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Tocotronic feiert 20-jähriges Bandbestehen mit neuem Album
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„Wie wir leben wollen“ Tocotronic feiert 20-jähriges Bandbestehen mit neuem Album

Das geht ja gut los: „Hey, hey, ich bin jetzt alt / Hey, hey bald bin ich kalt“, sprechsingt ein gut gelaunter Dirk von Lowtzow. Und weiter: „Ich war keiner von den Stars / Ich war höchstens Mittelmaß.“ Was wie der Abgesang eines betagten Künstlers klingt, sind die ersten Zeilen des neuen Tocotronic-Albums.

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Auf dem Pfad der Dämmerung: Dirk von Lowtzow (von links), Rick McPhail, Schlagzeuger Arne Zank und Bassist Jan Müller.

Quelle: Universal

Hamburg. Gesungen werden sie von einem 41-Jährigen, der abgesehen von den zunehmend ergrauten Haaren einen recht vitalen Eindruck macht. „Im Keller“, der Auftakt des neuen Albums „Wie wir leben wollen“, istvon Lowtzows süffisanter Kommentar zum 20-jährigen Bandbestehen von Tocotronic, dem Zeitpunkt also, an dem eine Band reif fürs Popmusikmuseum, die Titelseite des „Rolling Stone“, ist.

Für die Band, die 2010 mit dem Vorgänger „Schall & Wahn“ auf Platz eins der Charts landete, ist das Jubiläum ein willkommener Anlass, 17 neue schaurig-schöne Geschichten aus der Gruft zu erzählen, das eigene Ende zu imaginieren und sich dabei – mal wieder – neu zu erfinden.

Ihren Fans hat es die 1993 in Hamburg gegründete Band nicht leicht gemacht: Mit ihrem Slacker-Slogan-Pop, mit Songs wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, die immer doppelbödiger gemeint waren, als sie zumeist verstanden wurden, brachten es Gitarrist von Lowtzow, Bassist Jan Müller und Drummer Arne Zank mit Tocotronic schnell zum Klassenprimus der sogenannten Hamburger Schule. Den wütenden, selbstzerstörerischen Grunge US-amerikanischer Prägung übersetzten die drei Studenten mit fröhlichem Dilettantismus in knarzende Dreiminüter von ausgewählter Antriebslosigkeit. Während befreundete Bands wie Blumfeld mit ihrem Poetry-Slam-Stakkato deutsche Songtexte revolutionierten, blieben die Texte von Tocotronic eigenwillig distanziert. Kein Wunder: Müller und Zank, die beide zusammen in Punkbands wie  Meine Eltern und Punkarsch gespielt hatten, nötigten von Lowtzow, seine ersten, ursprünglich auf Englisch geschriebenen Texte für Tocotronic ins Deutsche zu übersetzten.

1999 waren der Band ihre stilbildenden Trainigsjacken aber zu eng geworden. Mit Synthesizerfanfaren ließ Tocotronic den Lo-Fi-Befindlichkeitspop hinter sich, folgerichtig postulierte von Lowtzow 2002 im weißen, wallenden Gewand: „Eins zu eins ist jetzt vorbei“. Nach Ausflügen in die Naturlyrik, esoterischen Eskapismus, nach zarten Liebesliedern und fröhlichem Defätismus („Im Zweifel für den Zweifel“) meldet sich die Band nun mit 17 neuen Titel zurück.

Ex-The-Smiths-Sänger Morrissey und Alternative-Country-Star Will Oldham werden dabei ebenso zitiert wie B-Movie-Trash: Der Videoclip zur düster-raunenden Single „Auf den Pfad der Dämmerung“ ist eine Hommage an Buffy, die Vampirjägerin – die Hatz auf Blutsauger in Cheerleaderkostümen wird dabei an eine Berliner Schule verlegt. Das Gerüst der Titel wurde von Produzent Moses Schneider unter dem Einfluss der Lektüre der Soundfetischistenbibel „Recording The Beatles“ eingespielt, später kamen viel Hall und exotische Instrumente wie Theremin und Chordun hinzu. Der warme, reiche Sound ist der denkbar größte Kontrast zu den oft kalten Texten. Es geht um die Macht der Worte und die Ohnmacht des Körpers, bisweilen assoziativ, manchmal erratisch, aber doch meist anregend und humorvoll. Man kann „Wie wir leben wollen“ als „emphatisches Bekenntnis zu einem selbstbestimmten Leben“ feiern, wie „Texte zur Kunst“-Herausgeberin Isabelle Graw.

Man kann Tocotronic aber auch einfach zum vielschichtigsten Album ihrer Karriere gratulieren.

Tocotronic: „Wie wir leben wollen“ (Vertigo/Universal) erscheint am Freitag.

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