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00:18 18.04.2019
Die schwedische Schauspielerin Bibi Andersson. Quelle: Pressensbild/epa Scanpix Sweden/
Stockholm

Es gibt Gesichter, die werden im Reden zu Seelenlandschaften. Die öffnen Blicke ins Innere. Das sind ganz sicher die größten Momente, die das Kino kennt. Bibi Andersson, die so blond war wie man sich schwedische Blondinen nur vorstellt, hatte ihren ersten großen Kinomoment 1966. Sie war Alma, die Krankenschwester, die eine stumm gewordene Schauspielerin betreut. Einmal erzählt sie ihr von Sex am Strand. Die Kamera blickt unendlich lang nur in ihr Gesicht. Das denkt nach. Das wird lebendig. Das ist verstört. Das ist von sich selbst überrascht. Die klaren Augen, der schöne Mund erzählen mehr als jedes Wort. Ein Stillleben, das lebt.

Ingmar Bergman hieß der Regisseur. „Persona“ öffnete Bibi Andersson den Weg in den Starhimmel. Danach rief auch das Ausland, holte John Huston die schlanke Schöne aus dem Norden („Der Brief an den Kreml“), auch der Franzose André Cayatte („Anklage Mord“) und Robert Altman („Quintett“) Sie war an Bord des Katastrophen-Fliegers „Airport 80 – Die Concorde“ und ritt als Weiße, die von Apachen gefangen gehalten wird, in Ralph Nelsons „Duell in Diablo“.

Alles wohl eher Brotarbeit. Die Auftritte erreichten nie die Intensität des Spiels in jenen 13 Filmen, die sie mit Ingmar Bergman drehte. 1951 trafen sich beide das erste Mal. Mit 16 Jahren trat sie, verschwitzt im barocken Plüschkostüm, in einem Bergman-Werbespot für Seife auf. Der Meister war fasziniert. 1956 kam sie ans Theater von Malmö, in das Bergman-Ensemble, und in seine private Nähe. Dass sie damals ein Paar waren, klang in Dokfilmen über den Seelen-Erkunder, in denen auch Bibi Andersson sich erinnerte, immer wieder durch.

Bergman fand in ihr sein Ideal, im Heiteren wie im Dramatischen. Bibi Andersson besaß jenes skandinavische Spieler-Gen, das Natürlichkeit mit Artistik, Realismus mit Psychologie verbindet. Das Charaktere erkunden kann, ohne zur Seelen-Akte zu werden.

Sie war die lebensfrohe Schauspielerin Mia im düsteren „Siebenten Siegel“, die verführerische Jugendliebe eines alten Mediziners in „Wilde Erdbeeren“, die Magd Sara in „Das Gesicht“, die in Versuchung gebrachte, jungfräuliche Britt-Marie in „Das Teufelsauge“, die Geliebte eines selbstverliebten Kritikers in „Ach, diese Frauen“, das schwangere Arbeitermädchen, das eine Abtreibung versucht, in „Nahe dem Leben“ (Ensemble-Darstellerpreis 1958 in Cannes) und die verheiratete Arztfrau Karin in „The Touch“, die in eine Affäre mit einem Restaurator gerät.

Wer wissen möchte, wie erotisch knisternd Versuchung und Verführung sein können, der sollte sich den ersten, hastigen Sex von Bibi Andersson und Elliott Gould ansehen. Was Bibi Andersson nicht mit Bergman drehte, das verblasst neben dem Bergman-Universum. Auch jener so frische wie schwungvolle Auftritt in Mai Zetterlings feministischem Wirbel „Die Mädchen“.

Bibi Andersson blieb ihr Leben lang eine dramatische Schauspielerin. Dreimal heiratete sie, erst den Regisseur Kjell Grede (1960 bis 1973), dann den Politiker Per Ahlmark (1979 bis 1981), zuletzt 2004 den Arzt Gabriel Morza Baeza. 1996 erschien ihre Autobiografie „Einen Augenblick“, 2009 erlitt Bibi Andersson, die zwischen den Filmen immer wieder auf der Bühne stand und im Theater auch inszenierte, einen Schlaganfall – und verlor die Sprache. Sie musste in ein Pflegeheim, in dem sie am Sonntag starb – im Alter von 83 Jahren.

Von Norbert Wehrstedt

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