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Kultur Protestikone Daniel Cohn-Bendit beeindruckt das Publikum in Hannover
Nachrichten Kultur Protestikone Daniel Cohn-Bendit beeindruckt das Publikum in Hannover
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00:17 30.10.2018
Staatstragend: Daniel Cohn-Bendit mit Oberbürgermeister Stefan Schostok im Rathaus beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. Quelle: Foto: Rainer Droese
Hannover

Wer könnte eine kraftvollen rhetorischen Schlussakzent bei einer Veranstaltungsreihe im Namen von Hannah Arendt setzen? Wer kann dabei aus eigener Erfahrung zum diesjährigen Thema Protest beitragen? Und war überdies noch persönlich mit der Namensgeberin dieser Reihe bekannt? Daniel Cohn-Bendit ist diese Rolle bei den Hannah-Arendt-Tagen zugefallen, die mit einer spektakulären Rede des Regisseurs Milo Rau begonnen haben. Und er hat sie nicht minder spektakulär beendet – mit einem Plädoyer für Europa und gegen die fragwürdige Exklusivität eines neuen Nationalismus.

„Ein unheimlich lieber Junge“

Dabei hat Cohn-Bendit für seinen Auftritt eine fraglos exklusive Reverenz vorzuweisen. „Er ist ein unheimlich lieber Junge“, zitiert er Worte der seit französischen Exiljahren mit seinen Eltern befreundeten Hannah Arendt über sich selbst. „Tja, das wollte ich ihnen nur mitteilen“, fügt er hinzu, grinst ins Publikum und genießt dessen Auflachen.

Es ist nicht der erste Lacher, den er an diesem Morgen im Schloss Herrenhausen erntet. Daniel Cohn-Bendit, als Kind jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland in Frankreich geboren, war dort 1968 einer der Vorkämpfer der Studentenproteste und wurde dafür als „der rote Dany“ teils zur Leitfigur, teils zum Bürgerschreck stilisiert. Später gab er das Sponti-Magazin „Pflasterstrand“ heraus, war Grünen-Gründungsmitglied, erster Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt und dann, bis 2014, Europaabgeordneter in Straßburg. Und auch mit 73 Jahren tritt er weiter als vitale, pointiert und schlagfertig formulierende Rampensau auf.

1968: „Freiheit und Idiotie“

„Hannah Arendt und 1968, das ist ein Oxymoron“, sagt er da, ein Gegensatzpaar also. Denn den linken Studenten galt die Totalitarismusforscherin als verdächtig, weil sie Parallelen zwischen der Nazi- und der Sowjetdiktatur aufgezeigt hatte. „68, das war eine Zeit der Freiheit und Emanzipation, des Wahnsinns und der Idiotie“, sagt Cohn-Bendit und fügt hinzu: „Unheimlich schön.“

Aber eben auch unheimlich. „Wir haben gesellschaftlich gewonnen“, sagt er über die 68er, „und politisch verloren. Zum Glück. Denn wir waren nicht ganz dicht.“ Zwar habe man damals mit Recht autoritäre Strukturen in Frankreich und Deutschland kritisiert, doch dabei, als vermeintliche Alternativen, Bilder von Stalin, Mao oder Che Guevara herumgetragen. „Lauter reale oder potenzielle Diktatoren – da waren alle Schattierungen des Wahnsinns vertreten.“ Eher nebenbei stellt Cohn-Bendit klar, dass er selbst als „libertärer Anarchist“ durchaus dagegengehalten habe. „Man kann in der Bundesrepublik alles kritisieren, aber man kann es eben“ - für solche Sätze sei er selbst Zielscheibe von Kritikern aus der dogmatischen Ecke geworden. Dabei habe er bei Demonstrationen den Polizisten ein „Geht doch nach drüben, wenn ihr keine Demos wollt!“ entgegengebrüllt. Und tatsächlich hat Cohn-Bendit längst Kontakte zu Oppositionellen in der Sowjetunion, als die SPD noch auf „Wandel durch Annäherung“ an die Sowjetmacht setzt.

