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Der Veteran und die jungen Wilden

Stanley Clarke Band im Pavillon Der Veteran und die jungen Wilden

Jazz - ein anachronistisches Genre? Nicht für die Stanley Clarke Band, die am Samstag im ausverkauften Pavillon mit Virtuosität und handwerklichen Höchstleistungen (und einem Altar aus Verstärkern) berauschte.

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Die Stanley Clarke Band im Pavillon.

Quelle: Insa Cathérine Hagemann

Hannover . Ein Pianist, der sich derart in Ekstase spielt, dass er es mehrfach nicht mehr auf seinem Stuhl aushält. Ein Schlagzeuger, der sich wie Animal von den Muppets sein eigenes Battle liefert. Ein mit Tönen und Effekten immerzu improvisierender Keyboarder und im Mittelpunkt ein vier Grammys und 40 Alben schwere Bassgroßmeister, der sich bei jedem Takt immer wieder neu zu erfinden scheint. Jazz - ein anachronistisches Genre? Nicht für die Stanley Clarke Band, die am Samstag im ausverkauften Pavillon mit Virtuosität und handwerklichen Höchstleistungen (und einem Altar aus Verstärkern) berauschte.

Clarke, Mitbegründer der wegweisenden Fusion Jazz Gruppe Return to Forever um Pianist Chick Corea, gilt schon seit den Siebziger- und achtziger Jahren als einer der weltweit innovativsten Bassisten quer durch alle Genres - sowohl auf dem akustischen als auch den elektrischen Bass. Früher teilte er die Bühne unter anderem mit Größen wie Quincy Jones, Paul McCartney, Keith Richards, Aretha Franklin, Bob Marley und Miles Davis, jetzt hat Clarke seine aktuelle Band aus jungen wilden Virtuosen zusammengestellt: den 20-jährigen georgischen Ausnahme-Pianisten Beha Gochiashvili, den ein Jahr älteren Gewitter-Trommler Michael Mitchell, den er per Internet-Suche aufgetan hat, und den 30-jährigen kalifornischen Keyboarder Cameron Graves.

"Amazing how the youngest come up"

Von der Besetzung sagt Clarke, dass sie genug Raum für den Bass lassen. Sie selbst lässt er ausschweifende Soli spielen, um ihnen am Ende mit väterlichem Stolz zuzunicken. "Amazing how the youngest come up", ruft er dem Publikum in Hannover zu. Das ist auch ein Wortspiel - denn "Up" so heißt sein zuletzt veröffentlichtes und komplett selbst produziertes upbeat Album, von dem das Mehrgenerationen-Quartett im Pavillon sieben Stücke mit mäandernd-fließenden Übergängen spielt. Live dauert jeder Titel gut 20 Minuten, eine Pause gibt es nicht, viele Worte auch nicht.

Das ist dennoch keine Spur ermüdend. Es gibt Improvisationen, etwa die Georg Duke-Komposition "Brazilian Love Affair", die sich erst langsam gleitend wie von einem Propeller getrieben immer weiter zu einer mitreißenden Dynamik steigern. Oder dialogische Passagen zwischen Bass und Schlagzeug - schön zu hören bei "I Have Something to Tell You Tonight" -, zwischen Keyboard und Schlagzeug, Bass und Piano, die im Call and Response Geschichten erzählen, bis hin zu elegischen klassischen Passagen. Einflüsse von Latin und Reggae spielen immer wieder eine Rolle und ausdrucksstarke Filmmusik, schließlich hat Clarke lange Zeit damit Geld verdient.

Beeindruckend ist gerade die handwerkliche Show der Band, allen voran die des 64-jährigen Mentors, der seinen Kontrabass abwechselnd grummeln, grooven, singen und schnurren lässt. Aber auch zum elektrischen Alembic Bass greift der Gigant immer wieder, was die Fans seines markanten weltberühmten E-Bass-Sounds freut - denn das macht er nicht bei jedem Konzert. Gern lässt man sich auch von der Spielfreude und Hingabe - die oft an Hochleistungssport erinnert - der jungen Talente mitreißen, auch wenn so manches Soli am Ende arg ausdauernd erscheint. Den Applaus schmälert das nicht.

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