „Sehnsucht“, „Feuer frei“ oder „Du riechst so gut“ züngeln immer wieder Flammen Richtung Hallendecke, die einem bis hinten in den Saal das Gesicht wärmen, es raucht, knallt, Nebel wabert, es müffelt nach Kinderplatzpatronen, Und: Strenge Scheinwerferkegel schaffen Lichtdomästhetik. Früher mal ein Zankapfel,  doch das ist mittlerweile gang und gäbe bei großen Rock- und Popshows. Sogar bei Andrea Berg macht’s mal bumm zwischen den Lichtsäulen. ja, bis hierhin hat Rammstein eben auch stilbildend gewirkt.

Was licht- und effekttechnisch auf, über und vor der Rammstein-Bühne passiert, ist schlichtweg atemberaubend. In jeder Sekunde scheint irgendetwas zu passieren, alles ist perfekt und sekundengenau mit der Musik verwoben. Das Staunen in der TUI Arena ist förmlich zu greifen. Was es bei vielen Rockbands ebenfalls nicht gibt, ist dieser grandios, in den Höhen klare und untenrum fantastisch satte Sound, bei dem sogar Lindemanns Gesang zwischen wagnerianischer Heldenknödelei und Grunzen zu verstehen ist. So und nicht anders muss Großhallenrock klingen. Was die Band immer schon ausgemacht hat, ist ihr Tanzmetal-Groove, zu hören bei „Du hast“ oder „Mein Herz brennt“. Da wirkt Musik direkt und physisch auf alle rhythmisch talentierten Muskelgruppen.

Doch die Kunst des wohlkalkulierten Skandals hat Rammstein seit dem ersten Konzert 1994 (14 Zuschauer) bis in alle dunklen Ecken ausgeleuchtet. Alle bösen Themen beackert, von politischen rechten Anspielungen über pädophiler Inzucht und Sodomie bis zu Sadismus und Kannibalismus. Das alles ist mittlerweile als Masche entlarvt, die Band hat ihr Tabubrecherimage oft genug selbst auf die Schippe genommen. Und wenn Lindemann zum Menschenfresser-Song „Mein Teil“ blutbeschmiert mit Schlachterschürze und Kochmütze auf die Bühne kommt und in den Griff eines riesigen Fleischmessers singt, wird die Comic-Inszenierung zur Lachnummer. Als die Tour im Herbst in Berlin startete, ließ die Band vor der Halle ein Mausoleum aufbauen, in dem sich Konzertbesucher im Angesicht von sechs Totenmasken der Musiker in ein Kondolenzbuch eintragen konnten – und es auch taten.

Doch die Aufregerthemenlage wird dünner, was schlecht ist für eine Band, deren Selbstverständnis vor allem aus zweideutigen, anspielungsreichen Texten rührt. Und diese Truppe als normale Metalkombo? Unwahrscheinlich.

Quo vadis, Rammstein?  Die Band wird es die Welt wissen lassen. Vermutlich per Rauchzeichen.

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