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Salzburger Festspiele

Wolfgang Rihm führt Nietzsche-Oper auf


Ein Philosoph im Irrgarten: Komponist Wolfgang Rihm verlangt dem Publikum der Salzburger Festspiele mit seiner Nietzsche-Oper "Dionysos" einiges ab. Doch die Zuschauer sind begeistert - wenn auch vielleicht nur, um sich nicht als Nichtdenker zu entblößen.
Zeitunglesen bildet: Johannes Martin Kränzle als "N."in der Opernfantasie "Dionysos".

Zeitunglesen bildet: Johannes Martin Kränzle als "N." in der Opernfantasie "Dionysos".

© ap

Zu Nietzsche fällt noch jedem etwas ein. Der normale Bildungsbürger hat Zarathustra, den Übermenschen und den Antichristen im Gedächtnis. Der Musikfreund kennt Nietzsches Hassliebe für Richard Wagner. Der Künstler Jonathan Meese denkt vor allem an buschige Augenbrauen und einen noch buschigeren Schnurrbart. Und der Komponist Wolfgang Rihm hat sich seit mehr als drei Jahrzehnten immer wieder mit dem Dichter und Denker Nietzsche auseinandergesetzt.

Wenn jetzt Jonathan Meese die Uraufführung einer Nietzsche-Oper von Wolfgang Rihm bebildert, dann bringt das musikalische Bürger zum Jubeln: Die Uraufführung von Rihms „Dionysos“ bei den Salzburger Festspielen geriet zum einhelligen Erfolg. Mag aber sein, dass die Ratlosen (die es, den Gesichtern nach zu urteilen, auch gab) sich nicht als Nichtdenker entblößen wollten.

Denn einfach macht es einem dieses knapp zweistündige Opus (plus Pause) nicht. Eine Oper will das nicht sein, sondern eine „Opernfantasie“. Der Untertitel „Szenen und Dithyramben“ gibt die Marschrichtung vor.

Es sind Szenen aus Nietzsches Werk und seinem Leben. Und Nietzsches „Dionysos-Dithyramben“ dienen als Wortsteinbruch, in dem sich Rihm bediente: „Die Worte sind von Nietzsche, der Text ist von mir.“ So viel Freiheit ist erlaubt, weil ja auch Nietzsche mit dem Dithyrambos, dieser antiken Chorlyrik, sehr frei umgesprungen ist.

Mehr als anderthalb Jahrzehnte trug sich Rihm mit dem Plan zu diesem Werk, dann verwarf er alles und begann im Dezember vergangenen Jahres ganz von vorn (mit einem auskomponierten Frauenlachen). Vor zwei Monaten war das Werk dann vollendet. Dass alle Beteiligten in dieser kurzen Zeit das anspruchsvolle Stück respektheischend einstudierten, macht diese erste Opernpremiere der diesjährigen Salzburger Festspiele zu einem Kunststückchen. Bühnenbildner Meese und Regisseur Pierre Audi jedenfalls arbeiteten sich am Thema Nietzsche schon ab, als die Oper noch gar nicht fertig komponiert war.

In vier Szenen schickt Wolfgang Rihm seinen Helden an einen See, ins Gebirge, durch drei Innenräume und schließlich auf jenen Platz in Turin, wo Nietzsche mit ansehen musste, wie ein Kutscher sein Pferd prügelte. Was ihn endgültig in den Wahnsinn trieb: Seine Briefe an Cosima Wagner, die er Ariadne nannte, unterschrieb er mit „Dionysos“. Dennoch ist das keine tönende Nietzsche-Biografie, noch nicht einmal ein Psychogramm, sondern ein Operngedicht. Eine Paraphrase.

Rihm ist ja nicht nur ungemein gebildet, sondern auch sehr klug. Sein Stück ist ein Irrgarten, aber den Ariadnefaden liefert er gleich mit, auch wenn der manchmal etwas fadenscheinig ausfällt. Nicht umsonst lautet der erste Satz, den „N.“ (wie der Held hier heißt) von sich gibt: „Ich bin dein Labyrinth.“ Das war die Antwort auf Ariadnes zwanzigminütiges Drängen: „Sprich endlich.“

„Ein Gast“ kommt und wird sein Alter Ego. Und sein effektvoll auskomponiertes Echo, wenn beide im Gebirge den Gipfel erstürmen. Dieser gut einstündige erste Teil ist meisterlich komponiert und wird in Salzburg vom Deutschen Sinfonie-Orchester unter dem Rihm-erprobten Ingo Metzmacher furios dargeboten. ­Johannes Martin Kränzle ist ein eminent präsenter „N.“, Matthias Klink ein strahlend höhensicherer „Gast“. Und was Mojca Erdmann als Ariadne in den allerhöchsten Tönen von sich gibt, ist entwaffnend und verzaubernd.

Nach der Pause blendet sich das Stück aus der Salzburger Festivalwirklichkeit wieder ins Fest-Spiel ein. Man sieht noch Bilder aus dem Foyer der benachbarten Felsenreitschule, da hebt der Orchesterklang leise an und setzt sich gegen letztes Publikumsgemurmel durch. Jetzt sind „N.“ und der „Gast“ auf der Suche nach Liebe – auch in einem Bordell, wo sich der Dichter in seinen Worten verliert. Immer wieder bricht Rihms Text die alten Mythen (Apollon zieht dem Helden die Haut ab). Und seine Musik spielt mit der Musikgeschichte. Es gibt einen grandiosen Walzer und einen Choral, der jeder Passion gut anstünde. Aber das sind keine Zitate, sondern Spiegelungen, ferne Echos. Doch so ekstatisch und eruptiv diese Musik auch sein kann, jetzt könnte man sich ein bisschen mehr Straffung gut vorstellen.

Zumal auch die Inszenierung nun zu sehr damit beschäftigt ist, die Geschichte zu Ende zu erzählen, und Jonathan Meese seine piktogrammgestählte Chiff–renwelt zurücknimmt. Da fahren schwefelgelbe Blitze vom Bühnenhimmel, dient immer wieder der Schnurrbart als Erkennungszeichen. Regisseur Pierre Audi greift viele Regieanweisungen des Komponisten auf, die der aber nur als Vorschläge verstanden wissen will. Eine eigene Sicht kann Audi dem Stück so nicht abgewinnen, aber das ist bei einer Uraufführung auch nicht nötig.

Am Ende steht eine Pietà, bei der Ariadne Nietzsches abgezogene Haut in den Armen hält. Dann verschwimmt das Bild, und man sieht nur noch schemenhaft, wie sich alle Beteiligten leise zum Publikum verbeugen. Was sie anschließend natürlich im vollen Licht wiederholen müssen, weil der Jubel groß ist für diese ebenso sperrige wie sinnliche Opernfantasie. Diese Uraufführung bereichert die Geschichte der 90. Salzburger Festspiele. Dass sie allerdings eine Koproduktion mit den Opernhäusern in Amsterdam und Berlin ist, mag den Glanz für Salzburg wieder schmälern. Aber so vernetzt ist heute eben die Kulturszene: Intendant in Amsterdam ist – Pierre Audi. Und Salzburgs Nochfestspielintendant nimmt die Produktion dann mit an die Berliner Staatsoper, wo er demnächst regiert. Nietzsche wäre dazu bestimmt auch etwas eingefallen.

Nächste Aufführungen am 30. Juli, 5. und 8. August.

Rainer Wagner

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