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Podcast: Das Ding Arschitektur
Nachrichten Kultur Podcast: Das Ding Arschitektur
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18:54 01.07.2011
Von Imre Grimm
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Das Objekt – nennen wir es „Stuhli“ – hält sich vorzugsweise in kunstrasenbelegten Draußenesszonen auf.Ein Stuhli-Weibchen kann pro Jahr bis zu 600 Nachkommen gebären. Zur Bestäubung verschachteln sich Stuhlis in senkrechten Stapelgruppen und tauschen dort ihre Gene aus.

Stuhli ist stapelbar, abwaschbar, austauschbar, unsinkbar, absehbar, unhaltbar, cocktailbar, tischnachbar, adebar und escobar. Stuhli ist Möbel-Pöbel – wenn Sie diesen halb garen, einem Presseerzeugnis unwürdigen, billig auf einem Polenmark in Dnjobszjrobszcewje aufgekauften, in einer chinesischen Fälscherwerkstatt von einarmigen Kindern zusammengedengelten 36-Grad-im-Schatten-Kalauer bitte verzeihen mögen.

Das Ding: Weißer Plastikstuhl, ab 9,90 Euro

Der Podcast zum Herunterladen:

www.janssenundgrimm.de

Es ist Urlaubszeit. Die Zeit im Jahr, wo sich der Deutsche gern zu einem Sieben-Euro-Cappuccino an der Piazza (Folklore! Einheimische! Tittenpostkarten!) an wackelige Bistrotische zwängt und sinnend dem Lauf der Dinge und den Bikinimädchen von Ibiza zusieht. Der weiße Plastikstuhl signalisiert schon von Weitem: „Dies ist eine gastronomische Einrichtung, die sich dem Wohlfühl-Wahn verweigert. Geh’ weg! Unsere Speisekarte ist laminiert! Du findest vergilbte Fotos von Chili con Carne mit Schlotze über unserer Theke. Die Kellner haben Auswurf. Du wirst an einem klebrigen Tisch sitzen, deren „Decke“ aus getrockneten Zahnpastastreifen gewebt ist. Die Deutschen kommen trotzdem.

Das Dumme an Stuhli ist bloß: Man kann praktisch nicht drauf sitzen. Stuhldesign ist eben immer auch eine Frage der Arschitektur. Schönes Wochenende!

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