Ganz neue Bewegungen

Schon darin kann man einige Aktualitäten erkennen, über aktuelle Proteste hat dann noch Sabrina Zajak gesprochen, die an der Berliner Humboldt-Universität soziale Bewegungen erforscht. Demonstrationen wie „Unteilbar“, an der vor zwei Wochen in Berlin 250.000 Menschen teilgenommen haben, „United against Racism“ in Hamburg, „Seebrücke“ in Frankfurt oder die „Pulse of Europe“-Kundgebungen zeugten davon, dass es wachsenden Zusammenhalt im Einsatz für demokratische Institutionen und gegen antieuropäische Impulse gebe. „Da kann man schon von ganz neuen sozialen Bewegungen sprechen“, sagt Zajak, einer Bewegung in der Tradition von 1968. „Wer redet heute noch über das Banal-Böse-Idiotische der AfD?“, sagt Cohn-Bendit. „Aber wenn die EU scheitert, dann scheitern die Bedingungen für Autonomie und Stabilität in Europa, dann sind alle Errungenschaften seit 1945 in Gefahr.“

Welche Rolle spielt das Internet, wo ist die Grenze zwischen zivilem Ungehorsam und legitimem Protest, fragen Zuhörer bei in der abschließenden Podiumsrunde, und, tja, was ist eigentlich mit den Demonstrationen von AfD- oder Pegida-Anhängern? Das Netz, sagt Zajak, sei nur einer von mehreren Mobilisierungfaktoren, am Ende zähle weiter die Bereitschaft auf die Straße zu gehen. „Zu demonstrieren ist kein ziviler Ungehorsam, sondern von der Verfassung geschütztes Recht“, sagt Cohn-Bendit. „Wer dabei Steine wirft, überschreitet die Grenzen von Intelligenz und Verstand.“ Und die Rechtspopulisten setzen nach Zajaks Worten, ganz anders als die neuen sozialen Bewegungen, auf nationale Exklusivität, auf den Ausschluss von Fremden und Minderheiten und die Delegitimierung demokratischer Institutionen als bürokratisch, elitär oder links unterwandert.

„Jüngere begeistert“

All das im Namen des Volkes? „,Das Volk‘, das ist eine Chimäre“, sagt Cohn-Bendit und bestreitet den Anspruch von AfD-Politikern wie Alexander Gauland, für das Volk zu sprechen. „Wenn die AfD bei Wahlen zwölf Prozent holt, dann repräsentiert sie eben diesen Anteil – und nicht die anderen 88 Prozent“, sagt er - und dann verwandelt er sich für ein, zwei Sätze in einen Parteipolitiker: Die Grünen hielten als einzige klar Distanz zu populistischen Tönen, das werde von einem wachsenden Teil der Wählerschaft honoriert, anders als etwa die Politik der SPD, sagt er und fügt achselzuckend ein „Tschuldigung“ mit Blick in die erste Reihe hinzu, wo der frühere SPD-Landesvorsitzende Wolfgang Jüttner, Oberbürgermeister Stefan Schostok und dessen Vorvorgänger Herbert Schmalstieg sitzen.

Für die Hannah-Arendt-Tage, zu denen in diesem Jahr auch eine Ausstellung im Sprengel-Museum gestartet ist und es Veranstaltungen mit Netzaktivisten und Schülern gab, zieht Stefan Schostok immerhin eine Positivbilanz: „Es ist gelungen, Jüngere für Hannah Arendt begeistert zu haben“, sagt der Oberbürgermeister. „Darüber freuen wir uns und sind sehr stolz.“

Die Hannah-Arendt-Tage 2019 finden vom 22. Bis zum 26. Oktober 2019 statt.

Von Daniel Alexander Schacht

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