Volltextsuche über das Angebot:

21°/ 12° Regenschauer

Navigation:
Unvergleichlich verwechselbar: Gustav Peter Wöhler

Auftritt im Theater am Aegi Unvergleichlich verwechselbar: Gustav Peter Wöhler

Er ist schon ein Phänomen, dieser Gustav Peter Wöhler. „Gustav Peter wer?“, fragen viele. Aber jeder kennt ihn. Sehen sie ein Foto, sagen sie: „Ach, der.“ Paar Krimis, paar Filme. Der klassische Mann für die Nebenrollen. Und nun steht er vorn auf der Bühne im Theater am Aegi und spielt die Hauptrolle: Gustav Peter Wöhler mit Band.

Voriger Artikel
Grammys für Justin Bieber und Taylor Swift
Nächster Artikel
Mozarts Glück und Schumanns Albträumerei

Perfekte Projektionsfläche: Gustav Peter Wöhler.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Denn Zadek-Schüler Gustav Peter Wöhler macht auch Musik. Singt mit seiner kleinen Band Songs von Sting bis Stones. Gerade ist eine neue CD erschienen, „Shake a Little“ – das ist von der Folk-Göttin Bonnie Raitt. Wöhler ist ziemlich erfolgreich mit seiner Musik, auch wenn das Aegi an diesem Sonntag nur zu zwei Dritteln gefüllt ist. Die Mitmusiker – Kai Fischer am Flügel, Olaf Casimir am Kontrabass, Mirko Michalzik an den Gitarren – umgeben den Sänger mit einem makellos sitzenden Mantel aus Tönen: Hier kennt jeder jeden Quadratzentimeter seines Instruments und weiß damit umzugehen. Schnickschnack fehlt netterweise, die Lightshow beschränkt sich auf ein paar bunte Lichter im Theaternebel, Wöhler macht zwei, drei Conférence-Scherze (die Tour habe eigentlich „Arthrose-Tour“ heißen müssen, und er sei auf Droge, sprich: auf Ibuprofen). Ansonsten sagt er Sparsames zu den Liedern und singt sie.

Aber wie! Es geht weniger um die Stücke selbst – mit Ausnahmen: „A Salty Dog“ von Procol Harum ist eine Offenbarung, und die Wöhler-Band-Bearbeitung von „Bridge Over Troubled Water“ kommt in einer derart zwingenden, verfremdenden und teils jazzig-treibenden Fassung daher, dass Paul Simon sich schämen würde, das Original-Arrangement geschrieben zu haben. Was aber die eigentliche Sensation an Wöhler ist, ist seine Stimme.

Denn: Sie klingt verwechselbar. Mittlere Lage, keine Charakteristika wie Kratzen oder besonderer Bass oder Gefistel. Sie klingt auch nicht nach irgendwem. Nur ein einziges Mal, bei „Changes“ von David Bowie, hört Wöhler sich auch an wie Bowie, aber das ist wahrscheinlich ein Kondolenzsondertonfall. Ansonsten wirkt Wöhlers Stimme wie etwas Reines und damit auch etwas Eigenschaftsloses. Und so verrückt es scheinen mag: Das ist das Gute daran.

Denn auf diese Weise kann Wöhler die ungeheuren Emotionen, die in all den Liedern stecken, von Liebe bis Verzweiflung, von Zorn bis Glück, in seine Stimme legen, ohne dass irgendwelche Ecken und Kanten stören. Eine perfekte Projektionsfläche. Es ist, als ob all das, was die Songschreiber bei dem jeweiligen Stück empfunden und hineingelegt haben und was Wöhler jetzt empfindet und hineinlegt, ohne Umwege beim Publikum ankommt. Als würde im Aegi plötzlich eine kollektive Seele den Raum füllen. Da sitzen erwachsene Menschen, hören ein Stück, das sie noch nie gehört haben („Peace of Mind“ von Mindy Smith), haben Tränen in den Augen und wissen nicht, wieso.

Das macht Wöhlers Stimme. Vielleicht kann er es, weil er Schauspieler ist. So, wie er sein Gesicht einer Figur leiht, leiht er seine Stimme dem Innenleben der Lieder. Man spürt es mehr, als dass man es hört.

Gejohle, Gepfeife, Geklatsche und Fußgetrampel nach zwei Stunden. Dreimal holt das Publikum die Band wieder auf die Bühne. Und dann noch ein viertes Mal für eine Extraverbeugung. Erst als Wöhler sich ausdrücklich verabschiedet, glauben die Leute, dass es vorbei ist.

Von Bert Strebe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Musik
Lina im Capitol

Lina, bekannt vorallem aus den Bibi & Tina Filmen, hat die Kinoleinwand gegen Konzerthalle getauscht. Auf ihrer Tour "Wie ich bin 2016" ist sie auch in Hannover im Capitol aufgetreten.